Frankreichs Paul Pogba Vom Weltstar zum Wasserträger

Paul Pogba war einmal das, was nun Kylian Mbappé ist: Frankreichs Versprechen auf eine goldene Zukunft. Beim WM-Triumph der Franzosen blieb ihm eine Nebenrolle. Es ist die Rolle seines Lebens.

Paul Pogba
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Paul Pogba

Aus Moskau berichtet


Momente vor dem Anpfiff des WM-Endspiels stehen die 22 Spieler im Tunnel, aus dem sie, am WM-Pokal vorbei, auf den Rasen schreiten werden. Man sieht Kylian Mbappé, den 19-Jährigen, bei dem sich alle einig sind, dass er einmal ein Weltklassespieler wird. Mbappé lächelt, wie nur jemand lächeln kann, der sich keinen Kopf macht über die Bedeutung dessen, was vor ihm liegt. Hinter Mbappé steht Paul Pogba, er lächelt nicht. Da ist keine Vorfreude, nur Anspannung.

In Frankreich herrscht seit Jahren Sehnsucht nach einer Nummer zehn, einem offensiven Mittelfeldspieler wie einst Michel Platini und Zinédine Zidane es waren. Pogba, 25, sah sich imstande, sie zu stillen. Er hätte es auch machen können wie Mbappé, lächeln und schweigen.

Doch Pogba wählte den schwierigen Weg. Er sprach davon, er wolle besser werden als Pelé und Franz Beckenbauer, besser als die Besten also. Da war er 21.

Gerecht wurde er den Erwartungen seither selten. Von seinen Fans wird er verehrt, andere halten ihn für überschätzt. Die allermeisten sagen, Fußball spielen, das könne er. Aber wo ist die Demut? Pogba ist ein extrovertierter Typ, bei Instagram folgen ihm 25 Millionen Menschen, in seinem Profil steht als Motto: "Born ready", bereit geboren.

Paul Pogba behauptet den Ball
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Paul Pogba behauptet den Ball

Auf dem Platz ist Pogba zwar ein begnadeter Techniker, er ist groß, schnell, spielintelligent, kann dribbeln, im offensiven Mittelfeld aber überzeugte er nie restlos. Frankreichs Nationaltrainer Didier Deschamps ließ Pogba nun ziemlich defensiv spielen. Bei gegnerischem Ballbesitz bewacht er die Zone hinter Mbappé, der es mit dem Verteidigen nicht immer so genau nimmt, so auch im WM-Endspiel.

Ivan Rakitic rückt im kroatischen Spielaufbau etwa dorthin, wo Mbappé verteidigt, dieser aber greift Rakitic nicht an, er hat eigentlich die Aufgabe, Kroatiens Linksverteidiger zu decken. 15 Minuten geht das so, dann ergreift Pogba die Initiative und rückt aus seiner tiefen Position nach vorne und presst Rakitic. Ein weiter Weg, der meist keinen Ballgewinn einbringt, aber wichtig ist.

Pogba wie einst Deschamps

Gewinnt er mal den Ball, soll Pogba Mbappé in Szene setzen. Er ist eine Art Lieferbote für den sechs Jahre jüngeren Teamkollegen. Nach dem Pass folgt Zurückhaltung. Pogba hat den Gegenspieler im Blick statt den Laufweg in den Strafraum, er sichert Angriffe meist ab, statt sie zu vollenden. Von wegen Nummer zehn.

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Trainer Deschamps dachte als Spieler selbst stets defensiv. Er hatte in der Nationalmannschaft in Zidane einen Ausnahmekönner vor sich, ihm hielt er den Rücken frei, Wasserträger nannte man das. Vielleicht hat Deschamps in Pogba etwas erkannt, das dem Spieler selbst verborgen geblieben war. Etwas vom jungen Deschamps.

Nach der Pause gelangen die Kroaten häufiger in den französischen Strafraum, das Spiel droht nun zu kippen, Frankreich verteidigt viel zu tief, der Weg zum gegnerischen Tor ist viel zu weit. Dann kommt der Ball zu Pogba, und der tut etwas, was neun von zehn Fußballern nicht versuchen würden, die meisten, weil ihnen die Vision fehlt, die übrigen, weil sie wissen: Das klappt nie.

Pogba schießt den aufspringenden Ball aus der Luft nach vorne, 50, vielleicht 60 Meter weit, durch die kroatische Abwehr hindurch, mit viel Schnitt und genau in den Lauf von Mbappé. Es gab brillante Pässe bei der WM, doch dieser hier ist der spektakulärste.

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Während Mbappé losdribbelt, trabt Pogba in Richtung Strafraum, er weiß ja, er muss absichern. Aber dann erkennt er seine Chance. Die kroatischen Verteidiger schauen alle auf Mbappé und Antoine Griezmann, so wie alle Welt, sie sind Frankreichs Stars bei dieser WM.

Pogba schleicht an den Strafraumrand, dann winkt er kurz, und tatsächlich, der Ball kommt zu ihm. Erster Schuss mit rechts, Vollspann, geblockt. Zweiter Schuss mit links, Innenseite, drin. Dieser zweite Schuss ist ein kleines Kunstwerk, so wie der Pass zuvor auf Mbappé. Statt erneut den Vollspann zu nutzen, schlenzt er den Ball um Kroatiens Luka Modric herum, der den Weg blockiert.

Paul Pogba mit dem WM-Pokal
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Paul Pogba mit dem WM-Pokal

Lange nach dem Abpfiff, als der WM-Pokal längst überreicht wurde und der Rasen klitschnass ist vom Regen, läuft Pogba los, dann wirft er sich zu Boden und rutscht durch das Nass, dass es zu den Seiten spritzt, so wie kleine Kinder es im Garten tun, wenn es heftig geregnet hat. Dann steht er auf und schaut auf die Ränge, er breitet die Arme aus, schiebt die Brust vor: Seht her, ich bin Weltmeister. In dieser Pose erstarrt er einige Momente, er tut das ganz für sich allein, die Mannschaft feiert einige Meter abseits. Im Schatten will er nicht mehr stehen, das musste er auf dem Spielfeld oft genug.

Später stürmt Frankreichs Mannschaft die Pressekonferenz von Deschamps, die Spieler feiern ihren Trainer. Sie tanzen, singen, nach ein paar Minuten sind sie wieder verschwunden. Pogba aber bleibt, er sucht Deschamps Nähe, das hat er schon direkt nach dem Abpfiff getan. In seinem Eifer stößt er die kleine Trophäe um, die dem Trainer anlässlich des Titels feierlich überreicht worden war.

"Sorry", sagt Pogba, und dann: "Sorry, sorry, sorry." Dann macht er sich ganz groß und ruft: "Vive la France, vive la République." Sein Versprechen von einst hat er nicht eingelöst, er wird es vielleicht nie. Frankreichs Stolz ist ihm dennoch gewiss.



insgesamt 15 Beiträge
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treime 16.07.2018
1. Schade!
Der emotionalste Moment fehlt: das erste Tor Panamas bei einer WM!!! Und wie die Fans darüber positiv ausgeflippt sind, als wären sie Weltmeister geworden. Ein wunderschön herausgespielter und geschossener Treffer, vom (glaube ich) ältesten Spieler des Teams, der nur kurze Einsätze hatte. Mit soviel Demut (Fans und Mannschaft) kennen sich manche Teams gar nicht mehr aus ;)
mbb209 16.07.2018
2. Selten so einen Unsinn gelesen
Vom Weltstar zum Wasserträger, Nebenrolle, also bitte, hat der Autor die Spiele nicht gesehen ? Pogba ist zu Geniesteichen fähig und mittlerweile hat er auch den eigentlichen Schlüssel zum Erfolg verinnerlicht: Mannschaftsdienlichkeit.
georg.w.diehl 16.07.2018
3. Gesülze
diese Beweihräucherung erwartbarer Fussballerleistungen (die oft genug nicht erbracht werden), nur um wichtig zu klingen, geht mir wirklich auf die Nerven. Pogba´s Tor war also 'ein kleines Kunstwerk'. Ich weiss ja nun nicht, welche Maßstäbe der Verfasser an Kunst anlegt, aber von einem Profi, der zig Millionen verdient, kann man wohl auch erwarten, dass er einen ruhenden Ball, ca. 14m vor dem Tor, aufs Tor bringt, und auch das er die erforderliche Schusstechnik anwendet. Das war gut gemacht und ein schönes Tor, aber ein Kunstwerk... Da sollte sich lieber mal einer darüber auslassen, warum der unfairste Spieler des Endspiels zur Belohnung dafür noch zum man of the match gewählt wird. Ein absoluter Skandal. So macht man den Fussball kaputt.
festerfeinbein 16.07.2018
4. Definitif kein Kunstwerk, sein Tor.
Er kann einfach leidlich gut mit beiden Füßen. Das Bällchen fällt ihm vor das linke Füßchen, nachdem er mit rechts geblockt wurde. Er kann gar nicht anders als schnell mit links zu schießen. Er hat Glück, daß der wenig platzierte Schuss vom schwachen Torhüter nicht gehalten wird. Das ist die ganze Wahrheit. Der Autor analysiert nicht sachlich, sondern erzählt ein Märchen. Er scheint keine Ahnung vom Fußball zu haben. Aber er muß halt eine Geschichte schreiben.
meresi 16.07.2018
5. Frankreich
interessiert keinen mehr, nachdem man das Spiel der Kroaten gesehen hat. Ich hoffe der Trainer bleibt und wird in der Folge versuchen dieses Team weiterhin zu verstärken mit neuen hungrigen Spielern. Auf ein Neues...Kroatien, ihr habt eure Gegner in Angst und Schrecken versetzt
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