Reaktionen auf Mertesacker "Wie will er weiter im Profifußball tätig sein?"

Mit seinen Äußerungen im SPIEGEL hat Per Mertesacker ein großes Echo ausgelöst. Die Reaktionen reichen von Lob bis hin zu Unverständnis anderer Ex-Nationalspieler.

Per Mertesacker
imago/ Focus Images

Per Mertesacker


Per Mertesacker hat wenige Monate vor seinem Karriereende einen kritischen Blick auf das Leben als Fußballprofi geworfen. Die Privilegien seien ihm bewusst, aber "irgendwann realisierst du, dass alles eine Belastung ist, körperlich und mental. Dass es null mehr um Spaß geht, sondern dass du abliefern musst, ohne Wenn und Aber. Selbst wenn du verletzt bist", sagte der 33-Jährige dem SPIEGEL. (Lesen Sie hier die ganze Story.)

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Heft 11/2018
Depression: Wie gerät man hinein - wie kommt man heraus?

Seine gesamte Profikarriere hindurch, so Mertesacker, habe er an Spieltagen körperlich auf den Druck reagiert, bis hin zu Brechreiz und Durchfall. Mertesacker gehörte zum deutschen Weltmeister-Kader von 2014 und ist momentan Profi des englischen Klubs FC Arsenal.

Seine Aussagen gegenüber dem SPIEGEL sind bemerkenswert, das Leserinteresse und die Reaktionen in den sozialen Medien waren außergewöhnlich hoch.

Mertesacker hat auch über den Druck bei der Heim-Weltmeisterschaft 2006 gesprochen. Die Angst vor einem Fehler, die er empfunden habe, sei "unmenschlich" gewesen.

Als die deutsche Mannschaft im Halbfinale gegen Italien ausgeschieden sei, sei er enttäuscht gewesen, aber vor allem erleichtert. "Ich weiß es noch, als wäre es heute. Ich dachte nur: Es ist vorbei, es ist vorbei. Endlich ist es vorbei".

Sein damaliger Teamkollege Christoph Metzelder zeigte sich von den Aussagen überrascht. "Ich habe die WM 2006 überhaupt nicht so empfunden. Ab einem gewissen Punkt waren wir auf einer Welle", sagte Metzelder als Sky-Experte während der Samstagsspiele der Fußball-Bundesliga. Auf Twitter versuchte der 37-Jährige später, seine Reaktion zu entschärfen:

Klares Unverständnis hingegen äußerte Ex-Nationalspieler Lothar Matthäus: "Nationalmannschaft spielt man ja freiwillig. Er hätte ja aufhören können, wenn der Druck so groß war." Bezogen auf Mertesackers künftiges Engagement in der Nachwuchsabteilung des FC Arsenal sagte Matthäus: "Wie will er nach diesen Aussagen weiter im Profifußball tätig sein? Er hat doch die Idee, im Nachwuchs zu arbeiten. Wie will er einem jungen Spieler diese Professionalität vermitteln, wenn er sagt, dass da zu viel Druck ist. Das geht nicht."

Das RTL-Format "Punkt 12" reagierte mit diesem Facebook-Eintrag auf die SPIEGEL-Geschichte:

Verständnislos hat auch der frühere Leverkusen-Manager Reiner Calmund die Mertesacker-Aussagen bei Sky kommentiert: "Wenn er nicht mit dem Druck zurechtgekommen ist, hätte er halt aufhören sollen. Warum hat er dann nach der WM 2006 noch weitergespielt?" Die Aussagen der Sky-Experten führten zu heftigen Reaktionen. Ein Twitter-Nutzer schrieb: "Genau deshalb traut sich keiner, etwas im Profifußball zu sagen. Schämen solltet ihr euch."

Andere Twitter-User schrieben, einige hätten aus dem Suizid von Robert Enke nichts gelernt. Der frühere Nationaltorwart nahm sich 2009 wegen schwerer Depressionen das Leben. Ein Twitter-User kommentierte: "Wenn etwas wie bei Robert Enke passiert, wird immer viel schlau dahergeredet. Aber wenn Mertesacker mal was offen ausspricht, wird er dafür kritisiert. Doppelmoral in Reinkultur."

jan



insgesamt 56 Beiträge
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Seite 1
durchsichtig 11.03.2018
1. Ambivalent
Ich kann beide Seiten nachvollziehen. Einerseits Mertesacker, nicht jeder Spieler kommt mit dem Druck klar. Druck von allen Seiten, dem Verein und von der Tribüne. Da hilft kein Millionengehalt, wenn die Psyche nicht mitspielt. Da hilft nur: aussteigen. Andererseits hat Matthäus nicht unrecht. Ein Mann, der öffentlich seine Unfähigkeit eingesteht mit den Anforderungen an einen Fussballprofi nicht klar zu kommen ist denkbar ungeeignet den Nachwuchs zu führen. Fussball ist ein hartes Geschäft. Da hilft alles nichts. Wer da mitmischen will, braucht ein dickes Fell. Für alle anderen gibts die Beamtenlaufbahn.
Crom 11.03.2018
2.
Die Frage von Calmund ist doch berechtigt. Warum hat Per Mertesacker weiter gemacht? Was hat ihn gehindert aufzuhören. Das sind doch legitime Fragen. Das muss ja nicht zwangsläufig als Kritik verstanden werden. Ein Profifußballer sollte doch nicht gezwungen werden können, weiter zu machen, wenn er eigentlich nicht will.
hermanngaul 11.03.2018
3. er hat weiter gemacht
weil er es so wollte. Weil es wahrscheinlich auch viele schöne Seiten an seinen Beruf gibt. Per Mertesacker berichtet einfach über seine Gefühle. Er war schon immer mehr als nur ein dumpfer Abräumer. Ein großer deutscher Nationalspieler. Und wo hat er es gelernt? In Bremen natürlich!
charlybird 11.03.2018
4. Mit Sicherheit werden Spieler unterschiedlich
auf diesen Druck reagieren, den sie fraglos haben. Es sind ja auch einige daran gescheitert und von den meisten, die es deshalb nicht in die Spitze schaffen, hört man nie wieder etwas. Insofern ist diese Aussage von Mertesacker selbstreflektierend und mutig. Dass Calmund darauf so reagiert, habe ich nicht anders erwartet, der Mann ist eine mediale Brabbelmaschine, der irgendwann mal vergessen hat, sich selbst zuzuhören und über Matthäus ist eigentlich alles gesagt. Der Gute hat ein derart dickes Fell, dass Druck bei ihm nur Durst erzeugt, weil ihm ein bisschen warm wird. Die Superstars und angebeteten Ballkünstler in der Branche werden sicherlich oft ein anderes Verhalten und Bezug zu diesem Druck haben, als die Wasserholer und Arbeitstiere, die auf dem Platz ''Organisationsarbeit'' leisten. Zu ihnen wird eher ein Mertesacker gehören. Sie sind austauschbarer und auch selten in positiver Kritik, wie zB. die fast mit einem Heiligenschein und irrsinnigen Millionen bedachten Hochtalente. Und natürlich muss man nicht Profifußballer werden, aber sein Können hat dafür gereicht und seine Intelligenz für eine kritische und ehrliche Betrachtung. Also, Chapeau.
milkoutofpowder 11.03.2018
5.
Da menschelt es halt das ist beim Fußball weder beim Spieler noch beim Fan angesagt. Da sagt der eine Uhh und der andere Ahh und egal und unwichtig ist beides. Wenn ein Sport oder Spiel und damit meine ich nicht Schach dein Leben beherrscht wie der Mond die Gezeiten kann schon mal ein Problem auftauchen das nicht mit einem Ball therapiert werden kann. Könnte man spenden damit Experten mal die Klappe halt, ich würde es tun. Hat der Mertesacker einem talentierteren Spieler den Platz weggenommen?
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