DFB-Abwehrchef Mertesacker: Der Turm steht wieder

Aus Danzig berichtet

Seit Joachim Löw bei der Nationalmannschaft das Sagen hat, ist Per Mertesacker der Abwehrchef. Das wird auch bei diesem EM-Turnier so sein, selbst wenn der Dortmunder Mats Hummels Ansprüche anmeldet. Dabei fehlt Mertesacker fast ein halbes Jahr Spielpraxis.

DPA

Wen der DFB vor wichtigen Spielen zur Pressekonferenz aufs Podium schickt, der hat zumeist eine Einsatzgarantie. Von daher hat die Medienabteilung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) in zwei kniffligen Aufstellungsfragen für Aufklärung gesorgt. Am Dienstag stellte sich Mittelstürmer Miroslav Klose den Journalisten, am Mittwoch folgte Abwehrspieler Per Mertesacker. Damit dürfte sich ein Starteinsatz von Verteidigerkonkurrent Mats Hummels beim EM-Auftaktmatch am Samstag gegen Portugal erledigt haben (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Bundestrainer Joachim Löw setzt wie gehabt aufs Bewährte.

Mertesacker war monatelang verletzt, er ist ohne jede Spielpraxis zur Nationalmannschaft gereist, in den Testspielen gegen die Schweiz (3:5) und Israel (2:0) machte er seine ersten Schritte auf dem Platz seit Februar. Man merkte es ihm an.

Es hätte also durchaus Argumente gegeben, den zweiten Platz in der Innenverteidigung neben dem gesetzten Bayern-Spieler Holger Badstuber an Hummels zu vergeben. Der Dortmunder kommt mit dem Erfolgserlebnis zweier Titelgewinne zur EM, wurde mit der Borussia Meister und Pokalsieger. Bei den Schwarz-Gelben ist er der unumschränkte Boss in der Defensive. Aber der DFB ist nicht der BVB.

Beim Bundestrainer herrschen eigene Gesetze - und Mertesacker ist einer der Profiteure von Löws Linie. "Vom ersten Tag der Vorbereitung" an habe der Abwehrspieler gemerkt, dass er "ein positives Feedback des Körpers erhalten" habe. Danach sei es an der Zeit gewesen, "wieder ein Gefühl zu bekommen, wie es ist, in Zweikämpfe zu gehen". Besonders gegen die Schweiz, als Mertesacker die Innenverteidigung gemeinsam mit Hummels bildete, ging ihm dieses Gefühl allerdings augenscheinlich noch ab. Gegen Israel, diesmal mit seinem Partner Badstuber, lief es dann schon besser.

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DFB-Innenverteidiger Mertesacker: Deutschlands Abwehrchef
Für Mertesacker zählt das alles zur ganz normalen Anlaufzeit. Die Verletzungspause sei in gewissem Sinne sogar ein Vorteil für ihn gewesen: "Ich hatte viel Zeit, mich in Ruhe auf das Turnier vorzubereiten." So kann man das natürlich auch sehen.

Abwehrchef - dieses Etikett bekommt Mertesacker seit langem aufgeklebt, er kann damit selbst wenig anfangen. Sagt er zumindest. "Jeder in der Defensive ist aufgerufen, Verantwortung zu übernehmen, es kommt darauf an, gemeinschaftlich gut zu verteidigen", so der 27-Jährige, der nach fünf Jahren bei Werder Bremen im vergangenen Sommer zum FC Arsenal gewechselt war.

In London hat er ein durchwachsenes erstes Jahr erlebt. Erst kam er nicht richtig in Gang, dann kam die langwierige Knöchelverletzung hinzu. Er habe sich erst an den "etwas anderen Stil" in der Premier League gewöhnen müssen, sagt er selbst. In England sind die Zweikämpfe noch robuster als in der Bundesliga, Mertesacker zahlte zu Beginn der Spielzeit in der einen oder anderen Partie Lehrgeld.

Die Saison von Hummels war zweifellos ungleich erfolgreicher; aber der Dortmunder scheint ein anderer zu sein, wenn er bei der Nationalelf ist. Beim BVB ist er mit seinen 1,92 Meter schon körperlich herausragend, gegen den sechs Zentimeter längeren Mertesacker sieht er aber aus wie ein kleiner Bruder. Den natürlichen Führungsanspruch, den Hummels aus Dortmund kennt, gibt es bei der DFB-Elf nicht. Dort gibt es stattdessen über Jahre gewachsene Hierarchien, so flach sie in der Außensicht auch erscheinen mögen. Und Mertesacker, schon lange im Mannschaftsrat, ist in dieser Hierarchie relativ weit oben angesiedelt.

Torwart Manuel Neuer wurde am Mittwoch von den Journalisten gefragt, ob er eine persönliche Vorliebe hege, wer vor ihm verteidigen solle, Mertesacker oder Hummels. Der Bayern-Spieler antwortete gewohnt höflich, am wichtigsten sei, dass man "sich haargenau kennt und die Automatismen sitzen". Er hätte aber auch genauso gut sagen können: Ich will lieber mit Mertesacker zusammenspielen, weil ich ihn viel besser kenne. Eingespielt sein, wissen, was der andere tut, wie er läuft, wo er sich hinbewegt - darauf arbeitet Löw seit Jahren hin.

Wenn zwei Spieler gleich gut sind, bevorzugt der Bundestrainer den, von dem er weiß, wie er den Turnierstress verarbeitet, wie er mit den Drucksituationen umgeht. Für Mertesacker ist es das vierte Turnier gemeinsam mit Löw, für Hummels das erste. Der Bundestrainer wird nicht lange überlegt haben, um zu wissen, wer sein Abwehrchef sein wird.

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