Peru bei der WM Der Lärm bleibt

Die Peruaner sind eine Bereicherung für die WM - wegen ihrer Leidenschaft auf und neben dem Platz. Doch für das Achtelfinale reicht ihre Qualität nicht.

Peruanische Fans
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Peruanische Fans

Aus Jekaterinburg berichtet


Der Himmel war bedrohlich grau über der WM-Arena von Jekaterinburg. Der Wind ging stark. Die Luft war kalt und feucht. Doch es lag nicht an der ungemütlichen Witterung, dass einem während der Partie zwischen Frankreich und Peru immer wieder ein Kribbeln durch Arme, Beine und über den Rücken fuhr.

Es lag an den peruanischen Fans.

32.789 Zuschauer waren nach offiziellen Angaben im Stadion. Und es kommt selten vor, dass 32.789 Zuschauer so laut sind. Auf den Tribünen waren fast ausschließlich die roten und weißen Farben Perus zu sehen. Fans aus Frankreich hatten sich entweder gut versteckt oder waren inkognito angereist. Die Peruaner sangen und brüllten und pfiffen und tröteten 90 Minuten lang. Immer, wenn ihr Team auf Höhe der Mittellinie an den Ball kam und einen Angriff aufbaute, begann das Stadion zu vibrieren. Bei jedem Torschuss donnerte ein tiefes "Uuuuuuhhhh!" durch die Arena.

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Vorrunden-Aus: Peru verzweifelt an Frankreich

Frankreichs Nationalmannschaft, einer der Favoriten bei diesem Turnier, spielte nicht nur gegen die elf Gegner auf dem Feld, sondern auch gegen Zehntausende auf den Rängen. Sie spielte gegen eine Wand aus Lärm. Der Lärm blieb auch, als das Spiel vorbei und Perus Vorrunden-Aus nach der zweiten 0:1-Niederlage - erst gegen Dänemark, jetzt gegen Frankreich - feststand. Die peruanischen Fans sangen einfach weiter. Sie trugen ihre Lieder hinaus in die kühle Nacht von Jekaterinburg.

Die Peruaner sind bei ihrer ersten WM-Teilnahme seit 36 Jahren eine Bereicherung für das Turnier, trotz ihres Ausscheidens in der Vorrunde. Wegen ihrer Fans und auch wegen ihrer Spielweise. Sie werfen sich hinten in jeden Ball und suchen, wenn sie dann in Besitz des Spielgeräts gelangen, mutig den Weg nach vorne. Und sie machen, ganz nebenbei, Hoffnung darauf, dass die Ausdehnung der WM auf 48 Mannschaften zum Turnier in acht Jahren auch eine gute Seite haben könnte. Dann nämlich, wenn weitere kleinere Nationen ein Bild abgeben wie die Peruaner in Russland.

Sie waren in ihren beiden Spielen konkurrenzfähig. Gegen Dänemark verloren sie trotz bester Chancen und eines Elfmeters, den Christian Cueva in Richtung Internationaler Raumstation drosch. Auch gegen Frankreich hielten sie die Partie bis zur letzten Sekunde offen. "Wir haben alles gegeben. Ich kann meiner Mannschaft keinen Vorwurf machen", sagte Trainer Ricardo Gareca, als er hinterher mit getrübter Miene, aber aufrecht vor der Presse saß.

Erfolgreiche Systemumstellung

In der ersten Halbzeit spielten die Franzosen nach dem müden 2:1 gegen Australien zum Auftakt tatsächlich wie ein Anwärter auf den Titel. Es zahlte sich aus, dass Trainer Didier Deschamps sein System geändert hatte und Olivier Giroud anstelle des Ex-Dortmunders Ousmane Dembélé in die Mannschaft nahm. Das Team hätte höher führen können als mit dem einen Treffer durch Kylian Mbappé nach einer guten halben Stunde.

Doch nach dem Wechsel war nicht zu erkennen, welche der beiden Mannschaften Weltmeister werden will und welche froh ist, überhaupt dabei zu sein. Die Peruaner schnürten Frankreich in der eigenen Hälfte ein. Deschamps beschrieb das Geschehen wie folgt: "Wir haben gut verteidigt. Aber wenn wir den Ball zurückhatten, haben wir es nicht geschafft, ihn zu halten. Dann mussten wir wieder verteidigen." Er lag richtig mit dieser Beschreibung.

Vorrunden-Aus nicht nur Pech

Es waren fast nur die Peruaner, die in der zweiten Halbzeit gefährlich wurden. Doch sie schossen entweder knapp über das Tor, trafen das Lattenkreuz oder, wie der eingewechselte Ex-Schalker Jefferson Farfán, das Außennetz. Paolo Guerrero, der von seiner Dopingsperre begnadigte Nationalheld, hatte seine auffälligste Szene schon im ersten Durchgang. Er scheiterte aus kurzer Distanz an Frankreichs Torwart Hugo Lloris.

Und so ist eben nicht nur Pech verantwortlich für das Vorrunden-Aus der Peruaner, sondern auch fehlende Qualität, vor allem im Abschluss. "Wir hatten in beiden Partien zusammen mehr als zehn klare Chancen", rechnete Trainer Gareca vor. Das ist einerseits eine ordentliche Leistung. Eine Leistung, mit der nicht unbedingt zu rechnen war. Andererseits sollte man dann eben auch eine dieser Chancen nutzen.

Für Peru geht es im letzten Vorrundenspiel am Dienstag gegen Australien nur noch darum, den Fans ein kleines Präsent zu machen zum Ende des Abenteuers in Russland. "Es tut uns leid, dass wir ihnen kein besseres Turnier geben konnten. Wir wollen ihnen wenigstens noch einen Sieg schenken", sagte Trainer Gareca. Die Fans werden auf jeden Fall wieder da sein. Sie werden wieder singen und brüllen und pfeifen und tröten.

Und vielleicht wird man sie danach ein bisschen vermissen.



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aurichter 22.06.2018
1. Schade
die Südamerikaner könnten wirklich gefallen und haben keinen Zweifel gelassen, weshalb sie bei der WM dabei sind. Ganz schön anstrengend für die hochfavorisierten Franzosen, die in diesem Spiel auch wieder teilweise ihre Mimosenhaftigkeit eindrucksvoll gezeigt haben. Auch hier wieder die extreme Unsportlichkeit durch die Forderung nach gelben Karten, wann greifen die Referees da endlich mal durch und zeigen diesen Spielern die Karte? Selbst nach Beweis durch Wiederholung, wo man deutlich sieht dass Spieler nicht einmal berührt würden, spielen einige Darsteller den sterbenden Schwan, ein Mbappe war da sehr aktiv, und zeigen dieses Gebaren nur zu deutlich Richtung Schiedsrichter. Nur noch erbärmlich so zu versuchen den Gegner zu schwächen, wenn man schon spielerisch nichts zustande bekommt. Peru hätte mindestens ein Remis verdient gehabt.
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