Köln-Trainer Stöger: Favoritengeschichte aus dem Wiener Wald

Von Jan Mohnhaupt, Wien

Kölner Trainer: Lange blieben nur die Wenigsten Fotos
DPA

Als Spieler konnte Peter Stöger die großen Erwartungen nicht erfüllen. Als Trainer dagegen wurde er häufig unterschätzt und überraschte mit Erfolg. Jetzt soll der Österreicher bei seiner ersten Station in Deutschland mit dem 1. FC Köln aufsteigen.

Das Einzige an Peter Stöger, was breit und eckig ist, sind seine Brillen. Sein Markenzeichen, das er regelmäßig wechselt. Zwölf verschiedene hat er. Vergangene Saison trug er meist ein violettes Modell, mit eingraviertem Austria-Wien-Logo. Nun ist es rot und weiß, in den Farben des 1. FC Köln, den er seit Mitte Juni trainiert. Der Meistertrainer von Austria Wien soll den Zweitligisten, der am Samstag bei Dynamo Dresden (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) in die neue Saison startet, in die Bundesliga führen. Dabei war der 47-Jährige nicht die erste Wahl. Wieder einmal. Es scheint sein Vorteil zu sein, gerne unterschätzt zu werden.

Beim Spieler Peter Stöger war das noch anders: Von ihm wurde viel erwartet. Zu viel. Er sollte in die Fußstapfen von Austria-Ikone Herbert Prohaska treten; sein leichtfüßiger Laufstil erinnerte an Matthias Sindelar, den Star des Wunderteams. Prohaska und Sindelar - größer geht es im österreichischen Fußball nicht.

65-mal spielte Stöger im Nationalteam, die Fußstapfen blieben zu groß. Ernst Happel, der Peter Stöger dort kurze Zeit als Nationaltrainer betreute, sagte über ihn einst, er würde sein volles Potential nie ganz entfalten können, weil er zu hohe Erwartungen in sich setze und dann verkrampfe. Schwere Beine sind schlecht für einen Hoffnungsträger, erst recht für einen leichtfüßigen.

Ogris musste auf Stögers Brillen aufpassen

Kaum einer im Fußball kennt Peter Stöger so lange wie Andreas Ogris. Für ihn ist Peter Stöger einer von denen, die er an einer Hand abzählen kann. Ein Freund. Von 1988 bis 1994 haben sie zusammen bei Austria Wien gespielt. "Er war nicht der Robusteste in den Zweikämpfen und auch nicht der Spieler, der die Mannschaft verbal wachgerüttelt hat", sagt Ogris. "Er hat das mit seiner Schnelligkeit und überragenden Technik wettgemacht."

Ogris nennt Stöger einen "Brillenfetischisten". Und oft genug hat er aufgepasst, dass die Brille ihm nicht zum Verhängnis wurde. Auf Reisen mit der Austria und dem Nationalteam haben sie sich ein Zimmer geteilt. Wenn Peter abends beim Fernsehen eingeschlafen ist, hat "Ogerl" ihm die Brille abgenommen. "Damit er sich mit dem Bügel nicht ein Auge aussticht."

Peter Stöger hat fast in so vielen Vereinen gespielt, wie er Brillen hat: Neun waren es. Nur eine Karrierestation haben ihm die Austria-Fans übelgenommen. Nach einem Jahr in Innsbruck ist er 1995 zum Erzfeind gewechselt, zu Rapid Wien. Für den Austrianer Ogris war es nicht leicht zu verkraften. "Aber sportlich konnte ich es nachvollziehen, er hat dort auch große Erfolge gefeiert. Für ihn persönlich hat mich das gefreut."

"Fest der Pferde, Stöger ist dabei"

Mit Rapid wurde er Meister und stand 1996 im Europacupfinale gegen Paris St. Germain, das Rapid 0:1 verlor. Doch wer über diese Grenze im Wiener Fußball tritt, macht sich auf beiden Seiten unbeliebt. Vor einem Derby hat Peter Stöger sogar Morddrohungen erhalten. Von welcher Seite sie kamen, weiß er bis heute nicht.

Verhöhnt wurde er auch: "Fest der Pferde, Stöger ist dabei!", sangen jahrelang gegnerische Fans, wegen seiner großen Zähne, in Anlehnung an das Wiener Reitturnier. Peter Stöger hat es irgendwann mit Humor genommen. Als das Turnier 2010 ausfiel, hat er sich darüber aufgeregt: "Es kann ja nicht sein, dass die meine Veranstaltung abdrehen!"

Trotz seiner vielen Vereinswechsel hat er sich immer als Violetter gefühlt. Er stammt aus Favoriten, dem Arbeiterviertel im Süden Wiens, wo auch die Austria zu Hause ist. Dennoch war er nie Liebling der Austria-Fans. Prohaska und Ogris verehren sie - Stöger haben sie respektiert.

Er verlässt Austria nach Rekordsaison

Doch in der abgelaufenen Saison hat er eine Wertschätzung erfahren wie nie zuvor. Am Ende haben ihn die Fans sogar angefleht: "Peter, bleib bei uns!", sangen sie nach dem letzten Heimspiel. Sie wussten, was sie an ihm haben.

Als die Austria im Frühjahr 2012 einen neuen Trainer suchte, hatte sie eigentlich Franco Foda bevorzugt. Die Wiener Tageszeitung "Standard" nannte Stögers Verpflichtung dann ein "Bekenntnis zum Mittelmaß".

Im Sommer 2013 steht fest: Es war die Rekordsaison. Die Austria gewann erstmals seit sieben Jahren den Meistertitel, mit 82 Punkten - nie war eine Ligamannschaft besser. Stöger hat aus jungen, unerfahrenen Spielern, von denen nur einer vorher Meister geworden war, eine offensive spielstarke Mannschaft geformt. Seine Spieler nennt er "Ich-AGs", die sich entweder einen Stammplatz erkämpfen oder für einen besseren Verein empfehlen wollen. Jeder für sich.

Drei Aspekte sind ihm dabei wichtig: Vertrauen, Verantwortung und Respekt. Im Sport, das ist seine Meinung, soll keiner zu etwas gezwungen werden. Er selbst fürchtet sich vor Wasser und hat Höhenangst. Von Mutproben, die den Teamgeist stärken sollen, hält er nichts. Er will die Spieler besser machen. Und dass sie sich wohlfühlen.

Peter Stöger lässt sich nicht mehr unter Druck setzen. Wenn es beim 1. FC Köln mit dem Aufstieg in die Bundesliga nicht klappt, dann hat er es wenigstens versucht.

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insgesamt 20 Beiträge
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1. Auch wenn meine Beiträge
colognist 18.07.2013
regelmäßig nicht veröffentlicht werden: Viel Glück hier in Köln.
2. Viel Glück
bombus67 18.07.2013
möge er Dr n ruhmreichen Club mit seinen tollen Fans in die 1. Bundesliga führen und dort verankern!!! Come On, FC!!!!
3. Macht einen
Kloppo73 18.07.2013
guten Eindruck, der Herr Stöger, aber an der Fortuna kommt der FC in diesem Jahr nicht vorbei!
4. Sehr gute Entscheidung
stimme.Österreich 18.07.2013
Herr Stöger ist wohl die Trainerhoffnung in Europa!
5. Kölner Umfeld und Presse
Tuennemann 18.07.2013
Ich bin immer etwas skeptisch, was die neuen Trainer beim FC angeht. Es waren verdammt gute dabei, die leider von der örtlichen Presse (insbesondere vom EXPRESS und KSTA) hochgelobt wurden, um dann später, nach Niederlagen, Nichtaufstieg usw. usf. von denselben Redakteuren des EXPRESS und KSTA, zum Teufel gejagt wurden. Ich hoffe, dass es Peter Stöger erspart bleibt.
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