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21. April 2009, 08:29 Uhr

Phänomen Luther Blissett

Zwischen Elton John und dem Tierlabor

Er war ein Produkt des Neoismus: Luther Blissett schoss den FC Watford in die Erste Liga, wurde in Italien wegen Schwarzfahrens verhaftet, war Musiker, Schimpanse und Romanautor. 11 FREUNDE-Autor Dirk Gieselmann erzählt die bizarre Geschichte eines Mannes, den es tausendfach gab.

Den eigenen Namen in einem Lexikon zu lesen, sich einzureihen zwischen den Großen der Menschheitsgeschichte, ist für manche Ziel all ihren Strebens. Ein Eintrag im Brockhaus oder auch nur bei Wikipedia, und die irdische Existenz hat sich gelohnt. Sie werden Luther Blissett beneiden. Denn dieser Mann hat das gleich zwei Mal geschafft: als Fußballer - und als Medienphantom.

Fußballer Blissett bei einem Benefizspiel: Tausendfache Identität
Getty Images

Fußballer Blissett bei einem Benefizspiel: Tausendfache Identität

Die erste Erwähnung verdiente er sich noch selbst. Und das war harte Arbeit. Geboren 1958 in Falmouth, Jamaika, aufgewachsen in den monochromen Vorstädten von Watford vor den Toren Londons, schliff Luther Blissett unermüdlich an seinem bisschen Talent. Disziplin, Enthaltsamkeit, Dauerlauf vor und nach dem Training, Sonderschichten, wenn seine Mitspieler längst im Pub saßen und ihre Pints tranken - Blissett wusste, dass er als Schwarzer in dieser Zeit mehr auf dem Kasten haben musste, wenn er es schaffen wollte. "Wenn du ganz unten bist", sagt er, "dann hast du mehr Anlauf für den Sprung nach oben."

Der Auftakt zu Blissetts Karriere war wie unzählige andere. Wenig deutete darauf hin, dass er je in einem Lexikon Erwähnung finden würde. 1975 lief er erstmals für den FC Watford auf, einen Viertligisten im Schatten der Londoner Superclubs. Dort wäre er wohl geblieben, hätte sich nicht ein Mann in den Kopf gesetzt, seinen Lieblingsverein an die Spitze des englischen Fußballs zu hieven: Elton John, der Paradiesvogel aus dem Popgeschäft, wurde Präsident des FC Watford.

John investierte sein Geld, das er mit Welthits wie "Your Song" und "Crocodile Rock" verdient hatte, an der richtigen Stelle. Der Aufstieg des FC Watford begann - und mit ihm der Aufstieg des jungen Stürmers Luther Blissett. "Elton war ein guter Präsident", erinnert er sich. "Der Club war mehr als nur ein Hobby für ihn. Wenn wir verloren, war er ziemlich sauer. Wenn wir gewannen, war er vollkommen aus dem Häuschen. Aber nur einmal hat er sich für uns an den Flügel gesetzt." 1982 war das, der FC Watford hatte es in nur fünf Jahren bis in die Erste Liga geschafft.

Während die Anhänger des Provinzclubs noch unter dem Jetlag des Durchmarschs litten und sich benommen umsahen, wohin es sie verschlagen hatte, brauchte Blissett keine Eingewöhnungszeit: Er war nun da, wohin er gewollt hatte. 27 Tore schoss er in dieser Saison und machte den FC Watford auf Anhieb zum englischen Vizemeister. "Gegen Terry Butcher oder Steve Bould, diese Kleiderschränke, ein Tor zu schießen, ihnen zu entwischen und das Ding reinzumachen, das war...mein Gott!", sagt Blissett und wird noch immer ganz starr vor Verzückung. "Das war...Wow!"

Was noch fehlte zu Blissetts erstem Lexikoneintrag folgte bald: Der große AC Milan verpflichtete ihn 1983 für eine Million Pfund, im Herbst darauf machte er sein erstes Länderspiel. Beim 9:0 gegen Luxemburg erzielte er einen Hattrick - die ersten Tore eines schwarzen Spielers in der Geschichte der englischen Nationalmannschaft. England kannte ihn, Europa kannte ihn - dann begann der Abstieg. Die drei Tore blieben seine einzigen für England, die Boulevardpresse schmähte ihn bald als "Luther Missit", beim AC Milan konnte er sich nicht durchsetzen. Nach nur einem Jahr ging er zurück nach Watford, ohne die alte Treffsicherheit je wieder zu erlangen. "Zu spüren, dass ich schon mit Mitte 20 den Zenit überschritten hatte, war damals nicht gerade ein Grund zur Freude", sagt er. "Irgendwas war abhanden gekommen. Aber heute denke ich: Hey, die wenigsten schaffen es überhaupt dahin, wo ich war."

Nicht einmal nur die wenigsten, sondern wohl niemand schafft das, was dann folgte: Luther Blissett kam zu seinem zweiten Lexikoneintrag. Er verdoppelte, ja, er vertausendfachte sich, ohne selbst etwas dazu zu tun. Aber der Reihe nach: Anfang der Neunziger, kurz nachdem er seine Karriere bei Mansfield Town hatte ausklingen lassen, blätterte Luther Blissett daheim in einer Zeitung. "Die Meldung musste ich fünfmal lesen und glaubte sie dann immer noch nicht", erinnert er sich. In Rom waren vier Studenten wegen Schwarzfahrens in der Straßenbahn verhaftet worden. Der Schaffner wollte von jedem ein Ticket sehen, sie aber zeigten ihm nur eins. Ihre Begründung, bei der sie auch auf der Polizeiwache blieben, lautete: "Wir sind Luther Blissett!"

Schwarzfahren in Rom? Radtour in Italien?

Der echte Luther Blissett an seinem Küchentisch legte die Zeitung beiseite und war bereit, das ganze als seltsamen Streich in Erinnerung zu behalten. Doch kurz darauf wurde gemeldet, dass ein Mann namens Luther Blissett auf dem Fahrrad durch Italien fährt und auf seiner Route Städte so miteinander verbindet, dass sich daraus das Wort "Art" ("Kunst") ergibt. Er sei, so hieß es, bei dieser Aktion verschollen, und werde jetzt in der Sendung "Chi l'ha visto?", dem Pendant zu "Bitte melde dich!", gesucht. "Wo bist du denn gewesen?", musste sich der echte Luther Blissett daraufhin in den Straßen von Watford fragen lassen, und: "Was machst du denn für Sachen?"

Luther Blissett wusste darauf auch keine Antwort. Er lebte sein beschauliches Fußballrentnerleben, trainierte ein paar Provinzvereine und hatte mit seinen Kumpels John Barnes und Stan Collymore einen Hobby-Rennstall gegründet. Aber Schwarzfahren in Rom? Mit dem Fahrrad Buchstaben in die Landkarte schreiben? Er doch nicht! Ebenso wenig wusste Blissett damals, was Neoismus ist. Heute ist er schlauer: Dabei handelt es sich um eine Gaga-Philosophie, deren Ziel darin besteht, andere Philosophien, ihre Arroganz und vermeintliche Wirkmacht ad absurdum zu führen. Zugleich empört der Neoismus sich über den Unflat der Zivilisation, gegen Arbeitenmüssen, Staat und Kapitalismus. Eine Spaßguerilla, irgendwo zwischen Pogo-Partei und Surrealismus.

Schimpanse, Gastmusiker, Politaktivist und Romanautor

Schon der Gründer dieser Geistesschule, der englische Satiriker Franklin P. Adams, war ein Lausbub. In den Neunziger Jahren nutzten seine Epigonen in Rom und Bologna die Möglichkeiten moderner Medien, um ihre Mitmenschen heillos zu verwirren. Warum sie das unter dem Namen eines ehemaligen Fußballprofis taten, ist wie all ihre Entscheidungen nicht logisch erklärbar und absichtlich sinnlos. Es gibt nur eine Hypothese, und die ist schwach: In seiner Zeit beim AC Milan war Blissett mehrfach rassistisch beleidigt worden. Wollten die Neoisten ihn auf ihre Weise rächen? "Ich habe nie recht verstanden, was diese Jungs wollten", sagt der echte Luther Blissett und reibt sich die Stirn. "Aber wahrscheinlich war genau das ihr Ziel: uns alle zu verarschen." Dann lächelt er: "Also habe ich es ja doch verstanden!"

Ob er es nun verstanden hatte oder nicht: Machtlos war er ohnehin gegen das Treiben seines multiplen Alter Egos. Die italienischen Neoisten agierten aus dem Untergrund heraus und wurden immer mehr. Längst hatten sie in ihrem Manifest erklärt: "Jeder kann Luther Blissett sein, indem er einfach den Namen Luther Blissett annimmt." Tausende Spaß-Guerilleros weltweit machten von diesem Angebot Gebrauch, veranstalteten Aktionen oder behaupteten es so überzeugend, dass die Zeitungen und Fernsehsender auf ihre "homöopathische Gegeninformation" hereinfielen und blindlings darüber berichteten.

Luther Blissett war der Name eines Schimpansen, der angeblich einem Tierversuchslabor entkam, anfing zu malen und seine Werke auf der Biennale in Venedig ausstellte. Zu sehen war dort jedoch nur ein Porträt eines Hermaphroditen, der Symbolfigur der Quatschbewegung. Blissett tauchte als Gastmusiker auf Punkalben auf, Politaktivisten in Deutschland, Spanien und den USA trugen seinen Namen. 1999 dann der letzte und wohl größte Coup des Phantoms, das sich Luther Blissett nannte: Unter seinem Namen erschien der Roman "Q", eine fiktive Geschichte der europäischen Gegenkultur. Da das Impressum erlaubt, das Buch frei zu kopieren, steht es heute noch in unzähligen Bücherregalen linksintellektueller Prägung.

Seppuku am Ende einer willkürlichen Lebensspanne

Kurz darauf beging das Kollektiv Seppukurituellen Selbstmord. Wie all ihre Handlungen war auch dies ein medialer Witz. Natürlich setzte niemand wie japanische Samurai eine Klinge an seinen Bauch und schlitzte ihn unterhalb des Nabels auf, um die Seele entweichen zu lassen. Die Kerngruppen in Rom und Bologna lösten sich schlichtweg auf, sie hatten das Ende einer willkürlich gesetzten Lebensspanne von fünf Jahren erreicht. Seitdem weigern sich die Gründungsmitglieder, sich zu ihren Machenschaften zu äußern. Noch immer geistert Luther Blissett zwar durch Blogs und Foren, er taucht in Booklets auf, ihm wird in Nachworten dadaistischer Gedichtbände gedankt. Doch seine Stimme wird langsam schwächer.

Der echte Luther Blissett wusste nie so recht, ob er darüber lachen oder weinen soll, dass es ihn vielfach gibt. Doch bis zum Tod seiner bizarren Wegbegleiter hatte er sich so an sie gewöhnt, dass er ihnen in der englischen TV-Sendung "Fantasy Football" einen Nachruf widmete und mit weihevollem Ton selbst aus dem Roman "Q" vorlas: "Die Münze aus dem Königreich der Irren baumelt auf meiner Brust und erinnert mich an die ewige Pendelbewegung des menschlichen Schicksals."

Ein Satz der, so verquast er ist, auch über seinem Leben stehen könnte. Einem Leben, aus dem zwei Lexikoneinträge hervorgegangen sind: Luther Blissett, englischer Fußballer. Und: Luther Blissett, Medienphantom. Einer von beiden, wahrscheinlich der Fußballer, lacht: "Ich glaube, das hat nicht mal Elton John geschafft!"

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