Schiedsrichter beim Phantomtor Hilflos in der Hightech-Welt

Das Phantomtor von Sinsheim sorgt für Empörung, Schiedsrichter Felix Brych wurde im Stadion beschimpft. Doch die Unparteiischen sind unschuldig: Sie dürfen keine Technik benutzen - die jeder Smartphone-Besitzer auf den Rängen hat.

Von

Schiedsrichter Brych: "Benzin ins Feuer"
Getty Images

Schiedsrichter Brych: "Benzin ins Feuer"


SPIEGEL ONLINE Fußball
Stefan Kießling sprang hoch, setzte einen Kopfball an und schaute dem Ball hinterher. Ein paar Zehntelsekunden später wandte er sich ab und fasste sich ungläubig an die Schläfen. Knapp vorbei. Oder nicht? Was der Leverkusener Angreifer nicht mehr sah, war, dass der Ball zwischenzeitlich durch ein kleines Loch im Außennetz ins Tor geschlüpft war: Tor. 2:0 für Leverkusen. So sahen es Zehntausende im Stadion.

Nur einige wenige zweifelten, darunter offenbar auch Schiedsrichter Felix Brych. Doch diese Zweifel verbaten sich ja, schließlich lag da der Ball im Netz. Brych traf nun die wohl schwerwiegendste Fehlentscheidung der jüngeren deutschen Fußballgeschichte. Das dritte Phantomtor seit Thomas Helmers Slapstick-Einlage im Jahr 1994 und eines fälschlicherweise gewerteten Treffers in der 2. Bundesliga Süd in der Saison 1978/1979 ist am Freitag Abend in Sinsheim gefallen.

Es wird den Referee nicht trösten, dass fast alle, die ihn derzeit attackieren, in derselben Situation genauso entschieden hätten. Fußball ist ein einfacher Sport: Ein Spiel dauert 90 Minuten. Und ein Tor ist gefallen, wenn der Ball hinter der Linie ist. Einerseits.

Andererseits wird Hoffenheim zurecht Protest gegen die Spielwertung (1:2) einlegen. Ein Wiederholungsspiel ist der einzig faire Ausweg aus dem Dilemma, das selbst Leverkusen "nicht auf so eine Art und Weise gewinnen will", wie Sportdirektor Rudi Völler wissen ließ.

Brych ist einer der besten Bundesliga-Schiedsrichter

Die nächsten Tage dürften spannend werden, schließlich hat der Fußballweltverband (Fifa) 1994 nicht zum letzten Mal wissen lassen, dass Tatsachenentscheidungen der Referees Gültigkeit haben müssen. Fraglich, ob der DFB den Konflikt mit der Fifa wagt. Das Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes wird sich nach sid-Informationen schon Anfang nächster Woche bei einer mündlichen Verhandlung mit dem Fall beschäftigen.

Bedauerlich ist es hingegen, dass mit Brych einer der besten deutschen Schiedsrichter nun als Depp dasteht. Und das nicht zuletzt deshalb, weil ein paar realitätsfremde Funktionäre den Schiedsrichtern die technischen Möglichkeiten vorenthalten, die jeder Fernsehzuschauer und jeder Smartphone-Besitzer hat.

Fotostrecke

10  Bilder
Hoffenheim vs. Leverkusen: Skandaltor und weitere Fehlentscheidungen
Denn mit jeder weiteren Wiederholung, mit jeder Nahaufnahme wird sich Fußball-Deutschland fragen, wie der Schiedsrichter eine solche Fehlentscheidung treffen konnte. Am Freitagabend schüttete der Hoffenheimer Stadionsprecher schon mal "Benzin ins Feuer" (Bayer-Coach Sami Hyypiä), als er mit vor Empörung zitternder Stimme das irreguläre Tor Sekunden nach dem Schlusspfiff auf den Leinwänden abspielte.

Was folgte, war ein gellendes Pfeifkonzert. Es spricht für die Hoffenheimer Verantwortlichen, dass sich sowohl Trainer Markus Gisdol als auch Manager Alexander Rosen ähnliche populistische Ausfälle verkniffen.

Nur ein Spieler protestierte zaghaft

Zumal die allermeisten Zuschauer erst lang nach Schlusspfiff mitbekommen hatten, dass das Tor irregulär war. Ihnen ging es dabei nicht anders als den Spielern. Ein einziger Hoffenheimer Akteur, Eugen Polanski, protestierte überhaupt nur zaghaft beim Referee, allen anderen mag es so gegangen sein wie 1899-Profi Andreas Beck: "Spontan dachte ich, der war nicht drin, aber dann lag der Ball im Tor. Also dachte ich, dass ich die Situation wohl falsch eingeschätzt habe."

Brych schilderte die Szene aus der 70. Spielminute so: "Plötzlich war der Ball im Tor, ich hatte kleine Zweifel, aber die Spielerreaktionen waren für mich eindeutig. Es gab für mich keinen Anlass, daran zu zweifeln, dass es ein reguläres Tor war." Auf der Hoffenheimer Bank und auf der Pressetribüne kippte die Stimmung dann allerdings: Die erste Einspielung auf dem TV-Bildschirm ließ die Ahnung zur Gewissheit werden.

Nun bleiben Fragen: Zum Beispiel, warum ein vierter Offizieller, der Gisdol zu verstehen gab, dass er die Situation richtig eingeschätzt habe, das nicht auch dem Schiedsrichter mitteilte. Oder aber, warum sich Brych nicht wenigstens kurz zur Beratung mit den beiden Assistenten zurückzog? Und wenn es nur in der Hoffnung gewesen wäre, von den Kamerateams etwas zugerufen zu bekommen.

Und natürlich die, warum man in einer solchen Situation das "Spiel nicht einfach mal ein paar Sekunden unterbricht", wie Gisdol vorschlug: "Das dauert zwei, drei Sekunden und stört den Spielfluss überhaupt nicht." Recht hat er.

In einer früheren Version des Textes wurde behauptet, der Treffer sei nach Thomas Helmer das zweite Phantomtor gewesen. Das ist falsch. In der Saison 1978/1979 fiel in der 2. Bundesliga Süd beim Spiel zwischen VfB Borussia Neunkirchen und den Stuttgarter Kickers (4:3) ebenfalls ein Phantomtor für die Gastgeber. Die Partie wurde wiederholt, Neunkirchen verlor dieses Spiel 0:1.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 103 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
widower+2 19.10.2013
1. Fehler
Fehler sind menschlich und das ist für den Schiedsrichter natürlich unglückich gelaufen. Allerdings ist das Schiedsrichterteam auch dafür zuständig, vor dem Spiel die Tornetze zu überprüfen. Dabei wurde anscheinend geschlampt.
frietz 19.10.2013
2.
Zitat von sysopDPADas Phantomtor von Sinsheim sorgt für Empörung, Schiedsrichter Felix Brych wurde im Stadion beschimpft. Doch die Unparteiischen sind unschuldig: Sie dürfen keine Technik benutzen, die jeder Smartphone-Besitzer auf den Rängen hat. http://www.spiegel.de/sport/fussball/phantomtor-in-sinsheim-schiedsrichtern-wird-technik-vorenthalten-a-928759.html
man muss dem Schiriassistenten vorwürfe machen. diese sollen vor dem spiel sowie zu beginn der 2. hz die tore überprüfen. diese laufen dann auch fleißig hin, ziehen ein-zweimal am netz und gehen wieder ihrer wege. ein loch sollte doch auffallen, ist die Überprüfung doch dazu da. ansonsten können sie sich den weg sparen. man muss Kießling einen vorwurf machen, das er GENAU wusste, dass der ball am tor vorbeiging. sieht man an den Fernsehbildern sehr gut.
humble_opinion 19.10.2013
3. Shit happens
Und wenn der Shit 'gehappend' ist tut man das Bestmögliche zur Beseitigung. Letztlich ist es Banane, wem das am meisten anzulasten ist, also Platzwart, Schiri, 'Tor'schützen usw. Da der Schiri das Spiel weiterlaufen ließ, kann leider nur eine Spielwiederholung helfen. Das bedeutet für beide Vereine ein zusätzliches Spiel mit a) Belastung und b) einer Zusatzeinnahme. Mit beidem sollten solche Profimannschaften wohl umgehen können.
rehabilitant 19.10.2013
4. Kießling unehrlich!
Wieso kann man das, was man von Maradona erwartete (die Hand Gottes), nämlich die Richtigstellung der Entscheidung beim Schiedsrichter, nicht von Kießling erwarten? Hätte ihm sicher einen Menge Sympathien eingebracht. Chance vertan, und ob die Punkte bleiben ist auch noch fraglich.
MtSchiara 19.10.2013
5. in diesem Falle bedarf es keiner Technik, sondern intakter Netze
Zitat von sysopDPADas Phantomtor von Sinsheim sorgt für Empörung, Schiedsrichter Felix Brych wurde im Stadion beschimpft. Doch die Unparteiischen sind unschuldig: Sie dürfen keine Technik benutzen, die jeder Smartphone-Besitzer auf den Rängen hat. http://www.spiegel.de/sport/fussball/phantomtor-in-sinsheim-schiedsrichtern-wird-technik-vorenthalten-a-928759.html
In diesem Falle bedarf es keiner Technik. Hier genügt es, wenn das Netz keine Löcher hat. Es bedarf hier einer klaren Regel: Netze dürfen keine Löcher haben, die groß genug für einen Ball sind. Der korrekte Status der Netze ist vor jedem Spiel zu überprüfen. Im Falle fehlerhafter Netze ist der Stadionbetreiber zur Verantwortung zu ziehen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.