Sexismus-Eklat in Englands Frauenfußball Bock zum Trainer gemacht

Phil Neville ist neuer Trainer von Englands Frauen-Nationalmannschaft - obwohl er kaum Erfahrung hat. Jetzt sorgen auch noch sexistische Tweets für Ärger. Hat der Verband aus früheren Skandalen nichts gelernt?

Phil Neville (Archiv)
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Wer einen neuen Job beginnt, zumal einen ziemlich guten, der will nach vorne schauen, loslegen, die Zukunft angehen. Phil Neville muss sich nach seiner Berufung zum Trainer von Englands Frauen-Nationalmannschaft erst einmal mit der Vergangenheit befassen.

So kamen Bemerkungen an die Oberfläche, die er vor ein paar Jahren bei Twitter gemacht hat - sexistische Bemerkungen. Er schrieb zum Beispiel: "Ihr Frauen wolltet immer Gleichberechtigung, bis es darum geht, die Rechnungen zu bezahlen." Oder: "Ich habe nur die Männer begrüßt, weil ich dachte, die Frauen seien damit beschäftigt, das Frühstück vorzubereiten, die Kinder fertig oder die Betten zu machen." Oder: "Entspannt Euch! Habe eben meine Frau verprügelt. Jetzt fühle ich mich besser!"

Vermutlich waren die Bemerkungen als Scherz gemeint. Doch erstens sind sie natürlich ziemlich unpassend für einen Frauen-Trainer, weshalb Neville sein Twitter-Profil mittlerweile gelöscht hat. Und zweitens wirken sie fatal im besonderen Fall von Englands Frauen-Nationalmannschaft.

Mittlerweile hat sich Neville für diese Tweets entschuldigt: Die Kommentare "gaben und geben kein wahres und echtes Bild weder meines Charakters noch meiner Einstellungen ab", sagte der 59-fache englische Nationalspieler. Er sei sich "seiner Verantwortung voll und ganz bewusst".

Vorgänger ging nach Rassismusskandal

Der englische Verband, die FA, hat gerade einen massiven Skandal durchgestanden, der sich um Nevilles Vorgänger Mark Sampson drehte. Sampson wurde im September entlassen; er soll Spielerinnen seines Teams rassistisch beleidigt haben, außerdem warf ihm der Verband Fehlverhalten bei einer vorherigen Station vor. Die FA sah in der Angelegenheit schlecht aus, nahm Hinweise nicht ernst und verschleppte die Aufarbeitung. Der Vertrauensverlust war enorm.

Die Berufung des 41 Jahre alten Neville lässt daran zweifeln, dass der Verband aus der Affäre gelernt hat. Nicht nur wegen der alten Tweets des neuen Trainers. Es scheint, als hätte der frühere Profi von Manchester United und 59-malige Nationalspieler den Posten nur wegen seines Namens bekommen, weil er eben ein etabliertes Mitglied von Englands Fußball-Gesellschaft ist. Erfahrung als Übungsleiter in der Hauptverantwortung hat er nicht. Geschweige denn bei einer Frauen-Mannschaft.

Neville war Co-Trainer bei United und beim FC Valencia. Zuletzt arbeitete er als Fernseh-Fachmann. "Ich habe auf die richtige Möglichkeit gewartet, um in den Fußball zurückzukehren. Für meine Entwicklung als Trainer ist das der beste Job, den ich mir wünschen konnte", sagte er in der vergangenen Woche der BBC über die Nominierung als Frauen-Nationaltrainer.

Phil Neville als Co-Trainer in Valencia (Archiv)
AFP

Phil Neville als Co-Trainer in Valencia (Archiv)

Das klingt, als würde er den Posten nur als Sprungbrett sehen, um irgendwann wieder im Männerfußball zu landen. Aus seiner Perspektive ist das ein nachvollziehbarerer Ansatz. Ein Amt als Nationaltrainer schlägt man nicht aus. Doch die Herangehensweise betoniert den Eindruck, dass es sich beim Frauenfußball um Fußball zweiter Klasse handelt.

Auch in Deutschland ist der Frauenfußball nicht annähernd so bedeutend wie der Männerfußball. Doch als 2016 eine Nachfolgerin für die elf Jahre amtierende Silvia Neid gesucht wurde, entschied sich der DFB für Steffi Jones - auf Basis ihrer Erfahrung im Frauenfußball in verschiedenen Funktionen. Sie war Nationalspielerin, Organisations-Chefin der Frauen-WM 2011 und Direktorin für Frauen- und Mädchenfußball. Sie hatte sich im System Frauenfußball bewährt.

"Tritt in die Zähne"

Bei Neville ist das anders. Angeblich hat er sich nicht einmal um den Posten beworben, sondern wurde den Verantwortlichen der FA im Scherz vorgeschlagen. Seine Berufung sei "ein Tritt in die Zähne für besser qualifizierte Trainer", urteilte der Guardian. Englands frühere Nationaltorhüterin Pauline Cope-Boanas beklagte in der BBC, dass sich viele Trainer "die Leiter hochgearbeitet haben und nicht einmal zum Vorstellungsgespräch eingeladen wurden".

Wie umstritten Neville ist, zeigt der Umstand, dass sogar die Anti-Diskriminierungs-Organisation "Kick it out!" ein Statement abgab. Nevilles Berufung "stellt mehr Fragen als sie Antworten liefert", teilte die Initiative mit. Die FA antwortete mit einem öffentlichen Brief, in dem Verbandschef Glenn Martin den Auswahlprozess nachzeichnet und die Kritik an der Eignung Nevilles zurückweist.

Neville könnte davon profitiert haben, dass andere Kandidatinnen und Kandidaten kein Interesse an dem Posten hatten. Die Trainer von Englands führenden Frauen-Teams Chelsea und Manchester City, Emma Hayes und Nick Cushing, wollten bei ihren Klubs bleiben. Die ehemalige Arsenal-Trainerin Laura Harvey hat gerade eine neue Stelle bei den Utah Royals angetreten.

Der Engländer John Herdman ist von Kanadas Frauen zu den Männern gewechselt. Und die nach Sampsons Aus installierte Interimstrainerin Mo Marley hatte kein Interesse daran, die Aufgabe dauerhaft zu übernehmen. So wirkt es, als sei Neville aus Versehen Nationaltrainer geworden.

Er übernimmt ein ambitioniertes Projekt. Bei der WM 2015 und der EM im vergangenen Jahr scheiterten Englands Frauen erst im Halbfinale. Das Ziel bei der WM in Frankreich im kommenden Jahr ist der Titel. "Er wird einen guten Job machen, weil er Weltklasse-Spielerinnen hat", sagt Ex-Torhüterin Cope-Boanas über Neville.

Sie glaubt an eine gute Zukunft für Englands Frauen. Nicht wegen, sondern trotz des neuen Trainers.



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