Bayern-Kapitän Philipp Lahm: Ein Kleiner wie keiner

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Philipp Lahm: Offensivdrang und Defensivstärke Fotos
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Defensiv ist Philipp Lahm schon lange ein Weltklasse-Außenverteidiger, in dieser Saison zeigt er auch offensiv herausragende Leistungen. Der Bayern-Kapitän ist ein Schlüsselspieler, nie war er wertvoller. Eine Entwicklung, die vor zehn Jahren mit einer Flucht aus München begann.

Philipp Lahm muss ein großer Freund der Wahrheit sein, denn einmal war sie ihm sogar 50.000 Euro wert. 2009 war das, als Lahm der "Süddeutschen Zeitung" ein Interview gab und darin seine Wahrheit über den FC Bayern München erzählte. Der Club würde Transfers ohne Sinn und Verstand tätigen, außerdem fehle es an einer fußballerischen Identität, kritisierte der Nationalspieler. Lahms Wahrheit gefiel dem Verein nicht, er verurteilte den Kritiker zu 50.000 Euro Geldstrafe.

Vier Jahre später wirkt die Wahrheit von damals wie eine Lüge, so sehr ist der Club heute das Gegenteil jener Zeit. "Wir haben ein Spielsystem, wir holen Spieler gezielt", sagt Philipp Lahm im "Bundesliga"-Magazin, es klingt Zufriedenheit durch. Selten wirkte ein Bundesliga-Team so kompakt wie das der Bayern anno 2013, so souverän und so gut abgestimmt. Und selten ergaben Zugänge so viel Sinn wie Javi Martinez oder Mario Mandzukic.

Das Ergebnis aus Clubsicht ist eine Saison der Rekorde. Nie wurde ein Verein früher Meister als die Bayern nach dem Auswärtssieg bei Eintracht Frankfurt. Doch die Wahrheit ist: Auch der Mann, der diese Entwicklung 2009 mit seinem Interview mit anschob, hat sich gewandelt.

Die größte Veränderung lässt sich mit beeindruckenden Zahlen belegen: Nie war der Außenverteidiger in seiner Karriere einflussreicher auf das Offensivspiel als in dieser Saison. Neun Treffer hat Lahm in der Spielzeit bisher vorbereitet (zum Vergleich: In den vergangenen beiden Saisons waren es drei beziehungsweise vier). Hinzu kommen fünf Assists in der Champions League. Dazu gab Lahm in der Bundesliga 40 Vorlagen zu Torschüssen.

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Die Saison-Statistiken von Philipp Lahm

Lahm ist so häufig Gast in der gegnerischen Hälfte, dass man ihn mitunter für einen Rechtsaußen halten könnte. Die neue Freiheit begründet er mit der Stabilität des gesamten Bayern-Systems, "die Außen können offensiver spielen, weil das Zentrum dichter ist", sagt Lahm. Möglich macht die aktive Beteiligung an vielen Toren auch sein offensives Pendant Thomas Müller, dessen defensive Unterstützung die Balance schafft für Lahms Ausflüge. Lahm kann deutlich mehr teilhaben am Angriffsspiel als noch im vergangenen Jahr, als er hinter Robben agierte.

Mit 29 hat Lahm noch mal ein neues Level erreicht - zusammen mit dem Club, den er wohl bis zum Karriereende nicht mehr verlassen wird und mit dem er in dieser Saison nach der Meisterschaft - seiner vierten, aber der ersten als Bayern-Kapitän - endlich die Champions League gewinnen will. Es wäre die vorläufige Krönung einer Karriere, die vor zehn Jahren mit einer Flucht begann.

Bayern vertraute auf Tobias Rau

Heute können sich nur noch Menschen mit gutem Gedächtnis daran erinnern, dass Lahm 2003 in diesem, seinem Club noch nicht viel galt. Weder die Identifikation des Münchners mit dem FC Bayern noch das von Jugendcoach Hermann Gerland bezeugte Ausnahmetalent ("Rakete", "besser als alle anderen seines Alters") hinderten den Club damals daran, statt des 19-jährigen Lahm auf einen externen Bewerber für die Position hinter Weltmeister Bixente Lizarazu zu setzen. Tobias Rau hieß der, er kam aus Wolfsburg und kostete 2,5 Millionen Euro. Er fiel vor allem durch seine sehr blonden Haare auf.

Ein erster Rückschlag in der noch jungen Karriere, der Lahm aber schon damals mit der eisernen Konsequenz späterer Jahre begegnete: Er ließ sich für zwei Jahre nach Stuttgart ausleihen, wo er unter Felix Magath erst zum Stamm- und schließlich zum Nationalspieler wurde. Als er 2005 nach München zurückkehrte, war aus dem ehemaligen Bayern-Lehrling ein selbstbewusster Macher geworden. Zum bevorstehenden Duell mit Weltmeister Lizarazu sagte Lahm: "Ich denke, die Bayern holen mich als linken Verteidiger. Dann schauen wir mal, wer spielt." In der Rückrunde war Lahm Stammkraft - seither hat sich die Frage, wer spielt, nie wieder gestellt.

Lahm hat die Position des Außenverteidigers in München und bei der Nationalmannschaft über beinahe ein Jahrzehnt ohne Konkurrenz dominiert, es ging immer nur um die Frage, wer denn rechts hinten auflaufen würde, wenn Lahm links spielen sollte. Oder andersrum. Die Dominanz hat viele Gründe.

Laut Ottmar Hitzfeld, zweimal Lahms Trainer bei Bayern München, war der Außenverteidiger schon in der Jugend gezwungen, sein Repertoire zu diversifizieren - bedingt durch dessen fehlende körperliche Größe. "Er musste sich andere Mittel zu eigen machen: Geschicklichkeit, Cleverness, gutes Stellungsspiel", sagt Hitzfeld SPIEGEL ONLINE. Gut möglich, dass damals auch dieser extreme Ehrgeiz entstand, der nötig ist, um aus einem sehr guten Spieler einen außergewöhnlichen zu machen.

Kein einziges Spiel Sperre

Wie gut er wirklich ist, zeigt eine unfassbare Statistik: Lahm war in seiner Bundesliga-Karriere noch nie gesperrt. Die Erklärung dafür sieht sein Ex-Coach Hitzfeld in Lahms Charakter: "Er lässt sich nicht provozieren, bleibt immer ruhig, begeht keine Revanchefouls, keine dummen Fouls", so Hitzfeld. Lahm habe ein "sehr geschicktes Zweikampfverhalten, er antizipiert sehr gut."

Was der heutige Schweizer Nationaltrainer meint: Lahm ahnt, wo Pässe landen, bevor sie ankommen - dadurch, so sagt es Hitzfeld, "kann er manchmal im richtigen Moment auch mal vor den Mann gehen und das direkte Duell so vermeiden".

Am nächsten Mittwoch wird es wieder auf ihn ankommen, dann können die Bayern im Rückspiel bei Juventus Turin das Halbfinale perfekt machen. Lahm spricht auch nach dem 2:0 aus dem Hinspiel mit größtem Respekt von den Italienern. Doch am Ende ist Juve nur ein weiteres, machbares Hindernis auf dem Weg zum Ziel, das Philipp Lahm seit jeher antreibt: Ein internationaler Titel. Nur daran will er sich messen lassen, beim FC Bayern München wie auch in der Nationalmannschaft. Noch ist er nur der Mann, der das erste Tor beim Sommermärchen erzielte.

Dabei könnte Lahm längst mehrere große Titel in seiner Sammlung haben, er hätte 2008 nur zum FC Barcelona gehen müssen. Doch er entschied sich gegen den Wechsel, die Titelgarantie und Trainer Pep Guardiola - und für die Heimat und die vage Aussicht, das alles irgendwann mit Bayern München zu schaffen. Ein Traum, der schon in dieser Saison wahr werden könnte.

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insgesamt 34 Beiträge
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1. tobias rau...
spon-facebook-1070490199 07.04.2013
...kam vom VfL Wolfsburg und ging dann erst von München nach Bielefeld
2. Und als ob
SieLebenWirSchlafen 07.04.2013
Zitat von sysopGetty ImagesDefensiv ist Philipp Lahm schon lange ein Weltklasse-Außenverteidiger, in dieser Saison zeigt er auch offensiv herausragende Leistungen. Der Bayern-Kapitän ist ein Schlüsselspieler, nie war er wertvoller. Eine Entwicklung, die vor zehn Jahren mit einer Flucht aus München begann. http://www.spiegel.de/sport/fussball/philipp-lahm-offensivdrang-und-zweikampfstaerke-fuer-bayern-a-891606.html
Und als ob die anderen zuvor erschienen 20 Artikel hier bei SPON um den FCB nicht reichen, werden nun die Spieler einzeln vorgestellt verherrlicht ... Mal so eine bescheidene Frage: Geht`s noch?! Daran erkennt man, wer beim Spiegel in der Redaktion sitzt. Die Propaganda Maschinerie läuft heute besser als damals!
3.
wrdlmpfd 07.04.2013
Eine Rolle für seine damalige Entscheidung, nicht zu Barca zu gehen, dürfte die Perspektive für die Zeit nach der aktiven Karriere gewesen sein. Herr Hoeness hat sehr früh erkannt, dass auch dieses einen “Standortfaktor“ darstellt. Und es würde mich schwer wundern, wenn man nicht auch später noch von dem eloquenten, analytisch denkenden sowie schonungslos ehrlichem Lahm hören würde.
4.
toastfan 07.04.2013
"Ein Traum, der schon in dieser Saison wahr werden könnte." Jetzt geht das schon wieder los. Hochjubeln hat ja auch letztes Jahr der DFB-11 hervorragend geholfen,
5. Hübsch geschrieben,
pnin05 07.04.2013
aber viel falsch: Philipp war vor seiner Ausleihe Rechtsverteidiger, hinter Willy Sagnol. An dem war verständlicherweise schwer vorbeizukommen. Zum Linksverteidiger hat ihn erst Magath beim VfB aus einer damaligen Verlegenheit (Verletzungen) gemacht. Er ist auch nicht aus München geflohen, er hätte schließlich auf beispielsweise eine Verletzung von Sagnol warten können. Er sah einfach die Chance, in Stuttgart eher als in München Spielpraxis zu bekommen. Die Verpflichtung von Tobi Rau (übrigens aus WOB, nicht aus BI) hatte damit gar nix zu tun. Als er dann wieder kam, hatte er einen Kreuzbandriß. Liza war nur aus diesem Grund nochmals eingesprungen, Lahm hat ihn also nicht verdrängt, sondern nach seiner Genesung den ihm von vornherein zugedachten Platz übernommen. Liza war, und das hat er auch mehrfach gesagt, nur noch als "Lückenbüßer" gekommen. Wie wäre es, liebe SpOn-Redaktion, Menschen zu beschäftigen, die wissen, worüber sie schreiben? Wenn Sie, wie erkennbar, Bedarf haben: Sie dürfen mich gerne kontaktieren.
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