Karriere-Ende von Philipp Lahm Die Orte, die mich prägten

Er war Weltmeister, Champions-League-Sieger und achtfacher Deutscher Meister, nun hört Philipp Lahm auf. Für SPIEGEL ONLINE blickt der Fußballer zurück auf die Orte seiner größten Triumphe und bittersten Niederlagen.

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Von Philipp Lahm


516 Vereins-Pflichtspiele, 113 für die Nationalmannschaft - eine beeindruckende Karriere geht an diesem Samstag zu Ende. Philipp Lahm bestreitet gegen den SC Freiburg sein letztes Spiel als Profi. Zum Abschluss schreibt der 33-Jährige über ganz spezielle Orte, an denen er Schlüsselmomente erlebte.

Die Leidenschaft wird geweckt: Trainingsplatz und Vereinsheim des FT Gern

Meine Fußballwiege. Dort habe ich kennengelernt, was Fußball für mich bis heute ausmacht. Ich habe dort sehr viel Zeit auf dem und um den Platz verbracht, Gemeinschaft erfahren, meine ersten Spiele bestritten. Hier hatte ich Ansprechpartner und Vertraute und gelernt, dass Fußball etwas ist, von dem es kein "zu viel" für mich gibt und das ich besser konnte als andere. Ein Ort, an dem wir nach Spielen wieder auf den Platz gegangen sind und weitergekickt haben, bis es dunkel wurde - und darüber hinaus.

Mit dem Sportlerheim und Gern verbinde ich dann natürlich auch meinen Opa, der wie mein Onkel und Papa selber im Verein aktiv war, und mit dem ich die Weltmeisterschaft 1990 angeschaut habe. Das hat meine Fußball-Leidenschaft endgültig geweckt: Ich war zum ersten Mal Fan einer Mannschaft, habe mitgefiebert und mich mit Spielern wie Pierre Littbarski und Lothar Matthäus identifiziert.

Gern wird der Ort bleiben, an dem meine Leidenschaft für den Fußball geweckt wurde.

Der Ort, an dem man mich als Kind meist fand: Der Bolzplatz

Getty Images/ Westend61

Wir haben direkt am Olympiapark gewohnt, mussten nur über die Straße und hatten dort Grünflächen ohne Ende. Wir haben Jacken oder was wir sonst so dabeihatten auf die Wiese geworfen, schon hatten wir ein oder zwei Tore und es konnte losgehen. Das war der Ort, an dem man mich in meiner Kindheit sicherlich mit der größten Wahrscheinlichkeit getroffen hat.

Das erste Tor für die Bayern: Das Grünwalder Stadion

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Mein erstes Tor im Erwachsenenfußball schoss ich für Bayerns Amateure gegen Darmstadt 98 (am 1. Dezember 2001, d. Red.). Es gab in meiner Jugendzeit - und auch später - nicht viele Spiele, in denen ich Tore geschossen habe. An das erste im Grünwalder erinnere ich mich natürlich. Eines meiner schönsten gelang mir in meinem zweiten Finale um die Deutsche Meisterschaft der U19 im Sommer 2002: Wir haben damals in Unterhaching gegen den VfB Stuttgart gespielt, und ich habe aus ungefähr 35 Metern Entfernung getroffen. Vorlage: Bastian Schweinsteiger, der alle vier Tore bei diesem 4:0-Sieg vorbereitete. Die Beobachter waren sich danach einig, dass mein Schuss unhaltbar war. So einer ist mir nie wieder gelungen. Und einen Elfmeter herausgeholt hatte ich an diesem Tag auch noch.

Wenn man aus der Jugendabteilung des FC Bayern kommt, dann war das erste Ziel nicht etwa ein Spiel im Olympiastadion gewesen - oder später in der Allianz-Arena -sondern im Grünwalder Stadion. Zu meiner Zeit haben Amateurteams noch im DFB-Pokal spielen dürfen, sodass für mich mit dem Stadion das erste Aufeinandertreffen mit Profis verbunden ist. Ich erinnere mich zum Beispiel an ein Spiel gegen Schalke, mein Gegenspieler damals: Gerald Asamoah, ein erfolgreicher, wuchtiger Stürmer, der sehr körperbetont gespielt hat. Mit meiner Statur gegen ihn zu bestehen war schon eine große Herausforderung. Immerhin: Asamoah hatte kein Tor geschossen, wir haben aber 2:1 verloren (Torschütze für die Bayern war damals Ralph Hasenhüttl, d. Red.).

Für die ganze Mannschaft war dieses Spiel der erste Test, nachdem wir zusammen die Selektion im Juniorteam Jahr für Jahr durchlebt hatten. Das verbindet, das werde ich nie vergessen.

Erst Balljunge, dann Bayern-Profi-Premiere: Das Olympiastadion

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Die Einladung, als Balljunge im Olympiastadion helfen zu dürfen, war ein sehr kluger Schachzug von den Bayern-Scouts, um mich für den Wechsel vom FT Gern zu begeistern. 1997 stand ich ja beim Champions-League-Finale von Borussia Dortmund gegen Juventus Turin an der Seitenlinie. Es war ein großartiges Erlebnis, die Spieler aus dem Fernsehen live zu erleben, dabei zu sein und bei den Spielen unserer ersten Mannschaft durch die Trikots das Gefühl zu haben, bereits irgendwie dazuzugehören.

Die Bilder von meinem ersten Pflichtspiel-Einsatz im Olympiastadion sind ja zurzeit recht oft zu sehen. Ich wundere mich tatsächlich auch, wie jung ich aussehe. Die Gruppenphase war längst entschieden, das Spiel gegen Lens endete 3:3, aber es war trotzdem ein großer Moment: das erste Mal im Profi-Trikot auf dem Platz. Auch die 90 Minuten vor meiner Einwechslung auf der Ersatzbank mit Bastian Schweinsteiger und Giovane Elber waren beeindruckend. Das ist sicher das deutlichste Bild vom Olympiastadion in meinem Kopf.

Ein Sensationssieg gegen Manchester: Gottlieb-Daimler-Stadion

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Mit diesem Stadion verbinde ich vor allem das Champions-League-Spiel mit dem VfB Stuttgart gegen Manchester United, eines meiner ersten Spiele in der Königsklasse überhaupt. Wir haben es 2:1 gewonnen, das war eine Sensation. Und ich habe sogar das 1:0 von Szabicz mit einem Kopfball auf den Weg gebracht.

Das erste Spiel als Rechtsverteidiger: Wacker Burghausen

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Das DFB-Pokalspiel am 6. August 2007 war mein erstes, in dem ich als Rechtsverteidiger aufgelaufen bin, zwei Jahre später spielte ich dann dauerhaft auf dieser Position. Es gab Elfmeterschießen, und wir sind damals knapp weitergekommen.

Für mich war der Seitenwechsel kein grundlegender Einschnitt. Ich hatte in den letzten beiden Jahren im Juniorenbereich im defensiven Mittelfeld gespielt, wurde dann durch Zufall zum linken Verteidiger, weil ich nahezu beidbeinig bin, habe mich aber immer auf der rechten Seite etwas wohler gefühlt.

Später, unter Pep Guardiola, mit dem extrem variablen Spielansatz und mit der gewonnen Routine und der gesammelten Erfahrung, habe ich mich auch bei häufigeren Wechseln auf jeder Position unmittelbar zurechtgefunden.

Der Schuss, der das Sommermärchen startete: Allianz-Arena

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Für viele ist das Tor, dass ich gegen Costa Rica geschossen habe, untrennbar mit der WM 2006 verknüpft - für mich ebenfalls. So ein Treffer im Heimatstadion vor der Südkurve - das könnte man nicht besser inszenieren. Es war für alle der Startschuss ins Sommermärchen - für mich persönlich aber auch eine große Befreiung, weil ich mir noch drei Wochen vorher im Freundschaftsspiel mit der Nationalmannschaft gegen den FSV Luckenwalde die Sehne im Ellenbogen gerissen hatte. Es war bis ganz kurz vor dem Spiel unklar, ob ich mit Schiene auflaufen durfte. Diese Unsicherheit und Anspannung hatte sich in den Tagen vor dem Spiel angestaut, ich habe sehr zielstrebig dafür gearbeitet, dass ich fit genug war. Deshalb war auch mein Jubel für meine Verhältnisse sehr euphorisch und emotional.

Der schwerste Moment: Niederlage im Finale dahoam

imago/ Norbert Schmidt

Der 19. Mai 2012 war sicher sportlich der schwerste Moment in meiner FCB-Historie, die bitterste Niederlage in der Allianz Arena. Ich war als Kapitän schon eine Zeit lang im Amt und habe mich zu 100 Prozent mit meiner Aufgabe und der Mannschaft identifiziert. Deshalb war da nicht nur die persönliche Enttäuschung. Ich habe diese Niederlage mit Mitstreitern erfahren, mit denen ich über lange Zeit gemeinsam auf dem Platz stand, mit denen mich Erfolge und große Sympathien verbunden haben. Wir wurden damals als eine der besten Mannschaften in Europa gesehen, waren quasi ein perfektes Team. Und dann haben wir trotz Überlegenheit verloren.

Im Nachhinein hat dieses Erlebnis aber dazu beigetragen, dass wir nochmals gereift sind als Team und es war wichtig, um in dieser Mannschaft, getragen von einem Kern aus Spielern, eine Perspektive zu entwickeln.

Halbfinal-Pleiten mit der Nationalmannschaft: Durban (WM 2010) und Warschau (EM 2012)

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Fußball ist Tagesgeschäft, und an den Tagen, an denen man verliert, geht es im ersten Moment nur um die Niederlage - man denkt nicht über die folgenden vier Jahre und mögliche zukünftige Titel nach. Es geht darum, zu analysieren, was im aktuellen Spiel falsch gelaufen ist, und dann darum, das alles zu verarbeiten.

In Durban 2010 sind wir auf den damals herausforderndsten Gegner getroffen, gegen den wir schon 2008 im EM-Finale verloren hatten. Spanien war amtierender Europameister, galt weltweit als stärkste Mannschaft. Wir waren ein junges Team, das langsam wieder die Fantasie geweckt hatte, dass es auch zu Großem imstande sein könnte. Mit Spanien beendete eine Mannschaft diese Idee, die über Jahre zusammengewachsen war, und die Qualität entwickelt hatte, über einen längeren Zeitraum auf hohem Niveau zu bestehen.

An dem Abend im Moses-Mabhida-Stadion hatte ich nach der Niederlage den Eindruck, als wären alle etwas angeschlagen. Die Enttäuschung war psychisch und physisch spürbar. Die Spannung war mit einem Schlag raus, ich wurde sogar krank, bekam am nächsten Tag Fieber und konnte nicht am Spiel um Platz drei teilnehmen.

2012 gegen die italienische Nationalmannschaft haben wir uns, obwohl wir mehr Potenzial hatten - Italien möge mir diese Einschätzung verzeihen -, auskontern lassen. Aus heutiger Perspektive sage ich: Wir waren zu ungestüm und haben nicht die nötige Cleverness an den Tag gelegt, um einen sehr routinierten Gegner zu bezwingen. Es war eine besonders bittere Niederlage und eine besonders prägende Erfahrung, weil wir Spanien im Finale treffen wollten und dieses Mal auch bereit dafür waren. Doch dann war das Turnier ganz plötzlich vorbei.

Das Triple 2013: Das Wembleystadion

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Der Ort, an den ich mich in diesem Zusammenhang als Erstes erinnere, ist ganz klar das Wembleystadion, wo wir im Finale gegen Dortmund den Champions-League-Titel holten - ein Jahr nach dem bitteren Finale dahoam. Für das Triple mussten wir zwar natürlich danach noch in Berlin gewinnen, aber wenn ich heute an das Triple denke, denke ich zuerst an London.

Der Höhepunkt: Maracanã, Rio de Janeiro 2014

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Der Höhepunkt meiner Nationalmannschaftskarriere, der Gewinn des WM-Titels in Brasilien. Für mich war es die Zuspitzung: jetzt oder nie! Allerdings, ohne dabei Druck zu empfinden oder mir Druck zu machen.

Wenn ich an das Maracanã denke, denke ich an das ganze Turnier und sehe vor allem unsere Mannschaft. Miro, Per, Basti als langjährige, erfahrene Mitstreiter und Weggefährten, Manu, Toni, Jérôme, Mesut, Sami als Vertreter der folgenden Generation, alle auch schon mit WM-Erfahrung. Und dann viele junge Spieler wie Thomas oder Mario, die frische Impulse gesetzt haben, um nur ein paar zu nennen. Es war die richtige Mischung, geführt von einem Trainer, der die Charaktere gut einschätzen kann. Über das Turnier ist nach schwierigen Spielen wie gegen Algerien und Frankreich die Dynamik, der Teamgeist und ein unglaubliches Vertrauen entstanden. Das hat am Ende den Titelgewinn möglich gemacht.

Wenn ich Bilder von der WM sehe, empfinde ich einfach große Dankbarkeit für diesen perfekten Abschluss von zehn Jahren Nationalmannschaft, in denen ich erlebt habe, wie eng Sieg und Niederlage, Glück und Pech manchmal zusammenliegen.

Was jetzt noch kommt: Orte der Zukunft

Franck Ribéry hat mir versprochen, dass er mir immer eine Eintrittskarte für Bayernspiele besorgt, wenn ich eine brauche. Am Montag werde ich an der Säbener Straße meinen Spind ausräumen und Geschenke an Mitarbeiter verteilen. Danach freue ich mich darauf, mein eigenes Zeitmanagement betreiben zu können.

Am Anfang sehe ich mich vor allem bei meiner Familie in München, wir erwarten ja jetzt unser zweites Kind, sowie am Tegernsee. Ansonsten sicherlich auch im Büro meiner Stiftung und in meinen Unternehmen, in denen sehr vielfältige und unterschiedliche Aufgaben auf mich warten. Ich freue mich auf die vielen neuen Orte.

Und nein, ich kann nicht ausschließen, dass ich das eine oder andere Mal nochmal die Fußballschuhe schnüren werde, für einen kleinen Verein wie den FT Gern zum Beispiel.



insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
bienchen-maja 20.05.2017
1. Konstanz
Eine wirklich beeindruckende Konstanz auf höchstem Niveau über viele Jahre. Dennoch hat für mich die Art der Ausbootung Ballacks in der Nationalmannschaft einen schlechten Geschmack. Ebenfalls der etwas zu frühe Rücktritt aus der Nationalmannschaft. Mit ihm hätte man Europameister werden können und diesen Titel hat er ja auch nicht.... .
mwroer 20.05.2017
2.
Da geht ein großer. Steht für mich, als Niederländer man vergesse das nicht, in einer Reihe mit unseren Besten wie Koeman und Kuyt (der auch aufgehört hat dieses Jahr - würdiger Abschied mit 3 Treffern im letzten Spiel der Saison und Meisterschaft geholt). Einer der wenigen wirklich großen Fußballer!
lollopa1 20.05.2017
3. Danke!
Alles Gute Herr Lahm, es tritt ein Großer ab!
vliege 20.05.2017
4. Lahm lief rund wie ein Schweizer Uhrwerk
Nie besonders spektakulär aber immer Leistung gebracht. Die Maschine Lahm hat immer funktioniert und selten unter Wert gespielt. Respekt für diese Karriere. Alles Gute und vielen Dank für die wunderbaren Jahre als Spieler.
juergen247 20.05.2017
5. Vorzeige-Profi
Viele Jahre auf gleichbleibend hohem Niveau Fussball gespielt, erfolgreich und doch nicht abgehoben. Respekt vor der Entscheidung sich beim FC Bayern nicht in ein vorgeschnürtes Korsett zwängen zu lassen. Der Rücktritt nach der WM 2014 war folgerichtig.
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