Lahm über Bayerns Saison der Rekorde: "Mitleid hat im Fußball nichts zu suchen"

Von Philipp Lahm

Kantersiege, ein erfolgreich bekämpfter Fluch und Rekorde für die Ewigkeit: Philipp Lahm hat mit dem FC Bayern Epochales erlebt. In einem Gastbeitrag gewährt der FCB-Kapitän einen Blick hinter die Kulissen, verrät das Erfolgsgeheimnis der Mannschaft - und die nächste Mission.

Persönlicher Rückblick: Das sind Philipp Lahms Saison-Höhepunkte Fotos
DPA

Nein, Mitleid hatte ich nicht, als wir am 27. Spieltag mit einem 5:0 gegen den HSV in die Halbzeit gegangen sind. Mitleid hat im Fußball nichts zu suchen. Als Spieler sitzt man da in der Kabine und denkt, die Sache ist gelaufen. Und dann kommt der Trainer und sagt: "Männer, 5:0 - ja, aber wir müssen aufpassen, dass wir kein Gegentor mehr kriegen." Das ist typisch für Jupp Heynckes. Er mahnt bei jedem Spielstand zur Konzentration bis zum Ende.

Natürlich will man auch als Spieler bei einem solchen Zwischenstand keinen Gegentreffer mehr bekommen. Darum haben wir uns in der Pause gesagt: Hauptsache, wir bleiben ohne Gegentor. Ich gewinne auch lieber 5:0 als 9:2. Ein wenig schmunzeln musste ich allerdings, als ich zu Franck Ribéry geschaut habe. Er saß da in der Kabine, und ich wusste genau, was er dachte: Ich will noch drei Gegenspieler tunneln, den Torwart mit einem Lupfer foppen, und dann lass ich mich feiern.

Am Ende gab es doch zwei Gegentore, und wir haben uns sehr darüber geärgert. Und genau das ist bezeichnend. Für diese Mannschaft. Für diese Saison. Bereits vor dem Supercup-Finale im August vergangenen Jahres gegen Dortmund gab es für uns nur eine Option: Wir gewinnen. Es war ja nicht irgendein Spiel. Dortmund war zwei Jahre hintereinander Meister geworden. Das ist man beim FC Bayern nicht gewohnt.

Deshalb war es ein wichtiger Sieg, besser gesagt: eine wichtige Nicht-Niederlage. Wenn es einen Dortmund-Fluch gab, haben wir ihn in diesem Spiel besiegt. Und die Mannschaft hat so vor dem Saisonstart noch mal einen Schub bekommen. Einen gewissen Anteil an dieser besonderen Saison hatte sicherlich auch die bittere Niederlage im Champions-League-Finale gegen Chelsea. Wenn man sieht, wie Mitspieler in der Kabine weinen, dann schweißt das eine Mannschaft zusammen.

Heynckes hat seine Lehren gezogen

Hinzu kam, dass wir uns mit Spielern wie Javi Martinez, Mario Mandzukic und Dante optimal verstärkt haben. Das war endlich ein Kader, in dem sich beinahe auf jeder Position zwei ähnlich starke Spieler interne Duelle auf Augenhöhe geliefert haben. Diese Konkurrenz ist etwas sehr Positives, und ihr Fehlen war mitverantwortlich für die Titellosigkeit aus der Vorsaison. In diesem Jahr war unser Trainingsniveau so hoch wie noch nie. So was gibt der Mannschaft ebenfalls Sicherheit. Wir waren fest davon überzeugt: Diese Saison werden wir wieder angreifen.

Auch Jupp Heynckes hat aus der Vorsaison seine Lehren gezogen. Er hat in der Vorbereitung sehr viel Wert auf die Defensivarbeit gelegt, also auf das Umschaltspiel von Offensive auf Defensive. Da haben die Spieler nach der letzten Saison gemerkt: Es geht nur, wenn wir alle gemeinsam in der Defensive arbeiten. Das ist uns von Beginn an sehr gut gelungen. Wir haben in der Liga den Startrekord mit acht Siegen in Folge geknackt. Dass wir sechs Spiele zu null gewonnen haben, gab zusätzliches Selbstvertrauen. Je häufiger man ohne Gegentor bleibt, desto mutiger kann man nach vorne spielen, weil man weiß, dass der Ball sowieso wieder zurückerobert wird. Aggressivität, Laufbereitschaft, Mut sind ganz klare Stärken dieser Mannschaft, die sich erst auf Basis der verbesserten Defensivarbeit entwickeln konnten.

So hat uns auch die erste Niederlage der Saison gegen Leverkusen nicht umgehauen. Da haben wir uns ja fast selbst geschlagen. Es kam überhaupt kein Zweifel an unserer Stärke, an unserer Überlegenheit auf. Wenn man unsere Saison sieht, konnte sich die Mannschaft immer wieder für jedes Spiel perfekt motivieren. Wir wussten immer, worum es geht.

Auch dank Jupp Heynckes. Er hat ein sehr gutes Gespür, welcher Spieler im entscheidenden Moment gerade fitter ist, und hat gleichzeitig einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Er hat in seiner Art Zugang zu jedem Spieler gefunden und den Zusammenhalt gefördert, so dass auch Ersatzspieler wie Rafinha oder Diego Contento immer top trainiert und auf den Punkt ihre Leistungen gebracht haben, wenn sie gespielt haben. Junge Spieler wie Emre Can und Pierre Hojberg haben dadurch die Chance bekommen, sich ab und an zu zeigen. Natürlich gab es Härtefälle wie Mario Gomez, aber auch er hat es geschafft, ruhig zu bleiben und trotz allem seine Leistung zu bringen, wenn er auf dem Platz stand.

Basti, Franck und Thomas überragend

Heynckes wusste schon vor dieser Saison, wie seine Mannschaft aussehen würde. Warum? Der Trainer hat schon die vergangene Spielzeit dazu genutzt, zu beobachten, auf wen er sich verlassen kann. Und die Erkenntnisse dann zur neuen Saison umgesetzt. Er hat viel häufiger bestimmte Spieler mit einbezogen, ohne dadurch seine Position zu schwächen. Er hat sich vor allem mit Bastian Schweinsteiger, Manuel Neuer, Thomas Müller und mir häufig ausgetauscht. Wir haben über viele Dinge diskutiert, aber er war derjenige, der am Ende sagt, wo es lang geht. Da ist er sehr konsequent. Er hat insgesamt eine sensationelle Arbeit geleistet.

Sensationell ist auch das richtige Stichwort für meine Spieler der Saison: Basti Schweinsteiger, Franck Ribéry und Thomas Müller haben überragend gespielt. Aber man muss auch Javi Martinez herausheben. Seine Art tut uns und unserem Spiel sehr gut. Er denkt in unserem Offensivgebilde defensiv - und kann und will trotzdem Fußball spielen. Oder nehmen wir Dante. Der hat seinen Platz in unserem System gefunden. Man kann nicht davon ausgehen, dass ein neuer Spieler so einschlägt wie Dante. Und natürlich David Alaba. Der kann in den kommenden Jahren auf seiner Positionen zur Weltklasse gehören.

Das alles führte zu unserer Rekordsaison. Und weil ich immer wieder gefragt werde, ob man sich diese Rekorde als Ziel setzt, hier die Antwort: Nein! Spieler beschäftigen sich nicht mit Rekorden. Vor der Saison wäre mir nur einer eingefallen: die wenigste Gegentore, weil ich 2008 dabei war, als wir den aufgestellt haben. Aber ich hätte weder gewusst, wer der früheste Herbstmeister war, noch wer am frühesten den Titel geholt hat. Irgendwann wurde es Thema, medial, und am Ende war jeder heiß in der Mannschaft, die meisten Punkte in einer Saison zu holen. Der wichtigste Rekord war, die 81 Punkte von Dortmund zu knacken, das wollte jeder. Geworden sind es jetzt sogar 91.

Seit Samstag ist damit Teil eins unserer Mission äußerste erfolgreich beendet, und das Allerwichtigste ist jetzt das Champions-League-Finale. Wir werden alles dafür tun, diesen Titel zu holen. Für die Fans, für uns und natürlich für Jupp Heynckes.

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insgesamt 181 Beiträge
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1.
malklargesagt 21.05.2013
bitte mehr von solchen Artikeln
2. Die Bayern Arroganz
alexpeter 21.05.2013
Da ist sie wieder... Es hat nicts mit Mitleid sondern vielmehr mit Anstand zu tun, nach einer so hohen Führung, wie gegen den HSV, das Toreschiessen einzustellen und ncht auf den am Boden liegenden Gegner nachzutreten. Aber die Bayern wollen ja unbedingt ihre grenzenlose Dominanz zeigen und lieber "noch drei Gegenspieler tunneln, den Torwart mit einem Lupfer foppen" und sich dann feiern lassen. Und dann von spanischen Verhältnissen in der Bundesliga sprechen, woraufhin die Topstars des ärgsten Konkurrenten gekauft werden. Nein hier spricht nicht der Neid, liebe Bayern-Fans euer Verein ist mir einfach durch und durch unsympathisch.
3. .
martinius26 21.05.2013
Für mich der größte unsympath im Fußball
4. optional
ULLLI 21.05.2013
Das CL Finale zu gewinnen sollte kein Problem sein! Götze hat gerade sein Training abgebrochen, was bedeutet daß Bayern noch höher gewinnen wird als sie es eh tun würden. Ich tippe auf ein 4-0 und damit wären die gelb-schwarzen noch gut bedient ....
5. Schaun mer mal
widower+2 21.05.2013
Zitat von sysopKantersiege, ein erfolgreich bekämpfter Fluch und Rekorde für die Ewigkeit: Philipp Lahm hat mit dem FC Bayern Epochales erlebt. In einem Gastbeitrag gewährt der FCB-Kapitän einen Blick hinter die Kulissen, verrät das Erfolgsgeheimnis der Mannschaft - und die nächste Mission. Philipp Lahms Fazit zur Bundesliga Rekordsaison des FC Bayern - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/fussball/philipp-lahms-fazit-zur-bundesliga-rekordsaison-des-fc-bayern-a-901104.html)
Ich denke, dass Dortmund trotz allem psychologisch im Vorteil ist und das Ding gewinnen wird. Bei Bayern ist die Stimmungslage nach außen ein "wir sind sie Besten; wer soll uns schon schlagen". Nach innen gibt es aber die Komponenten "nicht schon wieder ein Champions League-Endspiel verlieren" sowie die Angst vor den deftigen Klatschen, die man gegen Dortmund in den letzten Jahren teilweise bezogen hat. Bezeichnend, dass das völlig unbedeutende Super Cup-Endspiel als Angstbremse herhalten muss.
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