Nürnberg-Verteidiger Wollscheid: Früher gegen die Hauswand, heute gegen Robben und Co.

Eigentlich ist es nicht mehr vorgesehen, dass es einer wie Philipp Wollscheid in die Bundesliga schafft. Der Verteidiger spielte vor drei Jahren noch in Liga fünf, an DFB-Maßnahmen nahm er nie teil. Das Magazin "11 FREUNDE" erzählt seine Geschichte, die neue Fragen an die Talentsuche aufwirft.

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dapd

Verteidiger Wollscheid: Auf ungewöhnlichem Weg nach oben

Etwas aufgeregt ist Siegmund Dewald schon, als er sagt, dass Philipp Wollscheid gleich da sein wird. Voller Stolz kündigt der erste Vorsitzende des SV Morscholz den berühmtesten Spieler an, der jemals das blau-weiße Trikot seines Clubs getragen hat. Der Hochwald im nördlichen Saarland ist schließlich nicht gerade berühmt für seine Fußballer, und nun hat es einer von hier in den Profibereich geschafft.

Wollscheid wird im Sommer für fünf Millionen Euro von Nürnberg zu Bayer Leverkusen wechseln, und Dewald begeistern die Umstände einer Karriere, wie sie im modernen Fußball eigentlich nicht mehr vorgesehen ist: "Solche wie ihn gibt es doch heute keine mehr, Philipp ist der letzte Straßenfußballer."

Normalerweise denkt man beim Begriff "Straßenfußballer" an trostlose Wohnbarracken, vor denen Kinder aus sozialschwachen Verhältnissen um die einzige Chance ihres Lebens kicken. Morscholz indes ist ein ruhiges 950-Seelen-Örtchen, in dem freundliche Menschen in hübschen Eigenheimen wohnen, deren Haustüren nur abends abgeschlossen werden. Nur, warum hat Wollscheid es von hier eigentlich in die Bundesliga geschafft?

Wie man heute Profi wird, ist inzwischen eigentlich fest vorgezeichnet. Über Dorfverein oder Stadtteilklub landet man bei einem der bundesweit 366 DFB-Stützpunkte und spätestens mit 15 Jahren im Jugendleistungszentren eines Proficlubs. Wollscheid hingegen ist Fußballprofi auf einem Bildungsweg geworden, der heute aber fast vergessen ist. "Ich kann nicht sagen, ob ich früher übersehen wurde oder ob ich einfach noch nicht so weit war", sagt er.

Wollscheid sollte in die sechste Liga abgeschoben werden

23 Jahre alt ist er im März geworden, doch selbst vor drei Jahren deutete noch nichts darauf hin, dass er es einmal in die Bundesliga schaffen würde. Damals war er mit dem 1.FC Saarbrücken auf dem Weg in die Regionalliga, aber nach dem Aufstiegs sollte er in die zweite Mannschaft versetzt werden, die in der sechsten Liga spielte. So absurd einem das heute vorkommen mag, war es damals nicht. Auch in der Jugend fiel sein Talent nirgends so auf, dass irgendwer ihm eine Bundesligakarriere vorausgesagt hätte.

Doch was ist das eigentlich: Talent? Ist es ein großzügiges Geschenk des Schicksals, das man nur auspacken muss?

"Philipp hat früher stundenlang mit dem Ball gegen die Hauswand geschossen", erzählt Dewald, der gegenüber der Wollscheids wohnte. Wenn Philipp nicht an der Hauswand kickte, ging er mit seinen Freunden auf dem Sportplatz und machte dort anschließend beim Training im Verein gleich weiter.

Durch die in den letzten Jahren eifrig betriebene Talentforschung wissen wir, dass man ungefähr zehntausend Stunden Übung braucht, um etwas herausragend zu beherrschen, sei es ein Musikinstrument oder den Umgang mit einem Fußball. Da Philipp Wollscheid seit dem fünften Lebensjahr kickt und mit 21 Jahren sein erstes Bundesligaspiel machte, müsste er in all den Jahren im Schnitt täglich 100 Minuten Fußball gespielt haben. Ganz so viel werden es nicht gewesen sein, aber sein Übungskontingent ist davon vermutlich so weit nicht entfernt.

Doch das ist nur die quantitative Seite des Ganzen, der Rohstoff eines Straßenfußballers. Es gibt jedoch auch eine qualitative, dass man auch ständig gefordert werden muss, um nicht zu stagnieren. Und da kommt Philipps Vater ins Spiel. "Wir haben im Garten an den Schwächen gearbeitet, vor allem am Durchsetzungsvermögen", erzählt Stefan Wollscheid. Dass er heute beidfüßig ist, schreibt Philipp Wollscheid auch seinem Vater zu, denn seinen linken Fuß hätten sie unablässig trainiert.

"Er wurde immer gefordert"

"Ich hab es damals nicht als Training empfunden, wenn wir im Garten gespielt haben", sagt er. Auch fand er es nicht belastend, wenn sein Vater in der Nachbarschaft einen neuen Club fand, in dem er mehr gefordert wurde als im vorherigen. So wenig wie er sich daran störte, auf dem Bolzplatz vor allem mit Älteren zu kicken, spielte er vier Jahre lang im Verein zudem in einer höheren Altersklasse. "Er wurde immer gefordert", sagt sein Vater. Und Philipp Wollscheid gefiel das, wie alle Jugendtrainer bestätigen.

Auch sein Vater staunte, als Philipp immer wieder jede neue Hürde nahm, schließlich selbst die in die Bundesliga. In Nürnberg wurde mit ihm ein Spieler zum Abwehrchef, der 18 Jahre alt werden musste, um zum ersten Mal in der Viererkette zu spielen. Aber vielleicht ist es ja das Geheimnis dieser Karriere, dass Philipp Wollscheid an der heimischen Hauswand, im Garten mit dem Vater und in all den Amateurclubs vor allem ein Talent entwickelte: die Bereitschaft zu lernen.

Vermutlich gibt es von Spielern wie ihm da draußen in der vierten oder fünften Liga noch etliche, die es in die Bundesliga schaffen würden, weil sie genug Stunden geübt haben, aufopferungsvolle Förderer hatten und die unbedingte Bereitschaft zum Lernen mitbringen. Aber wer macht sich im Zeitalter der Talentfabriken noch die Mühe, nach ihnen Ausschau zu halten?

Bis vor ein paar Jahren konnte man sich nicht vorstellen, dass 19-Jährige in der Bundesliga schon Leistungsträger sein könnten und heute glaubt man, dass nur die Eliteausbildung in die Spitze führt. Insofern hat Philipp Wollscheid den Proficlubs den Hinweis auf eine vergessene Welt gegeben, die der Straßenfußballer mit den krummen Bildungswegen.

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insgesamt 14 Beiträge
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1. optional
mauerfall 10.05.2012
Schöner Beitrag, der nur einen Makel hat. Es wird nicht erklärt, wie er letztlich den Weg zu Nürnberg fand. Das hätte mich schon interessiert...
2. Er wurde nicht vorzeitig verschlissen
geka67 10.05.2012
Sein Plus ist, daß er eben nicht schon mit 12 in einem Leistungszentrum war um dann mit 15 oder 16 verschlissen zu sein, oder eben nicht den Anforderungen des Jahrgangstrainers zu entsprechen. Er konnte sich frei eintwickeln und sicher wurden ihm da auch Fehler erlaubt, welche er dann selbstständig behoben hat. Dies ist in den Leistungszentren der Bundesligisten unmöglich. Wer mal einen Durchhänger hat, fliegt dort raus oder verliert die Lust. Jeder Jugendliche entwickelt sich anders und man muß ihnen die nötige Zeit geben. Phillip Wollscheid hat diese bekommen und dann zum richtigen Zeitpunkt waren die Scouts dann da.
3.
humme 10.05.2012
Und er hat doch für die deutsche U20 gespielt!
4. Dilemma
spiozo 10.05.2012
Das ist das Dilemma, dass es viele sehr gute Amateurspieler nicht nach oben schaffen weil ihnen das Glück fehlt gefunden zu werden. In diesem Fall wurde er, so weit ich weiß, per Zufall/Glück gefunden in dem er dem heutigen Nürnberger Trainer vorgeschlagen wurde ("ich hab da einen, schau dir den mal an" ... so ungefähr). Heutzutage muss man als junger Spieler nicht nur Glück haben, sondern auch die notwendigen Verbindungen und vor allem Spielerberater. Für mich ist das alles geschäftemacherei. Als Beispiel hier ein Auszug was so hinter den Kulissen passiert: "Jugendtrainer stellen angeblich Mannschaften nach der Maßgabe auf, dass Spieler bestimmter Spielerberater bevorzugt werden würden." Quelle: http://www.berliner-kurier.de/hertha-bsc/riss-im-praesidium-wegen-preetz-zoff-der-hertha-bosse,7168990,15176040.html
5. .
frubi 10.05.2012
Zitat von hummeUnd er hat doch für die deutsche U20 gespielt!
Der Autor würde nun sagen:" Aber eben nicht U15, U16, U17 usw." Das "Problem" ist doch folgendes: Fußball ist DIE Sportart in Deutschland. Beinahe jeder zweite Junge kickt gegen den runden Plastikball. Und weil die Talentförderung und die Integration von Kids mit Migrationshintergrund (früher haben die ja meist nur in kleineren türkischen Vereinen gespielt) in den letzten 10 Jahren so gut funktioniert hat, gibt es eben eine hohe Anzahl an Talenten. Dementsprechend schwierig ist es für manch ein Talent, sich bei dieser ganzen Systematik durchzusetzen. Ich finde es aber durchaus positiv, dass es eben noch weiterhin möglich ist, dass Fußball auch über andere Wege in die Bundesliga kommen. Was nicht passieren darf, dass die N11 nur Fußballer aufnimmt, welche sämtlichen U-Teams durchlaufen haben. Die Chance für qualitativ gute Quereinsteiger muss vorhanden sein. Dafür ist es immer noch eine Sportart und keine Politik.
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