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07. Februar 2012, 17:22 Uhr

Pokal-Viertelfinale gegen Dortmund

Der Kieler Knaller

Von Sebastian Krause

Kiel steht Kopf: Im Viertelfinale des DFB-Pokals empfängt der Viertligist den Deutschen Meister Borussia Dortmund. Der klare Außenseiter hofft auf eine Sensation - wie gegen Mainz. Helfen soll dabei ein Zelt aus London.

Kiel ist die Stadt des Handballs. Seit Jahren überragt diese Sportart alle anderen Disziplinen, denn mit dem THW ist eine der weltbesten Handball-Mannschaften in der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt beheimatet. Die "Zebras" sind mit 16 Titeln Rekordmeister und mit sieben Erfolgen auch Rekordpokalsieger, sie haben zweimal die Champions League gewonnen. Der Fußball spielte in Kiel bislang nur eine untergeordnete Rolle - doch in diesen Tagen ist er das Stadtgespräch.

Im DFB-Pokal-Viertelfinale kommt es zum Aufeinandertreffen des amtierenden Deutschen Meisters Borussia Dortmund und dem Tabellenzweiten der Regionalliga Nord Holstein Kiel (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Für die Kieler Sportvereinigung Holstein von 1900 ist der bisherige Wettbewerbsverlauf schon jetzt eine unglaubliche Erfolgsgeschichte. Und nun steht für Club und Spieler die wohl größte Partie der Vereinshistorie an.

Dabei könnten die Unterschiede beider Kontrahenten nicht größer sein: Auf der einen Seite der Viertligist aus Kiel mit einem Saison-Etat von 2,5 Millionen Euro. Der Club wurde 1912 Deutscher Meister und schaffte 1978 immerhin den Aufstieg in die zweite Liga - stieg ein Jahr später aber sofort wieder ab. Auf der anderen Seite der aktuelle Deutsche Meister mit einem Etat von 41 Millionen Euro. Die Borussen wurden sieben Mal Meister, gewannen zweimal den DFB-Pokal und wurden 1997 Champions-League- sowie Weltpokal-Sieger. Sie sind schon wieder Erster in der Bundesliga.

"Das alles ist wie ein Traum. Wir sind das kleine gallische Dorf in Fußball-Deutschland. Und jetzt Kiel gegen Dortmund, das ist ein Knaller", sagt Holstein-Geschäftsführer Wolfgang Schwenke. So ähnlich sehen das auch die Gäste aus Dortmund, die mit gehörigem Respekt nach Kiel reisen. "Diese Mannschaft hat nichts mit einem Viertligisten zu tun", sagte BVB-Trainer Jürgen Klopp vor dem Abflug.

Die bisherigen Kieler Ergebnisse im DFB-Pokal sind für den BVB Warnung genug: In den ersten beiden Runden hatte Holstein die Zweitligisten Energie Cottbus (3:0) und MSV Duisburg (2:0) geschlagen, anschließend folgte der vorläufige Höhepunkt mit dem 2:0-Sieg gegen Bundesligist Mainz 05. Den Spitznamen "Pokalschreck" ließ sich der Club auf T-Shirts drucken.

Damit sind die Kieler "Störche", wie die Mannschaft auch genannt wird, erst der zweite Viertligist in der Geschichte des DFB-Pokals, der es bis ins Viertelfinale geschafft hat. Zuvor war dies nur dem 1. FC Magdeburg in der Saison 2000/2001 gelungen. Auf dem Weg dorthin besiegten die Magdeburger unter anderem Bayern München in der zweiten Runde 5:3 nach Elfmeterschießen. Damals war der FC Bayern amtierender Deutscher Meister - so wie jetzt der BVB.

Kiel stürmte ohne Gegentor bis ins Viertelfinale

Doch verglichen mit Magdeburg setzte die Mannschaft von Trainer Thorsten Gutzeit beim Durchmarsch ins Viertelfinale neue Maßstäbe: Noch nie ist es einem unterklassigen Verein gelungen, ohne Gegentor die Runde der besten acht Teams zu erreichen. "Wir wollen frech aufspielen, Spaß haben und versuchen, unser Spiel durchzuziehen. Ich werde das Wort Niederlage vorher nicht in den Mund nehmen", sagt Gutzeit.

Für den Kieler Club hat das Pokalspiel gegen Dortmund noch einen äußerst positiven Effekt: In diesem Jahr jährt sich zum hundertsten Mal die Meisterschaft von 1912. Normalerweise müsste ein Verein für ein Gastspiel eines Clubs wie des BVB eine sechsstellige Summe als Antrittsgeld bereitstellen. Stattdessen hat der Verein mit dem Erreichen des Viertelfinals schon jetzt rund zwei Millionen Euro eingenommen, wovon nach Abzug der Ausgaben wohl etwa 1,3 Millionen übrig bleiben werden - rund die Hälfte des Saisonetats.

"Das Geld ist schön. Aber für mich persönlich viel wichtiger ist der große Imagegewinn, den wir durch diesen tollen Auftritt haben, in Deutschland, aber auch hier in der Region", sagt Vereinspräsident Roland Reime.

Damit der Untergrund im heimischen Holstein-Stadion auch dem besonderen Anlass entspricht, wurde zwar kein roter Teppich ausgerollt, aber zum ersten Mal überhaupt ein neuer Rollrasen für 150.000 Euro verlegt. Die Installation einer Rasenheizung war aus finanziellen Gründen nicht mehr möglich, stattdessen bediente man sich erneut einer Wärmezelt-Konstruktion aus England. Bereits vor dem Spiel gegen Mainz kam diese zum Einsatz - mit Erfolg. "Das Zelt hat funktioniert", sagt Schwenke. Zuvor stand das für 100.000 Euro ausgeliehene Zelt im Londoner Wembley-Stadion.

Dem Pokal-Hit steht also nichts mehr im Wege. Das Ereignis sorgt auch beim großen Nachbarn für Anerkennung. So wird in dem 10.649 Zuschauer fassenden Stadion auch die Handball-Mannschaft vom THW zu Gast sein. "Kiel ist geprägt durch den THW. Aber gegen Mainz war zu sehen gewesen, dass die Leute auch Lust auf Fußball haben", sagt Schwenke, der beide Clubs und Sportarten bestens kennt: Der 43-jährige lief insgesamt 13 Jahre für den THW auf, wurde mit dem Verein unter anderem fünfmal Deutscher Meister.

Schwenke weiß, wie man in Kiel Erfolge feiert.

Voraussichtliche Aufstellungen
Kiel:
Jensen - Herrmann, Berzel, Jürgensen, Poggenberg - Kazior, S. Müller - Sachs, Sykora, Lindner - Heider
Dortmund: Weidenfeller - Piszczek, Subotic, Hummels, Schmelzer - Leitner, Kehl - Blaszczykowski, Kagawa, Großkreutz - Lewandowski

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