Von Christoph Ruf, Karlsruhe
Kaum war der Schlusspfiff verklungen, schlug Jermaine Jones den Ball wutentbrannt von dannen. Seine Mannschaft, der FC Schalke 04, hatte das Spiel beim Karlsruher SC zwar 2:0 (0:0) gewonnen, dabei aber so miserabel agiert, dass es für die wütende Geste ein Sonderlob von Manager Horst Heldt gab: "Es ist doch ein gutes Zeichen, wenn die Spieler sauer sind. Wir haben ja auch einen gewissen Anspruch."
Von diesem "gewissen Anspruch" der Schalker war in den 90 Minuten zuvor nicht viel zu sehen gewesen. Die Königsblauen waren an diesem Abend eher die Königsmauen. Und so sah man beim Pokalsieger der vergangenen Saison die Dinge pragmatisch. "Das Ziel", sagte Trainer Huub Stevens, "war, eine Runde weiterzukommen." Das Ziel sei erreicht. Also fahre man zufrieden nach Hause. "Als Erstligist", so Heldt, "kann man bei einem Zweitligisten nichts richtig machen - außer zu gewinnen."
Man muss dabei allerdings nicht so auftreten wie Schalke 04. Der Club hatte seine erste Torchance in der 81. Spielminute, das Team konnte sich bei Keeper Lars Unnerstall bedanken, dass es zu diesem Zeitpunkt nicht deutlich zurücklag.
Erst in der 53. Minute schien es sich auch auf der Schalker Bank herumgesprochen zu haben, dass das Zweitrundenspiel im DFB-Pokal doch tatsächlich bei einem Abstiegskandidaten der Zweiten Fußball-Bundesliga stattfand - und nicht bei einem offensivstarken katalanischen Champions-League-Teilnehmer, gegen den man nur mit viel Glück und Defensivkunst ein torloses Remis halten kann. In eben dieser 53. Minute wechselte Huub Stevens einen fünften Spieler mit Qualitäten in der Offensive ein: Lewis Holtby, der zur Freude der nicht eben wieselflinken KSC-Defensive auf der Bank geblieben war.
Wie in den schlechten Tagen der Magath-Ära
Defensivfanatiker Stevens hatte zuvor im Mittelfeld neben Jermaine Jones den ebenso defensiven Marco Höger aufgestellt. Außerdem präsentierte sich das Team in etwa so inspiriert wie in den schlechteren Tagen der Ära von Ex-Trainer Felix Magath. Ohne jeden Esprit trabten die Akteure auf dem Rasen herum, ein Spiel ohne Ball fand nicht statt.
Und so glaubten viele Karlsruher Zuschauer, sie unterlägen einer optischen Täuschung: Selbst die behäbigeren ihrer Spieler wirkten flink und spritzig im Vergleich zum Gegner. "Eine gute Schalker Mannschaft hat gegen eine richtig gute Karlsruher Mannschaft gewonnen", kommentierte KSC-Innenverteidiger Giuseppe Aquaro das Geschehen. Eine gute Schalker Mannschaft? Aquaro lächelte schelmisch: "Naja..." Deutlicher wurde KSC-Manager Oliver Kreuzer: "Die Schalker hat man 80 Minuten lang gar nicht gesehen. Das spricht für uns." Oder gegen den Erstligisten.
Verloren hat Kreuzers Mannschaft trotzdem. Sein Team, das spielerisch nicht zu den schlechtesten der Zweiten Liga zählt, leidet in dieser Spielzeit unter einer anfälligen Defensive, die ihre Sache gegen Schalke allerdings ordentlich machte. Hinzu kommt eine Pechsträhne. In den bisherigen Begegnungen dieser Saison sollen es insgesamt um die 15 Pfosten- und Lattentreffer gewesen sein.
Und so passte es bestens ins Bild, dass auch gegen Schalke ein fulminanter Freistoß von Delron Buckley in der elften Minute an der Unterkante der Latte landete und von dort zurück ins Feld sprang. Das gleiche Bild ergab sich im zweiten Durchgang, als Lars Unnerstall nach gut einer Stunde in höchster Not einen Heber von Gaëtan Krebs abwehrte (62.) und eine Viertelstunde später erneut einen Buckley-Freistoß über die Latte lenkte (77.).
Und Schalke? Immer wieder sah man einen Verteidiger mit Ball am Fuß, der entnervt die Hände zum Himmel streckte, weil er wieder keinen anspielbaren Kollegen erspähen konnte. In der 81. Minute dann die erste Schalker Torchance des Spiels: Nach der Flanke von Christian Fuchs kam Schalkes Torjäger vom Dienst, Klaas-Jan Huntelaar, an den Ball. Es stand 1:0 für den Gast. Zwei Minuten später erhöhten die Gäste sogar. Weil Joel Matip nach einem Freistoß völlig frei stand, ging Schalke als Sieger vom Platz. Und da solche Fehler dem KSC in jedem zweiten Spiel passieren, ist der Club in der Liga in ernsthafter Abstiegsgefahr.
Als der Schalker Mannschaftsbus um 21.48 Uhr vom Parkplatz rollte, blickten die Spieler in zufriedene Gesichter. Es waren die der verbliebenen KSC-Fans. Sie hatten eine Heimmannschaft gesehen, die in dieser Form gute Karten im Kampf um den Klassenerhalt haben dürfte. Es sei denn, Klaas-Jan Huntelaar wechselt in dieser Saison noch nach Aachen oder Ingolstadt.
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