Pokalsieger Schalke: Eruption der Emotionen

Aus Berlin berichtet Andreas Morbach

Der Schalker DFB-Pokalsieg gegen den MSV Duisburg war der krönende Abschluss einer wechselhaften Saison. Bei der Feier entlud sich die Anspannung, die den Club wochenlang gelähmt hatte. Jung-Star Draxler machte der Alkohol nervös, Routinier Raúl war fasziniert vom blau-weißen Jubel.

DFB-Pokalsieg: Schalker Feierlaune in Berlin Fotos
REUTERS

Der Hüter des Pokals tauchte 20 Minuten vor Mitternacht aus dem offiziellen Epizentrum der Schalker Feierlichkeiten auf. Die meisten seiner Mitspieler waren schon vorgegangen, um in die nächtliche Supersause im Herzen Berlins zu starten, als Hans Sarpei mit der goldenen Trophäe daherkam. Wie ein Baby wiegte der 34-jährige Verteidiger den sechs Kilo schweren DFB-Pokal im Arm und raunte: "Oouuuuuh." Als ruhten in dem Pokal die Britischen Kronjuwelen.

In Wahrheit war der nationale Cup auf seinem Weg aus dem Olympiastadion ausnahmsweise mal leer. Und um zu erahnen, was kurz zuvor noch drin gewesen war, genügte ein Blick in das Gesicht von Julian Draxler. Immerhin: Der 17-jährige Gymnasiast war noch so klar im Kopf, dass er glaubhaft davon berichten konnte, die Schalker Kabine sei weiterhin voll funktionsfähig, allein ein paar Flaschen lägen noch auf dem Boden herum. "Ich hoffe, die hebt noch jemand auf", sagte er und verriet, woher die leicht geröteten Wangen und das heitere Schimmern in seinen Augen stammte. "Ich weiß nicht, ob Bier trinken mit 16 erlaubt ist - jedenfalls hab ich's getan", sagte Draxler, eines von vielen Gesichtern einer wilden Gelsenkirchener Saison.

Pokalheld Draxler

Ende Januar schoss Draxler als jüngster Spieler, der beim FC Schalke als Erstligist je einen Profivertrag unterschrieben hat, die Königsblauen gegen Nürnberg ins Pokal-Halbfinale. Mit einem Traumtor in der vorletzten Minute der Verlängerung. Unter der Woche hatte sich Schalkes Toptalent mit guten Trainingsleistungen wieder in die Startelf gespielt, erzielte beim 5:0-Finalsieg gegen den MSV Duisburg nach 18 Minuten prompt das 1:0 - und erklärte die derbe Packung für den stark ersatzgeschwächten Zweitligaclub zum erwartbaren Ereignis.

Trotz zuletzt sechs Niederlagen in Folge und trotz einer enttäuschenden Bundesliga-Saison, die Schalke als 14. abgeschlossen hatte. "Da war natürlich eine gewisse Nervosität da", gestand Draxler, betonte aber auch: "Die Trainingseinheiten der letzten Tage hatten schon gezeigt, dass wir super in Form sind." So konnte Keeper Manuel Neuer im mutmaßlich letzten Spiel für seinen Heimatverein seinen ersten Titel gewinnen und Raúl nach zwei Final-Niederlagen mit Real Madrid endlich seinen ersten nationalen Pokal-Triumph feiern. Und der 33-Jährige, aufgeregt und glücklich wie ein Teenager beim ersten echten Kuss, feierte was das Zeug hielt.

Gemeinsam mit dem im Finale überragenden Jefferson Farfán, der Draxler zum ersten, Klaas-Jan Huntelaar zum zweiten und Benedikt Höwedes zum dritten Schalker Tor auflegte, hockte er sich beim offiziellen Siegerfoto schelmisch vor die vorbereitete Siegertafel, anstatt sich wie die anderen ordnungsgemäß dahinter aufzustellen. Dazu wedelte Raúl, der dank seines sportlichen Auslandseinsatzes womöglich vor einem Comeback im Nationalteam steht, fröhlich mit der spanischen und Farfán mit der peruanischen Landesfahne.

"Sie sind großartig, etwas ganz Besonderes"

"Mucho alegría", ein großes Vergnügen, sei das für ihn, erklärte Farfán, als er, die Peru-Flagge noch immer in der Hand, als einer der letzten das Mannschaftsvehikel ansteuerte. Während Angriffspartner Raúl nach dem fünften Pokalsieg der Schalker von einem einmaligen Erlebnis sprach. Denn Trophäen gewonnen hat er auch mit Madrid schon. "Aber das hier ist für mich fast mehr als ein Titel", sagte Raúl, der, beseelt vom Jubelmarathon im Stadion, anschließend die Schalker Anhänger adelte: "Das fühlt sich ganz anders an als die Titel mit Real - und das liegt an den Fans. Sie sind großartig, etwas ganz Besonderes. So habe ich das noch nie erlebt."

Außergewöhnlich war auch die Gefolgschaft des unterlegenen MSV, die ihre Mannschaft trotz des 0:5 in der letzten Viertelstunde so lautstark feierte, dass sie bis kurz vor Schluss sogar die Gelsenkirchener Gesänge übertönten. "Die Duisburger werden sich sicher über das Resultat ärgern, aber sie können auch stolz sein", lobte S04-Innenverteidiger Christoph Metzelder, ehe er die abgelaufene Runde aus Sicht der Schalker treffend umriss: "Wir hatten ein anstrengendes Jahr mit vielen Spielen. Und zwischendurch nicht so viele Möglichkeiten, die Emotionen richtig auszuleben. Das muss heute Nacht alles raus."

In besonderer Weise galt das auch für Manuel Neuer, der weiter darauf wartet, dass der Revierclub das vorliegende Angebot des FC Bayern, über das es laut S04-Manager Horst Heldt auch "nichts mehr zu verhandeln gibt", annimmt. Oder auch nicht. Der Vorsitzende Clemens Tönnies kündigte nach dem Saisonabschluss vorsorglich eine Sondersitzung des Aufsichtsrats an. "Ich bin strikt dagegen, dass Manuel geht", sagte Tönnies. Neuer selbst störte das alles am Samstagabend wenig. "Das ist kein Problem für mich, ich habe einen Vertrag bis 2012. Mal schauen, was die Verantwortlichen entscheiden", sagte der 25-Jährige und betonte: "Erst einmal will ich jetzt diese Momente genießen."

Ähnlich wie Ralf Rangnick, der seinen ersten großen Titel als Trainer gewann - nachdem er, vor seinem Neujahrs-Rücktritt, die Runden bis zum Achtelfinale noch mit Hoffenheim bestritten hatte. Nun spielt der Champions-League-Halbfinalist in der nächsten Saison immerhin in der Europa League. "Ich bin im DFB-Pokal ungeschlagen. Das Viertel- und das Halbfinale habe ich eben übersprungen", erklärte Rangnick. Und auf die Frage, ob er den Pokal denn schon angefasst hätte, antwortete er: "Ich stehe nicht so auf Gold, sondern eher auf Silber."

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insgesamt 17 Beiträge
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1. Gratulation
Systemrelevanter 22.05.2011
für den krönenden Abschluss. Warum aber müssen Raúl und Farfán ihre Landesflaggen in die Kameras halten? Was hat beispielsweise Spanien mit dem Pokalfinale zu tun? Dieser kindlich-übersteigerte Nationalstolz, der an jeder unpassenden Stelle zum Ausdruck kommt, ist schon peinlich.
2. dank an Magath...
raju1956 22.05.2011
Als erstes sollten sich die Schalker mal bei Felix Magath bedanken. Er hat die Mannschaft zusammengestellt! Und er hat sie ins Endspiel gebracht. Rangnick hat mit dem Erfolg so gut wie gar nichts zu tun! Aber es ist natürlich schön, die Erfolge anderer als eigene auszugeben. Der Titel, als Trainer, gehört aber eindeutig Magath. Unter Rangnick hat Schalke bisher nichts grosartiges geleistet! Der muss sich seine Erfolge erst noch verdienen.
3. .
Andr.e 22.05.2011
Zitat von Systemrelevanterfür den krönenden Abschluss. Warum aber müssen Raúl und Farfán ihre Landesflaggen in die Kameras halten? Was hat beispielsweise Spanien mit dem Pokalfinale zu tun? Dieser kindlich-übersteigerte Nationalstolz, der an jeder unpassenden Stelle zum Ausdruck kommt, ist schon peinlich.
Ja, es ist schon extrem störend so eine Nationalflagge. Die macht dann den ganzen schönen Deutschen Pokalabend kaputt... Warum sich bei jeder Gelegenheit die immer gleichen zum Thema Nationalstolz melden müssen erschließt sich mir dabei aber auch nicht.
4. danke auch an Magath...
raju1956 22.05.2011
Als erstes sollten sich die Schalker mal bei Felix Magath bedanken. Er hat die Mannschaft zusammengestellt! Und er hat sie ins Endspiel gebracht. Rangnick hat mit dem Erfolg so gut wie gar nichts zu tun! Aber es ist natürlich schön, die Erfolge anderer als eigene auszugeben. Der Titel, als Trainer, gehört aber eindeutig Magath. Unter Rangnick hat Schalke bisher nichts grosartiges geleistet! Der muss sich seine Erfolge erst noch verdienen. Für Leute wie Raul und Draxler wiederum wird es eins der bisher grössten Ereignisse sein! Und sie haben es sich auch verdient!
5. Warum bloss Titel?
lordgrössenwahn 22.05.2011
Zitat von Systemrelevanterfür den krönenden Abschluss. Warum aber müssen Raúl und Farfán ihre Landesflaggen in die Kameras halten? Was hat beispielsweise Spanien mit dem Pokalfinale zu tun? Dieser kindlich-übersteigerte Nationalstolz, der an jeder unpassenden Stelle zum Ausdruck kommt, ist schon peinlich.
Warum denn nicht? Schadet doch niemanden. Oder verstehen Sie einfach nicht wie man auf sein Heimatland stolz sein kann? Über was man sich alles aufregen kann, unglaublich. Das finde ich nun wieder peinlich.
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