Polen vor WM-Start Operation Russland

Sowohl an der Spitze des polnischen Fußballverbandes als auch in der Regierung gab es laute Kritik an Gastgeber Russland. Boykottieren möchte die WM aber keiner - dafür ist der Fußball viel zu wichtig.

Zbigniew Boniek (Mitte)
FACUNDO ARRIZABALAGA/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Zbigniew Boniek (Mitte)

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Während sich die polnische Nationalmannschaft im Trainingslager von Arlamow den letzten Schliff für die WM holte, hatte Verbandspräsident Zbigniew Boniek noch einen äußerst angenehmen Termin zu erledigen. Fünf Tage vor dem Beginn des Turniers feierte er in Rom, wo die Familie der einstigen Fußballlegende seit seinem Wechsel zu der AS Rom 1985 ihren Hauptwohnsitz hat, die Hochzeit seiner Tochter Camilla. "Der erste Tanz mit dem Vater... ab heute: Operation Russland", twitterte Boniek einen Tag nach dem Fest.

Wobei es der Präsident des polnischen Fußballverbandes PZPN mit dem "ab heute" weit untertrieb. Denn die "Operation Russland" begann für Boniek schon lange vor der Hochzeit seiner Jüngsten. Auf Twitter, seinem Lieblingsmedium, heizt er seit der erfolgreichen Qualifikation im Oktober die Vorfreude auf das Turnier regelrecht an. Der ehemalige Profi und Trainer tut seine Meinung kund zu den Spielen der "Weiß-Roten", wie die Nationalmannschaft genannt wird, beurteilt einzelne Auswahlspieler oder fordert diese auch gerne zu medienwirksamen "Challenges" auf. Zudem fungiert er als das Gesicht der WM-Kampagne einer großen Brauerei.

Nicht verwunderlich ist daher, dass Boniek wenig erfreut war, als im Zuge des Giftgasanschlags auf den ehemaligen Doppelagenten Sergej Skripal im britischen Salisbury auch an der Weichsel eine Debatte über einen generellen Boykott der Weltmeisterschaft in Russland aufflammte: "Wir lassen uns nicht von der Politik einnehmen. Ich muss nur lachen bei all diesen Versuchen", erklärte der einstige Mittelfeldspieler im März in einem Radiointerview.

"Soll ich ganz locker zu der Eröffnung fahren?"

Doch so deutlich diese Ansage auch ist, Bonieks aktuelle Aktivitäten stehen im Kontrast zu seinen Äußerungen vom Mai 2015. Als "einen katastrophalen Fehler" bezeichnete er damals die Ausrichtung der WM in Russland und forderte gar eine Neuvergabe der Endrunde. Seine Haltung begründete er mit Russlands Rolle im Ukraine-Konflikt.

Und auch persönlich setzte Boniek ein Zeichen. "Soll ich etwa so tun, als ob nichts wäre? Soll ich ganz locker zu der Eröffnung fahren, mir die Musikauftritte anhören und Showeinlagen anschauen? Da fühle ich ein großes Unbehagen", erklärte der seit 2012 als PZPN-Präsident amtierende Boniek und kündigte an, der Auslosung der WM-Qualifikationsgruppen fernzubleiben.

Das war aber auch schon die einzige kritische Ankündigung bezüglich der WM in Russland, an die sich Boniek hielt. Am Ende führten wohl nicht nur die erfolgreiche Qualifikation der Nationalmannschaft, sondern auch wirtschaftliche und sportpolitische Gründe zu einem Umdenken: Prämien der FIFA, Sponsorengelder, dazu die Bewerbung um die U20-Weltmeisterschaft 2020, die Polen im Frühjahr zugesprochen bekommen hat. Weitere laute Boykottforderungen hätten die Chancen auf das Turnier nur verringert.

"Das ist keine organisierte Aktion, kein Boykott"

Dem heutigen WM-Auftakt der Polen gegen Senegal (17 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE, TV: ZDF, Sky) werden dagegen Regierungsvertreter fernbleiben. Wobei auch hier, trotz der lauten Kritik am Gastgeberland, nicht von einem Boykott gesprochen werden kann: "Das ist sehr wahrscheinlich", antwortete Pawel Mucha, stellvertretender Chef der Präsidialkanzlei, in einem Fernsehinterview auf die Frage, ob Staatspräsident Andrzej Duda bei einem Erreichen des Halbfinals oder Endspiels zum Turnier nach Russland reisen würde. Ähnlich bedeckt hält sich die gesamte Regierung. "Das ist keine organisierte Aktion, kein Boykott. Wir haben uns einfach entschlossen, dass wir in Polen die Mannschaft anfeuern werden", sagte Sportminister Witold Banka am ersten Tag des Turniers.

Das mag verwundern, denn die in Warschau regierenden Nationalkonservativen werfen Moskau vor, für den Flugzeugabsturz von Smolensk im April 2010, bei dem neben Staatspräsident Lech Kaczynski weitere 95 Insassen ums Leben kamen, mitverantwortlich zu sein. Nicht wenige Politiker der Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) sprechen gar von einem Attentat.

Für einen Boykott des Turniers ist der Fußball der PiS jedoch zu wichtig. "Die heutige Geschichtspolitik der Nationalkonservativen hat sehr viel gemein mit der in den Stadien", erklärt der in Lodz lehrende Soziologe Wojciech Wozniak gegenüber dem SPIEGEL. Dabei verweist Wozniak, der seit Jahren zur polnischen Fankultur forscht, auf die wegen Gräueltaten an Zivilisten umstrittenen "Verfemten Soldaten", die bis in die Sechzigerjahre das kommunistische Regime bekämpften. "Diesen Kult übernahmen die nationalkonservativen Politiker aus den Kurven und von rechten Publizisten", so Wozniak.

"Banaler Nationalstolz"

"Zudem ist so ein Turnier eine gute Gelegenheit, einen gewissen 'banalen Nationalstolz' zu propagieren", erklärt Wozniak. Bestens beobachten lässt sich das beim Staatsfernsehen TVP, das mit dem Regierungsantritt der PiS zu einem plumpen Propagandaorgan umfunktioniert wurde und seit Wochen den Auftritt von Robert Lewandowski & Co. bei jeder Gelegenheit mit viel Brimborium ankündigt. Bereits im Vorfeld der Europameisterschaft 2016 erwarb der Sender trotz hoher Schulden die Rechte an den großen Fußballturnieren sowie Spielen der Nationalmannschaft, um so den "modernen Patriotismus und das Zusammengehörigkeitsgefühl der Polen auszubauen", wie TVP-Intendant Jacek Kurski damals begründete.

Wie dieser "moderne Patriotismus" jedoch regelmäßig aussieht, zeigt der aktuelle WM-Ankündigungsclip der Organisation "RespectUs", die das Ausland laut eigener Aussage über die angeblich wahre Geschichte Polens aufklären möchte. "Auf Polen, für unsere Sache", schreit darin Jacek Gmoch, Nationaltrainer der Polen bei der WM 1978, in die Kamera, im Hintergrund unterstützt von Soldaten und Aufständischen aus polnischer Vergangenheit und Gegenwart.

Ein peinlich-martialischer Clip, der in Polen für mehr Unverständnis als patriotische Vorfreude aus das Turnier gesorgt hat.

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
xcountzerox 19.06.2018
1. "Der erste Tanz mit der Tochter"?
Wenigstens der google Übersetzer hätte man einsetzen können, denn dort steht eindeutig "mit dem VATER"...
aurichter 19.06.2018
2. Nun ja
könnte dann nach der Pleite gegen Senegal, ebenso wie bei unserer "Mannschaft", ja ein kurzes Intermezzo bleiben. Drei Spiele genügen auch oder :-)
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