Aus Warschau berichtet Daniel Theweleit
Zumindest ein Pole war am Ende dieses ersten EM-Tages glücklich. "Etwas Phantastisches ist passiert", sagte Ersatztorhüter Przemyslaw Tyton nach dem 1:1 (1:0) zwischen den polnischen Gastgebern und Griechenland zum Auftakt des Turniers: "Das war wirklich ein Ereignis."
Tyton hatte ein Abenteuer erlebt, er war nach 69 Minuten ins Spiel gekommen, weil die eigentliche Nummer eins, Wojciech Szczesny, mit einem fahrlässigen Foul einen Elfmeter verursacht hatte und vom Platz geflogen war. Es stand bereits 1:1, der Abend drohte zu einem Desaster für die Polen zu werden. Und dann kam Tyron, hielt den Strafstoß des griechischen Kapitäns Giorgos Karagounis und verhinderte den Fehlstart.
Die Nation dankt es dem Mann vom PSV Eindhoven, der ein "Spezialist für Elfmeter ist", wie Trainer Franciszek Smuda nach dem Spiel erklärte. Diese Phase rund um die 70. Minute war der Höhepunkt einer abwechslungsreichen Partie, die alle Fußballgefühle beinhaltete, die man an einem Tag erleben kann.
"Auf in den Kampf, Polen!"
Die Vorfreude der Polen war gewaltig, ganz Warschau war geprägt von einer Mischung aus Freude und Anspannung, schon früh morgens ertönte überall der polnische Schlachtruf "Do boju, Polska!" (Auf in den Kampf, Polen!). Als dann 17 Minuten absolviert waren bei diesem ersten großen Fußballturnier in Osteuropa, da durften die Polen ihren patriotischen Gefühlen freien Lauf lassen. Jakub Blaszczykowski hatte eine tolle Flanke auf Robert Lewandowski geschlagen, die der Stürmer gekonnt vollendete.
Die Mannschaft wirkte in diesen ersten Minuten enthemmt, vor allem die rechte Seite mit den Dortmundern Blaszczykowski und Lukasz Piszczek entwickelte jene Brillanz, von der die BVB-Fans sich immer wieder verzaubern lassen dürfen. Doch irgendetwas Seltsames passierte dann mit dieser Mannschaft.
Vielleicht war es die völlig überzogene gelb-rote Karte für den griechischen Innenverteidiger Sokratis (45.). Die Polen jedenfalls verloren ihre Linie, nach dem in Überzahl kassierten Ausgleich durch Dimitris Salpingidis (51.) war all die Zuversicht zu einem kollektiven Gefühl der Sorge geschrumpft. "Wir hatten enormen Stress, dieser jungen Mannschaft fehlt die Turniererfahrung", sagte Smuda, der sich nach dem Schlusspfiff an den Spielfeldrand stellte und jedem Spieler gratulierte.
Polen fehlte die Konstanz für 90 Minuten guten Fußball
Der Trainer war zwar nicht wirklich glücklich mit dem Verlauf des Abends, der so wunderbar begonnen hatte, aber er war sichtlich froh, dass Tyton den Elfmeter gehalten und damit die Katastrophe verhindert hat. "Es wäre wirklich schlimm gewesen, wenn wir verloren hätten", sagte Smuda, "jetzt ist noch alles möglich."
Es ist eine seltsame Sache mit diesem Polen, die hervorragend Fußball spielen können, das war in der ersten Phase dieser Partie zu erkennen. Der griechische Linksverteidiger José Holebas berichtete staunend: "Ich habe in der ersten Halbzeit gar nicht gewusst, was ich machen soll, die waren immer zu zweit oder zu dritt gegen mich". Aber der Zauber ist offenbar nicht resistent gegen unerwartete Wendungen, die eine Partie nehmen kann.
Vielleicht hat Smuda recht, wenn er sagt, dass die Ursachen im offenkundigen Mangel an Turniererfahrung zu suchen seien. Vielleicht ist es aber auch einfach schwer, die Last der Erwartungen, der Hoffnungen und Träume zu tragen, die die Menschen hier auf den Schultern der Spieler abladen. Denn atmosphärisch hat das sportliche Projekt der Polen Sommermärchen-Dimension. Noch fehlt die Initialzündung.
Polen - Griechenland 1:1 (1:0)
1:0 Lewandowski (17.)
1:1 Salpingidis (51.)
Polen: Szczesny - Piszczek, Wasilewski, Perquis, Boenisch - Murawski, Polanski - Blaszczykowski, Obraniak, Rybus - Lewandowski
Griechenland: Chalkias - Torossidis, Sokratis, A. Papadopoulos (37. K. Papadopoulos), Holebas - Maniatis, Katsouranis, Karagounis - Ninis (46. Salpingidis), Gekas (68. Fortounis), Samaras
Schiedsrichter: Carlos Velasco Carballo (Spanien)
Zuschauer: 50.000 (ausverkauft)
Rote Karte: Szczesny wegen Notbremse (68.)
Gelb-Rote Karte: Sokratis wegen wiederholten Foulspiels (45.)
Gelbe Karten: - / Holebas, Karagounis
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