Polens WM-Qualifikation Medizin für eine kranke Liga

Die Freude in Polen über die WM-Qualifikation war groß. Doch die Turnierteilnahme kann über die Probleme des polnischen Fußballs nicht hinwegtäuschen. Denn die nationale Liga bietet mäßigen Sport, verkaufte Spiele und rechtsradikale Schläger.

Von Olaf Sundermeyer, Warschau


In einem Waldstück bei Kielce sollte der Deal über die Bühne gehen. Rund 200 Kilometer von Warschau entfernt, wurde in diesem Sommer der größte Skandal in der Geschichte des polnischen Fußballs eingeläutet. Im Mittelpunkt: Schiedsrichter Antoni F. 100.000 Zloty (umgerechnet 25.000 Euro) in bar offerierte ein Mann dem Unparteiischen aus dem Kofferraum eines schwarzen Mercedes. Antoni F. hatte gerade zwei Spiele der ersten polnischen Liga ("Ekstraklasa") verkauft - dummerweise an einen Lockvogel der Polizei.

Hooligans attackieren polnische Polizisten: Spieltag in Warschau
AP

Hooligans attackieren polnische Polizisten: Spieltag in Warschau

Das war der Anfang. Seither pflügt die Ermittlungsmaschine der Staatsanwaltschaft durch die verfilzten Fußballfelder. "Endlich!", sagt Dariusz Tuzimek, Fußballexperte der größten und ältesten Sport-Zeitung "Przeglad Sportowy", "denn nun wurde der Verdacht bestätigt, der schon lange gegen einige Schiedsrichter existierte". Und Julia Pitera, die polnische Vorsitzende der Anti-Korruptions-Organisation Transparency International, will bereits vor vier Jahren konkrete Hinweise auf die Verschieberein in der Liga gehabt haben. "Jedes Kind in Polen weiß, dass der Fußball korrupt ist", sagt Redakteur Tuzimek. Die Spiele seien so einfach zu kaufen, wie die Eintrittskarten dafür. Besonders in der vergangenen Saison habe es verdächtig viele Fehlentscheidungen gegeben. Er hofft, dass nun der Anfang für eine Abrechnung gemacht ist.

Der Schiedsrichter-Skandal ist nicht das Einzige, was das Image des polnischen Fußballs ramponiert. Viele Fans gelten als Halbstarke und rechte Schläger, nach den Spielen zieht diese Meute randalierend durch die Betonwüsten der öden polnischen Vorstädte. Vor ein paar Spieltagen verwüsteten Hooligans von Zaglebie Lubin ihre eigene Innenstadt - die brennenden Autos von Lubin waren Tagesthema in den polnischen Nachrichten. Auch in Posen, wo im Fanblock von Lech Posen die Radikalen das Sagen haben, ist Gewalt beinahe an der Tagesordnung: Hier schmückt sich schon der Nachwuchs, die so genannten Baby-Hooligans, mit rechten Parolen des Kalibers "Blood and Honor".

Angst, farbige Spieler aufzustellen

Sogar die Mannschaften werden von der rechtslastigen Anhängerschaft beeinflusst. Ein Trainer aus der ersten Liga, der ungenannt bleiben möchte, berichtet von der Angst, farbige Spieler aufzustellen: "Wenn ich das mache, habe ich die Fans gegen mich - und wer die Fans gegen sich hat, verliert seinen Job". Piotr Reiss, früher bei der Berliner Hertha, dem MSV Duisburg und in Fürth aktiv, ist Mannschaftskapitän in Posen und weiß die Anhänger von Lech auf seiner Seite, weil das Team auf Tabellenplatz zwei steht: "Aber manchmal machen sie mir Angst".

In keinem anderen europäischen Land ist die Hooligan-Szene so von Rechtsradikalen dominiert, wie in Polen: Legia Warschau, Górnik Zabrze und Cracovia Krakau, sind die Hooligan-Hochburgen. Die Stadien sind unwirtliche Orte, die von Frauen und Andersdenkenden gemieden werden. Selten kommen mehr als 3.000 Zuschauer zu den Spielen.

Sportlich bewegt sich die "Ekstraklasa", deren Spiele nur Bezahlsender Canal Plus übertragen werden, auf dem Niveau der deutschen Regionalliga, wirtschaftlich sogar noch darunter. Der Etat eines Erstligisten beträgt durchschnittlich nur 12,9 Millionen Zloty (etwa 3,2 Millionen Euro). Viel Geld fließt also nicht im polnischen Fußball, da schauen sich die Beteiligten eben nach Zusatzverdienstmöglichkeiten um - so wie Schiedsrichter Antoni F.

Nationalspieler Frankowski (r.): Jubel über Tor in England
AFP

Nationalspieler Frankowski (r.): Jubel über Tor in England

Da kommt es gerade recht, dass wenigstens die Nationalmannschaft noch ein Stück heile Fußballwelt verkörpert. In der erfolgreichen Qualifikation für die WM sehen viele Beobachter den Impuls für einen Imagewandel im Fußball: "Die Nationalmannschaft ist unsere große Hoffnung", so Tuzimek. Und Fußballinteressierte wie die Krakauer Lehrerin Anja Janicki sagen: "Unsere Nationalelf ist doch etwas ganz anderes als der Ligafußball - bei der Qualifikation schaue ich mir jedes Spiel an". Und nächstes Jahr will sie am liebsten nach Deutschland zur WM fahren. Egal ob mit oder ohne Karte für ein Spiel.

In Deutschland und England arbeiten auch die meisten Nationalspieler wie Torhüter Jerzy Dudek (FC Liverpool), Mittelfeldspieler Jacek Krzynowek (Bayer Leverkusen) oder Stürmer Eusebiusz Smolarek (Borussia Dortmund). Deren Heldentaten in der Fremde ("Tanz den Dudek" oder "Der Zauber des Ebi") landen bei sämtlichen polnischen Zeitungen auf den Seiten vor der Berichterstattung über die einheimische Liga.

Selbst die Tore von den in Schlesien geborenen deutschen Stürmern Miroslav Klose und Lukas Podolski werden in Polen eingemeindet. Um vom internationalen Glanz etwas abzubekommen, will der Ligakrösus und Tabellenführer Wisla Krakau nun erstmalig einen ausländischen Trainer verpflichten: Matthias Sammer, Mario Basler und Klaus Toppmöller standen schon auf der Kandidatenliste.

Der ganz große fußballerische Glanz soll im Jahr 2012 nach Polen kommen, dann will das Land die Europameisterschaft ausrichten. Sieben Stadien sollen neu gebaut oder aufwändig renoviert werden. Bis dahin muss der polnische Fußball aber die Baustellen Korruption und den Hooliganismus bearbeitet haben.



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