Gewalt im Fußball Aktionismus statt Annäherung

Die Gewalt in und um Fußballstadien nimmt zu. Stimmt nicht, sagt Fan-Forscher Gerd Dembowski. Es ist nur häufiger Thema in der Öffentlichkeit. Politiker geraten dadurch unter Druck und diskutieren fragwürdige Maßnahmen. Dabei wäre Dialog der richtige Weg.

Ultras von Hannover 96: Maßnahmen abseits jeglicher Diskussionen
dapd

Ultras von Hannover 96: Maßnahmen abseits jeglicher Diskussionen


Fußfesseln, Gesichtsscanner, Alkoholverbot - man könnte meinen, es gehe um Schwerverbrecher. Um Jungs der ganz üblen Sorte, mit der sich die deutschen Innenminister bei ihrer jüngsten Konferenz beschäftigten. Dabei ging es nur um Fußballfans, um die so genannten Ultras. Und daher leider auch um Fußfesseln, Gesichtsscanner und Alkoholverbot.

Wenn sich Politiker und Polizei-Gewerkschafter in heutiger Zeit treffen, um über Sicherheit in Fußball-Stadien zu sprechen, ist in der Regel kein aufklärerischer Akt zu erwarten. Dann geht es um harte Maßnahmen, abseits jeglicher Diskussionen.

Ohne Gewalt und seine Opfer im und um den Fußball verharmlosen zu wollen, müssen Relationen her. Die Anzahl der Strafverfahren, Freiheitsentziehungen und Einsatzstunden der Polizei ist minimal rückläufig. 846 Verletzte bei 17,5 Millionen Bundesliga-Besuchern bedeuten 0,005 Prozent. Dabei wird nicht einmal deutlich, wie viele Fans durch unkontrollierte Pfefferspray-Einsätze der Polizei verletzt wurden.

Öffentlicher Druck erzeugt Handlungsdrang

Die Polizei ist präventiv also überaus erfolgreich. Das gilt auch für Ordnerdienste, sozialpädagogische Fan-Projekte und die Selbstregulierung der Fans. Trotzdem wird das Thema Gewalt rund um den Fußball in immer kürzeren Intervallen zum Politikum. Dann ist häufig von einer "Welle der Gewalt" und einer "neuen Dimension" die Rede.

Der Reflex nach vermeintlichen Ausschreitungen, ganz gleich, ob es wirklich welche waren, ist immer gleich: Ein öffentlicher Druck erzeugt Handlungsdrang bei Politikern, der in Aktionismus mündet. Diffus geht es dann um "neue Wege", die gefunden werden müssen. Das Ergebnis sind meist Runde Tische, an denen DFB, DFL und die Koordinationsstelle der Fanprojekte versuchen, aufgebrachte Politiker mit Fakten zu beruhigen.

Abschaffung der Stehplätze im Gespräch

Sozialpolitische, nach Ursachen forschende Ideen, die langfristig Schlichtungsmodelle hervorbringen können, sind die Ausnahme, denn sie dauern in Zeiten der Beschleunigung zu lang. Stattdessen gibt es immer wieder Sofortmaßnahmen, um der Gewalt zu begegnen. Nur: Wären diese wirksam, gäbe es längst keine Gewalt mehr rund um den Fußball.

Aktuell ist von Namensregsistrierung beim Ticketkauf die Rede, auch von der Abschaffung der Stehplätze. Mit Erhöhung von Sicherheit hat das aber nichts zu tun. Es geht darum, Leute strafrechtlich und versicherungstechnisch besser identifizieren zu können, wenn etwas passiert.

Stehplätze haben den Fußball zu dem Erlebnis gemacht haben, das er heute in Ansätzen vor allem wegen ihnen noch ist. Im Gegensatz zu den früher veralteten Stehplätzen in England sind solche hierzulande besonders in Notfällen sicherer als Sitzplätze - sie sind einfacher und verletzungsunanfälliger zu räumen.

Nicht wegen den Stehplätzen gab es 1989 im englischen Hillsborough 96 Tote und 766 Verletzte. Das Unglück passierte wegen unverantwortlicher Überfüllung und zu wenig Fluchtmöglichkeiten. Auch wegen Zäunen, die den rettenden Weg in den Stadioninnenraum blockierten. Zahlreiche Katastrophen gingen hingegen von Sitzplätzen aus. Die Hooliganbewegung war immer auf den Sitzplätzen zu finden, um sich als "Elite" vom "Pöbel" auf den Stehplätzen abzusetzen.

Fußfesseln, Gesichtsscanner, Alkoholverbot: Gewalt im Fußball wird sich durch solche Maßnahmen nicht wirksam bekämpfen lassen. Aber um Gewalt geht es in Wirklichkeit auch nur marginal. Gehen sollte es um gegenseitige Annäherung durch mühselig erarbeitete Schlichtung.



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Seite 1
philos-arnhem 02.06.2012
1. Danke...
Einfach nur lesen und sacken lassen... angenehm, dass es auch Leute gibt, die abseits jeder Aufregung die Dinge analysieren und beim Namen nennen... Mal sehen, wie unsere "Fussballfanssindallesmassenmörderundmüssenansitzplätzegefesseltwerden"- Fraktion dazu Stellung nimmt... wahrscheinlich werden sie es leider nicht lesen. P.S. wie wäre es mit einer Abschaffung der Sitzplätze :p
philos-arnhem 02.06.2012
2. Danke...
Einfach nur lesen und sacken lassen... angenehm, dass es auch Leute gibt, die abseits jeder Aufregung die Dinge analysieren und beim Namen nennen... Mal sehen, wie unsere "Fussballfanssindallesmassenmörderundmüssenansitzplätzegefesseltwerden"- Fraktion dazu Stellung nimmt... wahrscheinlich werden sie es leider nicht lesen. P.S. wie wäre es mit einer Abschaffung der Sitzplätze :p P.P.S. In Hilsborough kamen im übrigen 96 Menschen zu Tode und das war vor allem auf das baufällige Stadion und die Polizeitaktik zurückzuführen...
horstieeee 02.06.2012
3. Danke
für diesen Artikel.
camba99 02.06.2012
4. Kleiner Fehler
Sehr guter Artikel, der wahrscheinlich nicht helfen wird. Da die meisten, die über das Thema diskutieren keine regelmäßigen Stadiongänger sind. Die Anzahl der Opfer der Hillsborough Katastrophe ist aber deutlich höher als die 15, die hier erwähnt werden. Es waren mehr als 90 Tote. Ein Grund damals waren übrigens die hohen Zäune, die heute von einigen Aktionisten gefordert werden.
jimi_hendrix_guitar_hero 02.06.2012
5. Danke
Zitat von sysopdapdDie Gewalt in und um Fußballstadien nimmt zu. Stimmt nicht, sagt Fan-Forscher Gerd Dembowski. Es ist nur häufiger Thema in der Öffentlichkeit. Politiker geraten dadurch unter Druck und diskutieren fragwürdige Maßnahmen. Dabei wäre Dialog der richtige Weg. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,836480,00.html
für diesen differenzierten Artikel! Unglaublich wohltuend einen solchen Artikel bei Spon zu lesen, die, wie alle anderen Medienvertreter, die Ereignisse während des Düsseldorf Spiels auf unerhörte Weise aufgebauscht haben.
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