Weniger Polizei beim Fußball Wem nützt der Vorstoß von NRW-Minister Jäger?

NRW-Innenminister Ralf Jäger will weniger Polizei rund um Fußballspiele einsetzen. Eine Chance, die die Anhänger nutzen sollten, findet Mike Glindmeier. Ein geschickter Schachzug zur Kostenreduzierung, meint Jörg Diehl. Die Debatte.

Polizisten in Bremen: Hohe Präsenz sorgt für Unmut
DPA

Polizisten in Bremen: Hohe Präsenz sorgt für Unmut


Jeannette Corbeau

Die Fans

Mike Glindmeier

Willkürliche Taschenkontrollen vor der Abfahrt des Sonderzuges. Explodierende Böller bei der Einfahrt des Zuges. Hunderte behelmte Polizisten, die Fans nach stundenlanger Anreise zum Auswärtsspiel den Gang zur Toilette verweigern. Einsatzleiter, die ganze Innenstädte kurzfristig zur Gefahrenzone erklären oder auch mal eine Busbesatzung bis zum Abpfiff in die Sammelzelle sperren, weil einzelne aus der Gruppe sich daneben benommen haben.

So sieht Wochenende für Wochenende der Alltag von Tausenden Polizisten und Fußballfans aus, die ihre Mannschaften zu Auswärtsspielen begleiten. Wenige benehmen sich daneben, alle werden bestraft. Das sorge für noch härtere Fronten zwischen Fans und Polizei, warnten Fanvertreter in der Vergangenheit und forderten weniger Präsenz und mehr Zurückhaltung seitens der Beamten.

Auf der Internetseite der Dachorganisation "ProFans" heißt es unter dem Stichwort Repressionen:

"Wir fordern:

  • Fußballfans sind keine Verbrecher - Behandlung aller auswärtigen Fans als Gäste der Stadt: Volle Bewegungsfreiheit in allen Städten, freier Zugang zu allen Bereichen der Bahnhöfe.
  • Freiräume im Stadion: Keine Polizei oder Ordner in der Fankurve."

Nicht wenige Anhänger dürften sich daher am Montag verwundert die Augen gerieben haben. Ausgerechnet der bei Fußballfans als Hardliner bekannte Innenminister von Nordrhein-Westfalen, Ralf Jäger, will künftig weniger Polizei rund um die Spiele einsetzen.

Konkret heißt es in dem Erlass des NRW-Innenministeriums

  • Es sollen Fußballspiele identifiziert werden, "die ohne den Einsatz von Bereitschaftspolizei bzw. mit geringerem Kräfteansatz als in den Vorjahren begleitet werden"
  • Wird Bereitschaftspolizei rund um Spiele eingesetzt, "werden diese Kräfte lageabhängig nach Möglichkeit verdeckt aufgestellt bzw. insbesondere in der Begleitung von Fußballanhängern zurückhaltend eingesetzt"
  • "Bereitschaftspolizei wird anlassunabhängig nicht offen im Stadion gezeigt"
  • "Die Begleitung von Shuttleverkehren vom/zum Stadion wird grundsätzlich nicht von der Polizei übernommen"

Die erste Reaktion der Fanvertreter fällt entsprechend positiv aus: "Bei einem Treffen mit Herrn Jäger haben wir angeregt, dass an der Stelle weniger mehr wäre. Demgemäß begrüßen wir den aktuellen Vorstoß, die Einsatzzahlen mit besserem Augenmaß festzulegen und in der Summe zu reduzieren sowie die meist sehr martialische, augenfällige Präsenz der Polizeikräfte zurückzufahren", sagte ein Sprecher von ProFans zu SPIEGEL ONLINE.

Doch was steckt hinter diesem Vorstoß? Ist es eine Trotzreaktion wie im September 2013, als Jäger nach einem viel kritisierten Polizeieinsatz auf Schalke damit drohte, Spiele der Gelsenkirchener künftig nicht mehr am und um das Stadion zu sichern?.

Oder ist es ein ernst gemeinter Versuch, auf die Anhänger zuzugehen? Fakt ist: Zumindest in NRW haben die Fans jetzt vier Spieltage Zeit zu beweisen, dass weniger Polizei mehr ist. Für diese Dauer hat Jäger seinen Feldversuch angesetzt. Es ist eine einmalige Chance für die Fans, eine ihrer zentralen Forderungen Nachdruck zu verleihen. Jäger schafft zudem einen zusätzlichen Anreiz für alle friedlichen Anhänger, sich gegen die Gewalttäter zu positionieren.

Doch der Vorstoß birgt auch ein großes Risiko für die Fans. Kommt es rund um die Begegnungen, in denen sich die Polizei bewusst zurückhält, zu Ausschreitungen, könnten die Behörden das als Legitimation für weitere repressive Maßnahmen anführen. Frei nach dem Motto: Wir haben es versucht, es lag in eure Händen, aber es hat nicht geklappt.

Dann beginnt das unwürdige Spiel zwischen Fans und Sicherheitskräften jedes Wochenende wieder von vorne.

Die Polizei

Jörg Diehl

Stellen wir uns einmal ganz dumm und fragen uns: Was ist eigentlich passiert? Der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD) hat angekündigt, die Polizeipräsenz in Fußballstadien "optimieren" zu wollen. Seinem Erlass zufolge, der SPIEGEL ONLINE vorliegt, sollen in einer mehrwöchigen Testphase diejenigen Spiele der ersten drei Ligen identifiziert werden, die mit wenig oder ohne Polizei auskommen. "Alles wie immer also", sagt ein erfahrener Einsatzleiter.

Denn genau das taten die Ordnungshüter auch bislang: Sie analysierten, wie gefährlich die entsprechende Partie werden könnte, und zogen dementsprechend Kräfte zusammen. Das konnten Tausende sein oder gar keine. Schon immer gab es hochklassige Fußballspiele in NRW ganz ohne Bereitschaftspolizisten.

Neu allerdings ist, dass das Innenministerium den Polizeiführern in Dortmund, Gelsenkirchen und Köln nun erstmals taktische Vorgaben macht, wie sie ihre Einsätze zu bewältigen haben. Für die Dauer des Pilotprojektes sollen die Einsatzleiter ihre Truppen in und um die Stadien möglichst vor den Fans verstecken und nur im Notfall auftreten: null Provokation statt null Toleranz. Für Begeisterung bei den Uniformierten sorgt das nicht.

Doch das ist aus politischer Sicht nicht entscheidend. Denn es geht ja gerade um ein deutliches Signal in den Polizei-Apparat: In Zeiten eines Milliarden-Haushaltslochs und gigantischer Schulden werdet ihr auf Dauer mit weniger Leuten auskommen müssen! Das ist die Botschaft, die der SPD-Innenminister seinen Führungskräften im Höheren Dienst eintrichtern will.

Deshalb soll künftig das Duisburger Landesamt für Zentrale Polizeiliche Dienste (LZPD NRW) die "Zuweisung von Kräften aus Anlass von Fußballspielen kritisch und mit einem engen Maßstab" überprüfen, wie es in dem Erlass heißt.

Der Grund dafür könnte sein, dass so mancher örtliche Einsatzleiter aus Vorsicht dazu neigt, im Zweifel lieber etwas mehr Uniformierte einzubestellen als zu wenig: Masse macht's, ist vielfach noch immer die über Jahrzehnte gelernte Strategie bei Großlagen. Langeweile schreckte Beamte noch nie, ein Fehler hingegen schon.

Neben einer veränderten Strategie für Fußballeinsätze könnte am Ende auch eine öffentliche Debatte darüber stehen, welche Aufgaben eine zwangsläufig schrumpfende Polizei künftig noch übernehmen soll. Schon jetzt denken hochrangige Beamte in NRW darüber nach, ob etwa Schwertransporte oder Unfälle mit Bagatellschäden eigentlich zwangsläufig den Einsatz der Staatsmacht erfordern. Oder: Müssen Konsulate wirklich von Beamten auf Lebenszeit gesichert werden?

Sollte der nordrhein-westfälische Fußballfeldversuch jedoch scheitern, es also zu durch Fehleinschätzungen verursachten Krawallen kommen, stünde Innenminister Jäger selbst in der Verantwortung für die Eskalation. Seinen dann zu erwartenden Rückzug des Rückzugs der Polizei würde er sich aber wohl bezahlen lassen wollen. Auch wenn er bislang abwartet und noch kein Geld von den Fußballvereinen fordert, ist dieser Schritt alles andere ausgeschlossen. Manche halten ihn sogar für wahrscheinlich. Irgendwann.



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insgesamt 61 Beiträge
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Seite 1
MisterD 05.08.2014
1.
Wenn in Dortmund hunderte sturzbesoffene Ultras auf die gegnerischen Fans losgehen, wird sich eindrucksvoll zeigen, dass diese Taktik nicht funktioniert... Da kann man auch gleich Antifa und NPD ohne Polizeischutz in derselben Stadt, am selben Tag demonstrieren lassen...
Kenny48 05.08.2014
2.
Richtig. Ab sofort werden jede Woche tausende besoffene Ultras aufeinander einschlagen. Oder auch nicht...
Frank Zi. 05.08.2014
3.
Zitat von MisterDWenn in Dortmund hunderte sturzbesoffene Ultras auf die gegnerischen Fans losgehen, wird sich eindrucksvoll zeigen, dass diese Taktik nicht funktioniert... Da kann man auch gleich Antifa und NPD ohne Polizeischutz in derselben Stadt, am selben Tag demonstrieren lassen...
Dafür reichen 2x VW Busse voller gut trainierter Schlägerpolizisten und 2 Kampfhunde.
ecbert 05.08.2014
4. Randalierer müssten doch bekannt sein ?
Gewaltbereite Personen müssten an dem Spieltag "ihres Vereins" mit einem Hausarrest bestraft werden. Sollten sie dennoch von der Polizei auf öffentlichen Flächen angetroffen werden müssten min. 10000,- Euro Strafe fällig werden. Sind die Personen Harz 4 Empfänger wird die Unterstützung beim ersten Mal um 10 %, beim zweiten Mal um 20 % usw. gekürzt. Denn dass die Steuerzahler dauerhaft für das Fehlverhalten einiger Idioten haften müssen und so für ca.: 30 % der Polizeikosten aufkommen müssen geht gar nicht ! Zudem würden auch Busse und Bahnen geschont und die Reinigungskosten, die ebenfalls von allen getragen werden, würden geringer.
kimba_2014 05.08.2014
5.
Zitat von sysopDPANRW-Innenminister Ralf Jäger will weniger Polizei rund um Fußballspiele einsetzen. Eine Chance, die die Anhänger nutzen sollten, findet Mike Glindmeier. Ein geschickter Schachzug zur Kostenreduzierung, meint Jörg Diehl. Ein Debattenbeitrag. http://www.spiegel.de/sport/fussball/polizei-bei-fussballspielen-wem-nuetzt-der-vorstoss-von-ralf-jaeger-a-984583.html
NRW hat kein Geld mehr für die Polizei und die verbliebenen Beamten sind damit beschäftigt, beim "Blitz-Marathon" Autofahrer abzuzocken.
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