Polizei-Einsatz in Fankneipe St. Pauli-Anhänger verletzt und entsetzt

Tränende Augen und herausgeschlagene Zähne: Die Polizei hat am vergangenen Wochenende die St. Pauli-Fankneipe "Jolly Roger" gestürmt. Dabei wurden zahlreiche Anhänger verletzt. Der Grund ist rätselhaft, mittlerweile wird polizeiintern ermittelt.

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Diese Nacht wird Sven Klein so schnell nicht vergessen. Der St. Pauli-Fan und freie Journalist wurde in der Nacht zu Sonntag schwer von einem Polizeiknüppel verletzt. Klein stand vor der Fankneipe "Jolly Roger" im Stadtteil St. Pauli, als es plötzlich zu Auseinandersetzungen mit der Polizei kam. Im angrenzenden Stadtteil Sternschanze war es nach dem Schanzenfest zu Ausschreitungen gekommen, einige Randalierer waren auf der Flucht vor der Polizei in Richtung der Kneipe gerannt - laut Angaben des Betreibers allerdings nicht in den Gastraum.

Verletzter Klein: Vier Zähne verloren

Verletzter Klein: Vier Zähne verloren

"Jeder im Viertel weiß, dass unsere Kneipe kein Rückzugsraum für Straftäter ist", sagt ein Vorstandsmitglied des Betreibers "Ballkult e.V." auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE: "Unser Wirt hat uns bestätigt, dass dies auch an diesem Abend nicht der Fall war."

Warum die Polizei trotzdem gegen 3 Uhr erst das "Jolly Roger" umstellte, dann Pfefferspray in den Gastraum sprühte, um anschließend den Laden zu räumen, bleibt unklar.

Hamburgs Polizeisprecher Ralf Meyer bestätigte zwar den Einsatz, wollte aber nichts "über weitere Einzelheiten sagen, weil derzeit das Dezernat Interne Ermittlungen eingeschaltet ist". Die internen Ermittler sollten laut "taz" bereits direkt nach dem Vorfall zu der Fankneipe entsandt werden, was von Gesamteinsatzleiter Peter Born aber "fernmündlich verweigert" worden sein soll. Daraufhin hatte der Hamburger Rechtsanwalt Manfred Getzmann Strafanzeige wegen Strafvereitelung im Amt sowie wegen Sachbeschädigung gestellt.

Bei der Polizei-Aktion wurden zahlreiche Gäste verletzt, die meisten durch den massiven Einsatz von Pfefferspray und Schlagstöcken. "Die Gäste haben teilweise unter Todesangst die Fenster von Innen eingeworfen, um Luft zu bekommen", so das Vorstandsmitglied des Betreibervereins, das einräumt, dass während der Erstürmung im Innenraum Gegenstände gegen Beamte geworfen wurden. Der Vorfall käme einer Kriegserklärung gleich, so die Äußerungen diverser St. Pauli-Fans im Internet-Forum www.stpauli-forum.de. Einen der Anhänger erwischte es besonders schlimm. Sven Klein stand beim Abzug der Polizei nach eigenen Angaben einige Meter entfernt vom Eingang der Kneipe und beobachtete die Szenerie, als "mir plötzlich einer der Polizisten mit einem Knüppel ins Gesicht schlug". Klein hat keine Erklärung für die Attacke, bei der er vier Zähne verlor. Der St. Pauli-Fan, dem eine aufwendige Zahn-OP droht, will jetzt rechtliche Schritte gegen die Polizei einleiten.

Unter den St. Pauli-Fans macht unterdessen die Theorie die Runde, dass dieser Vorfall mit vorherigen Krawallen in Zusammenhang stehen könnte. Der Beamte einer Eutiner Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit hatte sich im März bei Auseinandersetzungen nach dem Zweitliga-Derby gegen Rostock bei einer Straßenschlacht zwischen Randalierern und der Polizei schwere Schnittverletzungen in der Straße vor dem "Jolly Roger" zugezogen.

Im Juni beklagten zahlreiche St. Pauli-Fans dann einen überzogenen Polizeieinsatz beim Auswärtsspiel in Kiel. Die zweite Mannschaft der Hamburger war damals in die Regionalliga aufgestiegen, bei den anschließenden Feierlichkeiten kam es dann zu den Auseinandersetzungen mit der Polizei. Dabei soll es sich laut Augenzeugen ebenso um eine Eutiner BF-Einheit gehandelt haben, wie auch in der Nacht zu Sonntag im "Jolly Roger". Die Polizei wollte sich dazu nicht äußern. Auch vom FC St. Pauli gab es zunächst keine Stellungnahme.

Am Montagabend ist eine Zusammenkunft von Betroffenen, Zeugen, "Ballkult"-Vertretern und Anwälten im "Jolly Roger" geplant. Dort werde über das weitere Vorgehen gesprochen. Für Dienstag kündigte der Betreiberverein der Fankneipe eine ausführliche Stellungnahme an.

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