Polizei-Prügel für Fußball-Fans Von Amnesty bis Zahnverlust

Fans klagen an: Häufig kommt es beim Fußball zu überzogenen Polizeieinsätzen. In Düsseldorf kesselten Beamte stundenlang Gäste einer Fankneipe ein, in Emden kam es zu Schlagstockeinsätzen wegen eines ausgestreckten Mittelfingers. SPIEGEL ONLINE hat einige Fälle dokumentiert.

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Fußballfans und Kneipentresen - das passt doch nirgendwo besser zusammen als in Düsseldorf, der Stadt mit der sprichwörtlich längsten Theke der Welt. Im April dieses Jahres wurde aber selbst den Düsseldorfer Fußballfans ein Kneipenaufenthalt zu lang. Stundenlang saßen sie in der Fankneipe "Kastanie" fest. Die Polizei hatte vor dem Drittliga-Spiel gegen Union Berlin bereits am Vormittag rund 250 Düsseldorfer Anhänger in der Gaststätte eingekesselt (siehe Video), 80 Personen wurden vorübergehend in Gewahrsam genommen.

Die übrigen Besucher wurden bis weit nach Ende des Spiels festgesetzt. Die Polizei nannte "konkrete Hinweise auf beabsichtigte Auseinandersetzungen Düsseldorfer und Berliner Hooligans an Drittorten" als Begründung für diese Maßnahme und berief sich auf eine richterliche Anordnung.

Das Fanprojekt beklagte den gut sechsstündigen Einsatz als überzogen, auch der Verein zeigte sich entsetzt über die Aktion. Die Polizei hat mittlerweile reagiert und den verantwortlichen Einsatzleiter ausgetauscht. In Hamburg hatte ein ähnlicher Vorfall am ersten Juliwochenende zu Zerwürfnissen zwischen Anhängern des FC St. Pauli und der Polizei geführt.

Konsequenzen wie die Umbesetzung bei der Düsseldorfer Polizei sind eher selten, so Matthias Stein. Der Leiter des Jenaer Fanprojekts machte im Februar dieses Jahres selbst unfreiwillige Bekanntschaft mit einem Polizeiknüppel. Beim Drittliga-Auswärtsspiel des FC Carl-Zeiss Jena in Emden zeigte einer der Gästefans den Polizisten den ausgestreckten Mittelfinger.

Obwohl sich Stein gerade um eine friedliche Lösung in Absprache mit szenekundigen Beamten befand, stürmte eine Polizeieinheit nach dem Spiel in eine Fangruppe, um diesen Jugendlichen zu stellen (siehe Video). Dabei wurden laut Stein auch "ein Präsidiumsmitglied sowie weitere Unbeteiligte geschlagen." Stein kann dieses Vorgehen nicht nachvollziehen: "Das hätte man im Sinne aller Beteiligten friedlicher lösen können", sagte Stein SPIEGEL ONLINE.

Im Anschluss an das Spiel gingen sieben Strafanzeigen ein, die Staatsanwaltschaft leitete ein "Ermittlungsverfahren wegen Körperverletzung im Amt gegen den namentlich bekannten Führer der Einsatzhundertschaft" ein. Bis heute ohne Ergebnis. Die Grünen und die Linkspartei stellten im März zudem eine kleine Anfrage an den niedersächsischen Innenminister Uwe Schünemann. "Die Augenzeugenberichte vermitteln den Eindruck, dass die Polizei überzogen reagiert hat", lautete die Begründung der Linkspartei für ihren Antrag.

Schünemann bestätigte im niedersächsischen Landtag, dass der Polizeieinsatz dazu diente, den Zeiger des Stinkefingers dingfest zu machen. Da es aber bei der "Festnahme des Täters zur Feststellung seiner Personalien" aus dessen Umfeld zu Drohungen gegen die Polizeibeamten gekommen sein soll, "haben die Beamten nach entsprechender Androhung situationsbedingt auch unmittelbaren Zwang in Form körperlicher Gewalt angewandt." Von den Drohungen ist auf dem Video eines Augenzeugen allerdings nichts zu sehen.

Zahlreiche weitere Fälle sorgten in den vergangenen Monaten für Unmut in der Fanszene. Im November 2008 setzte die Bremer Polizei 234 Fans von Eintracht Frankfurt für drei Stunden in der Bremer Innenstadt fest, anschließend wurden die Anhänger mit Kabelbindern gefesselt und während des Spiels in Bremer Gefängnissen festgehalten.

Die knapp sieben Stunden Freiheitsentzug begründete der Bremer Einsatzleiter: "Aufgrund der Parolen, der mitgeführten Gegenstände und einer aggressiven Grundstimmung haben wir uns entschlossen, die Gruppe in Gewahrsam zu nehmen." Denn, so heißt es im abschließenden Polizeibericht, "es hätte ohne Zweifel beim Aufeinandertreffen mit Bremer Fans eine körperliche Auseinandersetzung gegeben."

Stephan von Ploetz, langjähriger Leiter des Frankfurter Fanprojekts, zweifelt an den seherischen Fähigkeiten der Bremer Polizei. Er kann die Aktion bis heute nicht nachvollziehen: "Das waren ganz normale Fans, es gab keinerlei Gewalt, nicht mal Pöbeleien", so Ploetz zu SPIEGEL ONLINE. Mittlerweile haben alle 234 Festgehaltenen Anzeige wegen Nötigung und Freiheitsberaubung gestellt, die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen aufgenommen.

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insgesamt 119 Beiträge
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Seite 1
Christian W., 11.07.2009
1.
Es sind immer und ausnahmslos die radikalen antifaschistischen Ultraneonazihooligans schuld, immer. Dazu kommt das die immer besoffen sind und andauernd Leute anpöbeln und auch noch allsamt Hartz IV beziehen. Die haben auch alle keinen Schulabschluss und sind schlimmer als alle anderen Straftäter. Die Polizei reagiert immer richtig und angemessen, nie überzogen, wirkt stets deeskalierend und ist als netter Freund und Helfer immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Auf Grund der guten Ausbildung der Einsatzkräfte, die übrigens gezwungen werden diese brandschatzenden sogenannten Fußballfans zu überwachen, kommt es auch stets zu einer richtigen Einschätzung der Sachlage. Man kann ja auch immer in den Polizeiberichten lesen, wie es wirklich war. Auf diese sogenannten Fanberichte kann man jedenfalls nicht hören, da ist alles erstunken und erlogen. Traurig nur, dass immer öfter die Presse mit hetzt, gegen die armen Polizisten die nur ihre Arbeit ausüben. Siehe aktuell das Beispiel St. Pauli. Reine Selbstverteidigung. Oder vorher eine Feier des BFC. Oder die Festnahme 234 Frankfurter Hooligans in Bremen. Oder der Einsatz gegen BFC-Hooligans beim Gastspiel bei TeBe Berlin. Oder bei der Aufstiegsfeier von Fortuna Düsseldorf. Oder beim Spiel Düsseldorf gegen Union an der Düsseldorfer Fankneipe. Und überall dort wurden friedliebende, korrekt handelnde, todesmutige, Staatsdiener der Lüge bezichtigt, unangemessen gehandelt zu haben. Eigentlich ein Skandal.
a.c.a.b. 11.07.2009
2.
bei solchen bildern wie die stürmung des Jolly Roger) bekomm ich so einen hass auf diese ****** polizisten...und dann wundern die sich über immer mehr gewalt gegen sich selbst...sowas ist das allerletzte und denen gehört auf der stelle gekündigt...würd mich nicht wundern wenn sich in so einer situation mal wieder ganz ausversehen ein schuss löst...komisch dass das dann simmer kein kollege gesehen hat...zum kotzen!!!
Voll Mann, 11.07.2009
3.
Na na na... ganz so schlimm ist es auch nicht. Bei uns in Braunschweig hat man 140 sogenannten Ultras mit Hilfe der Polizei Stadionverbote erteilt weil sie meinten man könne einfach Karten für die Nordkurve kaufen obwohl sie in die Südkurve gehören. Zurecht bestraft, wie ich meine. Es gibt im Grundgesetz keine Garantie für freie Platzwahl. Also einkesseln, kriminaltechnisch erfassen und Stadionverbot. OK, es waren Kinder dabei, aber was solls - eine Lektion fürs Leben halt. Man muß aber auch in die Polizei verstehen, Überstunden, Samstagsschicht und dann noch singende Fans, da rutscht einem schon mal die Hand aus. Dann auch noch die Arbeitsplatzsituation. Ohne Fussball wären Massen von Hundertschaften überflüssig - und wer denkt an ihre Familien? Oder Osama, da müssen wir doch vorbereitet sein, wenn Heerscharen von Muslimen ins Land einfallen. Ich bin der Meinung Fußballfans halten unsere Polizei fit für größere Aufgaben, deshalb sollten wir aufhören zu jammern sondern lieber dankbar sein.
Dylan1941, 11.07.2009
4.
Der wievielte Thread zu dem Thema ? Langsam wird es langweilig und es kommt bei mir zu Ermüdungserscheinung wie bei den vielen Threads um Bayern München .....
kdshp 11.07.2009
5.
Zitat von sysopNahezu jedes Wochenende kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen Fußball-Anhängern und der Polizei. Am Ende steht oft die Frage, ob Fans Gewalttäter oder -opfer sind. Wie ist Ihre Erfahrung als Fußballfan mit der Polizei?
Hallo, auch die Polizei wird immer brutaler weil ja unsere gesellschaft immer brutaler wird. Wundere mich das man scheinbar Polizisten und andere staatdiener grundsätzlich als 100% korrekt hinstellt. Es gibt auch Polizisten die gerne zuschlagen nicht nur hooligans ! Ich vertraue meiner Polizei nicht mehr und das ansehen ist seit 25 jahren immer weiter gesunken.
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