Einsatz von V-Männern: Schnüffler in der Fankurve

Von Rafael Buschmann, Nürnberg

Gerüchte gab es schon länger, nun wird ein konkreter Fall bekannt: Die Polizei setzt in der Fußball-Fanszene vermehrt auf den Einsatz von V-Leuten. Das Verhältnis zwischen Anhängern und Ordnungshütern wird damit weiter belastet, es herrscht eine Atmosphäre des Misstrauens.

Nürnberger Fußballfans: "Schwarze Schafe gibt es überall" Zur Großansicht
dapd

Nürnberger Fußballfans: "Schwarze Schafe gibt es überall"

Der Treffpunkt befindet sich im "Goldenen Posthorn", direkt gegenüber der ältesten Nürnberger Pfarrkirche, dem Heiligen St. Sebald. Doch das, was Ralf Peisl und ein Mann namens Klaus zu berichten haben, hat mit Frömmigkeit nur wenig zu tun. Die beiden Männer wirken misstrauisch, schauen sich vor dem Betreten des Restaurants mehrfach um. Der Tisch, den sie für das Gespräch ausgesucht haben, liegt im hintersten Eck des Hauses, Peisl nennt ihn "konspirativ". Hier, im sonst so beschaulichen Teil Nürnbergs, geht es nun um eine Geschichte, die die deutsche Ultra- und Fanszene seit über zwei Wochen in wilde Diskussionen und Verschwörungstheorien stürzt.

"Das Ganze ist der Hammer, unfassbar", flüstert Klaus, ein kerniger Kerl, der weder Polizisten noch Journalisten leiden kann. Seinen wirklichen Namen nennt er zwar, will ihn aber nirgendwo lesen. "Bei uns allen herrscht große Verunsicherung", sagt Peisl. Er vertritt als Anwalt die "Rot Schwarze Hilfe" (RSH). Der Solidarverein hilft Fans des 1. FC Nürnberg, wenn sie Probleme mit der Polizei haben. Klaus arbeitet ehrenamtlich für das Projekt und kümmert sich um Fanbelange.

Am 18. Juli, einen Tag nach dem Berliner Sicherheitsgipfel, auf dem erneut die vermeintliche Fan-Brutalität und -Kriminalität Gegenstand der politisch-polizeilichen Diskussionen war, erreichte die RSH ein Anruf eines Mitglieds der Ultras Nürnberg 94 (UN). Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE handelte es sich bei dem Angerufenen um "Chris", eines der führenden UN-Mitglieder.

Vergünstigungen wie Hilfe bei der Jobsuche

Er berichtete der RSH, dass er am Vormittag vor einer Imbissbude in einem Nürnberger Vorort von einem Mann angesprochen worden sei. Dieser bot ihm an, für die Münchner Polizei als V-Mann zu arbeiten. Ihm sollen Vergünstigungen sowie Vorteile wie Hilfe bei der Jobsuche angeboten worden sein.

Der Mann, der ihn ansprach, hatte einen starken Münchner Akzent, war zwischen 40 und 45 Jahren alt und zeigte einen Ausweis des Innenministeriums vor. Zudem fuhr er einen Mercedes mit städtischem Kennzeichen. So berichten es Peisl und Klaus. SPIEGEL ONLINE bat Chris mehrfach um ein persönliches Gespräch. Der junge Mann lehnte jedoch ab - "weil er jetzt allen misstraut", erklärt Peisl.

Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE wollten weder das Bayerische Innenministerium noch die Münchner und Nürnberger Polizei oder die jeweiligen Staatsanwaltschaften offiziell etwas zu dem konkreten Fall sagen.

"Versuche, über V-Männer an Informationen zu kommen"

Dass allerdings mittlerweile etliche Geheimagenten in der Fußballfanszene unterwegs sind, wird von keiner staatlichen Seite mehr dementiert. "Wir gehen mit verdeckten Ermittlungen nicht gezielt gegen die Fußballszene vor, sondern vielmehr gegen einzelne Individuen, die wir im Bereich der Schwerstkriminalität verorten", sagt Michael Siefener, Pressesprecher des Bayerischen Innenministeriums. Und natürlich können diese Personen auch in der Fanszene anzutreffen sein. "Schwarze Schafe gibt es überall", sagt Siefener und ergänzt eilig, dass diese Maßnahme "keine Gängelung von Fußballfans" sein soll und der Einsatz von V-Leuten an strenge Maßgaben gebunden sei.

Phillipp Markhardt, Sprecher des Bündnisses Pro Fans, glaubt hingegen an ganz gezielte Aktionen der Polizei: "Wir sind überzeugt davon, dass es bundesweit etliche Versuche gab und gibt, über V-Männer an Informationen aus der Fanszene zu kommen." Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE soll dies zuletzt sogar in zwei prominenten Fällen geglückt sein.

Der Kölner Polizei sollen Informationen eines V-Manns geholfen haben, Mitglieder der Ultra-Gruppe "Wilde Horde" nach einer Attacke auf einen Mönchengladbacher Fanbus ausfindig zu machen und zu verhaften. In Dresden sollen sogar mehrere Mitglieder der vermeintlich rechtsgerichteten "Faust des Ostens" über Monate mit der Polizei zusammengearbeitet haben.

In beiden Fällen ist es bereits zu Prozessen gekommen beziehungsweise stehen in naher Zeit Gerichtsverhandlungen bevor. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE wollte sich weder die Kölner noch die Dresdner Polizei öffentlich äußern. Ein Ermittler, der mit der Dresdner Fanszene sehr gut vertraut ist, sagte SPIEGEL ONLINE jedoch: "Natürlich gibt es auch im Fanbereich V-Leute. Da es sich dort häufig um in sich geschlossene Gruppen handelt, können auch Delikte im Bereich von Waffen- oder Sprengstoffbesitz oder -handel nicht ausgeschlossen werden."

"Misstrauen unter den einzelnen Mitgliedern"

Für Peisl, der auch im Aufsichtsrat des 1. FC Nürnberg sitzt, ist dies eine fürchterliche Entwicklung: "Man schürt damit Misstrauen unter den einzelnen Mitgliedern. Solche Maßnahmen sind doch völlig überzogen. Fußballfans sind doch keine Schwerstverbrecher, die Menschen- oder Waffenhandel betreiben", sagt Peisl.

Insbesondere in der jüngeren Vergangenheit gerieten Fußballfans durch eine Kampagne zur Legalisierung von Pyrotechnik, Krawalle beim Spiel zwischen Borussia Dortmund und Dynamo Dresden oder den Platzsturm beim Relegationsspiel in Düsseldorf jedoch häufiger in den öffentlichen Fokus. Polizeigewerkschaften und Fußballverbände sprechen seitdem gerne von einer "neuen Eskalationsstufe" oder "größtem Aggressionspotential". Die Verletztenstatistiken konnten dies zuletzt hingegen nicht bestätigen, Fußballfans äußern deshalb vermehrt ihre Sorgen vor einer unverhältnismäßigen Kriminalisierung und Bestrafung der Zuschauer.

V-Männer zur Aufklärung von Fahnenklau

"Der Schritt zu den V-Leuten ist ein endgültiger Vertrauensbruch", sagt Markhardt. Er gibt zudem zu bedenken, dass "V-Männer sehr teuer sind, ihre Wirkungskraft hingegen eher bescheiden ausfällt". Tatsächlich wurde das Thema V-Leute in den vergangenen Monaten immer wieder kritisch diskutiert.

Nach Bekanntwerden der sogenannten Zwickauer Terrorzelle wurden etliche Personen als V-Leute entlarvt, die der Polizei und dem Verfassungsschutz jedoch trotz längerer Zusammenarbeit kaum Erkenntnisse geliefert haben. Ebenso umstritten ist diese Methode in der Rocker-Bandenszene. Auch dort lautet der Vorwurf: Die V-Männer kassieren Geld vom Staat, geben aber kaum eine wirkliche Gegenleistung. Markhardt glaubt ebenfalls nicht daran, "dass man bei Ultras wirklich heiße Infos kriegen kann".

Im Fall des Nürnberger "Chris" soll es, so beschreibt es ein Münchner Ermittler im inoffiziellen Gespräch, um den Erkenntnisgewinn zu einem Fahnenraub gehen. Nürnberger Ultras sollen Ende des vergangenen Jahres ein Banner der Münchner Ultra-Gruppe Schickeria gestohlen haben. Auf der Fahne stand die Aufschrift: "Südkurve - Herz und Seele unseres Vereins".

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insgesamt 171 Beiträge
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1. Wieso wird sich darüber gewundert?
Jürgen65 14.08.2012
In und vor den Stadien eskaliert organisierte Gewaltkriminalität, solange die "Fanclubs" ihre Weste nicht reinhalten muss eben so ermittelt werden.
2. Heizen wir Doch mal an
traurigewelt 14.08.2012
Wie siehts aus? Könnten einfach V-Leute für einige der Pyros verantwortlich sein, so dass Polizei mehr Mittel bekommt gegen Fans vorzugehen? Das man von radikalisierten Fans sprechen kann Diese sind den Ordnungshütern schon lange ein Dorn im Auge. Man kennt es von den V-Leuten ja schon, dass sie oft anheizer sind.
3. Fankurve
endbenutzer 14.08.2012
Zitat von sysopGerüchte gab es schon länger, nun wird ein konkreter Fall bekannt: Die Polizei setzt in der Fußball-Fanszene vermehrt auf den Einsatz von V-Leuten. Das Verhältnis zwischen Anhängern und Ordnungshütern wird damit weiter belastet, es herrscht eine Atmosphäre des Misstrauens. Polizeit setzt V-Männer in der Fußball-Fanszene ein - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,849864,00.html)
Wer jetzt gleich wieder auf die ach so böse Polizei losgeht, sollte sich vielleicht fragen, weshalb es soweit gekommen ist. Ganz sicher nicht, weil gewisse „Fans“ sich im Stadion und den umliegenden Gebieten so gut benehmen können. Verprügelte Menschen, aufgeschlitzte Sitzpolster in Bussen und Bahnen, eingeschlagene Fensterscheiben und ähnliches provozieren eben die Staatsmacht. Mit Recht, denn warum sollten bei Fußballfans andere Regeln gelten, als bei randalierenden Demonstranten?
4.
cs01 14.08.2012
Zitat von sysop"Natürlich gibt es auch im Fanbereich V-Leute. Da es sich dort häufig um in sich geschlossene Gruppen handelt, können auch Delikte im Bereich von Waffen- oder Sprengstoffbesitz oder -handel nicht ausgeschlossen werden."[/url]
Bloß weil man unter sich sein will, ist man schon verdächtigt, kriminell zu sein. Was soll der Blödsinn? Im Übrigen kann jeder bei einer Fangruppierung mitmachen. Man muss bloß Fan des Vereins sein und Einsatz zeigen.
5. IM Kutte
blodnach 14.08.2012
Infiltrieren, bespitzeln, verleumden... Gut, dass wir die DDR annektiert haben. Man kann ja scheinbar doch noch Einiges für die Zukunft lernen, wenn man sich mit der Vergangenheit beschäftigt!
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