Fankongress in Berlin Ultras gehen auf Polizei zu

Die Polizei ist das Feindbild Nummer eins in Ultra-Kreisen. Diese Haltung könnte sich künftig ändern. Die Fans haben verstanden, dass nur der Dialog Fortschritte bringt. Wie genau dieser aussehen soll, ist eines von vielen Themen, die am Wochenende in Berlin diskutiert werden.

Fußballfans (in Augsburg): Fürsprecher außerhalb der Kurven
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Fußballfans (in Augsburg): Fürsprecher außerhalb der Kurven


Wieder einmal sorgen Fußballfans für ein volles Haus. Damit ist in diesem Fall aber kein Stadion in der Bundesliga gemeint, sondern das Berliner Veranstaltungszentrum "Kosmos". Dort findet am Wochenende der zweite Fankongress statt. 700 Teilnehmer, darunter Anhänger aus den ersten fünf Ligen, hätten sich bereits angemeldet, heißt es bei den Organisatoren von "Pro Fans" und "Unsere Kurve". Unter dem Motto "Fanfreundliches Stadionerlebnis: Wie Fans den Fußball wollen" sollen die Themen erörtert werden, die das Publikum in den Kurven bewegen.

Durchgesetzt haben sich im Vorfeld diejenigen Fans, die finden, dass sie mit allen Akteuren im Fußball im Gespräch bleiben müssen, weil es nur so gelänge, eigene Forderungen durchzusetzen. Dabei war genau das in den vergangenen Jahren umstritten. Viele Ultra-Gruppen waren strikt der Meinung, dass sich weder das Gespräch mit den Vereinsführungen ("verraten die Tradition der Clubs"), mit den Verbänden ("organisieren den Verrat"), der Polizei ("Prügelorganisation") noch der Presse ("schreibt lediglich Polizeiberichte ab") lohne.

Die Anliegen, die am Wochenende auf der Agenda stehen, dürften auch Fürsprecher außerhalb der Fankurven haben: "Wir wollen überlegen, wie Fans sich mehr in die Vereinsarbeit einbringen können", sagt Sandra Schwedler vom Organisationsteam: "Was ist davon zu halten, wenn ein Konzern wie VW bei der halben Liga Sponsor ist? Wird die 50+1-Regel, die den Vereinen ihre Selbständigkeit sichern soll, nicht ausgehöhlt, wenn Red Bull Leipzig in den Profifußball darf?"

Besonders das Verhältnis zur Presse hat sich merklich entzerrt - ein Prozess, der schon beim ersten Fankongress vor zwei Jahren begann. Damals hatten sich die berichtenden Journalisten immer wieder anhören müssen, dass sie Fanbelange in ihrer Arbeit nicht berücksichtigten. Ob es an dieser Rüge lag, dass das Medienecho auf den Kongress daraufhin fast schon euphorisch ausfiel?

Auch die unter dem Namen "12:12" bekannt gewordenen Proteste gegen das von der DFL koordinierte Sicherheitspapier - damals stellten die Fans in allen deutschen Stadien in den ersten 12 Minuten und 12 Sekunden jegliche Unterstützung ein - werden intern als Erfolg gesehen. In der Tat äußerten selbst Medien, die Fans bis dato weitgehend als Störenfriede gesehen hatten, Zweifel am Sinn des Sicherheitspapiers.

Protest gegen das DFL-Sicherheitspapier: Erfolg für die Fanszene
DPA

Protest gegen das DFL-Sicherheitspapier: Erfolg für die Fanszene

Verhärteter denn je scheinen allerdings die Fronten zwischen Polizei und Fans zu sein. Dass sich beide Seiten Doppelzüngigkeit vorwerfen, ist dabei nichts Neues. Und tatsächlich haben neutrale Beobachter bei Kongressen und Podiumsdiskussionen ja meist den Eindruck, dass auf beiden Seiten vernünftige, kompromissbereite Menschen sitzen.

Im Liga-Alltag setzen sich dann aber oft genug die Vertreter der harten Linie durch. Seien es prügelnde Fans, von denen einige offenbar in den Polizeibeamten überhaupt nicht mehr den Menschen, sondern nur noch den Vertreter einer verhassten Institution sehen. Oder seien es auf der anderen Seite Hardliner wie der Publicity-bewusste Chef der kleinen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, dessen Aussagen ("Wer ins Stadion geht, begibt sich in Lebensgefahr") allerdings auch viele Polizisten vor Ort nicht teilen.

"Besonders jüngere Fans" nähmen "die Polizei nur noch negativ wahr", berichtet Schwedler, "als Instanz, die sie einkesselt, ihnen vorschreibt, wo sie hinzugehen haben, ihnen auch die harmlosesten Dinge verbietet."

Doch auch hier soll der Gesprächsfaden nicht abreißen: Bevor am zweiten Tag des Kongresses in Berlin der Themenkomplex "Antidiskriminierung" aufgerufen wird, endet der Samstag mit einer Podiumsdiskussion über das Verhältnis zwischen Fans und Polizei. Neben Hans-Ulrich Hauck, Leiter der Direktion zwei der Berliner Polizei, ist Bernd Heinen angekündigt, der dem "Nationalen Ausschuss Sport und Sicherheit" vorsteht.

Mit ihm diskutieren Albert Scherr von der PH Freiburg und der Bochumer Kriminologe Thomas Feltes. Beide sind in der Vergangenheit durch punktuelle Kritik am Vorgehen der Polizei aufgefallen, scheuen sich aber auch nicht, den Fans den Spiegel vorzuhalten, wenn die Weltsicht doch mal wieder arg schwarz-weiß ausfällt.



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insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
ypw 18.01.2014
1.
"Viele Ultra-Gruppen waren strikt der Meinung, dass sich weder das Gespräch mit den Vereinsführungen(...)lohne." Blödsinn. Ich bin der Überzeugung, dass jede Ultragruppe sich eine Vereinsführung wünscht mir der man guten Kontakt pflegt und es gibt sicherlich ne gewisse Anzahl an Gruppen die dies auch tun. In keinem Fanzine habe ich gelesen, dass man aus irgendwelchen Traditionsgründen Gespräche mit der Vereinsführung ableht. Mal abgesehen davon, dass es ziemlich dumm wäre, weil man ja die Chance nicht wahrnehmen würde seine Position bezüglich verschiedener Themen zu äußern und zu erläutern. Auch im Fall mit den Verbänden ist es ähnlich. Es wurde doch oft betont, dass die Fans offen für Dialoge auf Augenhöhe sind und nicht wieder verarscht werden wie bei der Pyro Kampagne.
kaynchill 18.01.2014
2. Ich werde das Problem nie verstehen
Warum guckt man sich ein Sportereignis nicht einfach nur an? Warum muss man sich mit anderen "Fans" oder Polizisten prügeln, pyromanisch veranlagt sein und sich insgesqmt total daneben benehmen? Ein Großteil der Sportfans, vor allem außerhalb des Fußballs bekommen das doch auch hin!? Das so etwas überhaupt zur Debatte steht kann ich schon nicht nachvollziehen.
fussball11 18.01.2014
3.
Waren es nicht die Medien die überhaupt das Bild der randalierenden und gewaltbereiten Ultra entworfen haben? Haben nicht die Medien nie den Unterschied zwischen gewaltbereiten Chaoten und hardcore Fans gesehen, oder wollten sie ihn nicht sehen? Waren die Bilder von Bengalos einfach zu geil und sahen so schön nach Krieg aus, als das man hätte bei der Wahrheit bleiben können? Die Medien waren nie "Gesprächsbereit" , sie haben die Nummer von den Verbrechern im Vereinstrikot wunderbar vermarktet. Sie haben nie versucht zu differenzieren, die wirklichen Probleme zu beleuchten oder gar Lösungen zu finden. Die schnelle Schlagzeile, das reisserische Bild waren wichtiger und werden wichtiger sein. Erst die Aktion 12:12 hat gezeigt wie weit die Medien von der Wirklichkeit entfernt sind. Wie groß die Geschlossenheit ist und das Gewalt nie Teil des Stadionerlebnisses war. Natürlich tobt man sich im Stadion aus, aber nicht auf Kosten Anderer sondern mit Anderen.
reyney 18.01.2014
4. Ultras
Mehr gibt es dazu nicht zu sagen: http://www.unter-anderen.de/articles/ultras Viel Spass beim Lesen, Herr Ruf
plasmopompas 18.01.2014
5.
Zitat von ypw"Viele Ultra-Gruppen waren strikt der Meinung, dass sich weder das Gespräch mit den Vereinsführungen(...)lohne." Blödsinn. Ich bin der Überzeugung, dass jede Ultragruppe sich eine Vereinsführung wünscht mir der man guten Kontakt pflegt und es gibt sicherlich ne gewisse Anzahl an Gruppen die dies auch tun. In keinem Fanzine habe ich gelesen, dass man aus irgendwelchen Traditionsgründen Gespräche mit der Vereinsführung ableht. Mal abgesehen davon, dass es ziemlich dumm wäre, weil man ja die Chance nicht wahrnehmen würde seine Position bezüglich verschiedener Themen zu äußern und zu erläutern. Auch im Fall mit den Verbänden ist es ähnlich. Es wurde doch oft betont, dass die Fans offen für Dialoge auf Augenhöhe sind und nicht wieder verarscht werden wie bei der Pyro Kampagne.
Einen Dialog auf Augenhöhe zwischen Vereinen und Fangruppierungen kann es nicht geben. Die Vereine sind Veranstalter und haben in den Stadien das Hausrecht. Sie bestimmen was getan wird. Die Fans können bestenfalls Vorschläge machen.
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