Von Andreas Bock
Und dann, 147 Kilometer nördlich von Stavanger und wenige Schritte hinter einer Holzbrücke, endet die Straße. Es geht auf einem Trampelpfad weiter, hinter der Böschung steht ein Holzhäuschen, davor der Steg, Taue, Rettungsringe, ein Boot. Das Wasser ist hier so klar, dass man bis auf den Grund sehen kann. Vor vielen Jahren gab es auf dem Festland mal einen Supermarkt, doch der hat mittlerweile zugemacht. Arne Larsen Økland sorgt deswegen stets vor, er hat eine Kühltruhe mit Essensvorräten dabei. Die wuchtet er über die Reling, dann macht er die Leinen los und legt ab zur Insel, die heißt wie sein Boot: Hillesøy.
Økland war mal einer der bekanntesten Fußballprofis in Norwegen. Er hat in den achtziger Jahren für Bayer Leverkusen und Racing Club Paris gespielt, später war er Co-Trainer der norwegischen Nationalelf. Eines Tages verabschiedete er sich aber vom Fußballgeschäft und baute sich ein neues Leben auf - bis er kürzlich, nach 18 Jahren, zurückkehrte. Der 58-Jährige hat seit Sommer 2012 einen Job bei FK Viking Stavanger. Er ist Sportdirektor und Geschäftsführer in einem.
Heute trägt Økland Turnschuhe, einen blau-weiß gestreiften Strickpullover, darüber einen Windbreaker, seine grauen Haare hat der Wind ein wenig zerwühlt. Er sieht aus wie einer von diesen Männern in Outdoor-Prospekten oder auf Plakaten eines skandinavischen Tourismusverbandes: ein wenig abenteuerlustig, doch im Grunde tiefenentspannt und frei von Sorgen. So klingt er auch.
Seine Adresse: Hillesøy 1, Nummer 2 gibt es nicht
Irgendwann 1997 hatte Økland diese Anzeige in der Wirtschaftszeitung "Dagens Næringsliv" entdeckt. Darin stand: "Insel zu verkaufen. Rufen Sie an!" Also rief er an, und die Stimme am Ende der Leitung nannte einen Preis, der bei umgerechnet 125.000 Mark lag. Økland informierte seine Frau und sagte zu. Er mag die Adresse. Sie lautet: Hillesøy 1. Er sagt: "Nummer 2 gibt es nicht." Økland wuchs in einem Ort auf, der sich nur wenige Kilometer entfernt von Hillesøy befindet und der heißt wie er: Økland. Seine Mutter besaß dort einen Krämerladen, sein Vater war Koch und fuhr zur See.
Als Junge interessierte er sich für Fußball und Fische. Er verbrachte Tage in den Fjorden und angelte nach Dorschen. Irgendwann trat er einem lokalen Fußballverein bei. Später, im Alter von 23 Jahren, ging er zu Bryne IL. Der Club spielte damals in der ersten Liga und Økland war der Top-Stürmer. Doch im norwegischen Fußball war kein Geld zu verdienen, er bekam nicht mehr als umgerechnet 1500 Euro. Im Jahr.
Fußball war nicht mehr als ein Hobby. Er arbeitete hauptberuflich als Steuerrevisor. Eigentlich hätte es immer so weiter gehen können und Økland hätte irgendwann seine Fußballschuhe an den Nagel gehängt. Doch dann, an dem Tag, als sein Trainer Kjell Schou-Andreassen vor ihm stand, nahm sein Leben Fahrt auf. Er sagte: "Arne, du kannst etwas erreichen!" Økland zog die Schultern hoch und fragte: "wie?" Der Trainer sagte: "Mach dir einen Plan!" Als er wieder zu Hause war, notierte Økland auf einen Zettel ein Datum, den 31. Dezember 1979, und machte darunter Spiegelstriche. Neben einen schrieb er: "Ich möchte Fußballprofi werden".
"Der hat einen ordentlichen Wumms. Ich würde ihn nehmen."
Er erfüllte den Plan mit dreimonatiger Verspätung. Zuvor hatte er einen Freund gefragt, ob dieser sich als sein Berater ausgeben wolle. Dieser verschaffte ihm Probetrainings bei Norwich City und bei Bayer Leverkusen. In Norwich glänzte er, doch er bekam kein Angebot. In Leverkusen spielte er dagegen nur durchschnittlich. Trainer Willibert Kremer war skeptisch, doch Torwart Fred-Werner Bockholt, 37, ein Mann, dessen Wort bei Bayer Gewicht hatte, sagte: "Der hat einen ordentlichen Wumms. Ich würde ihn nehmen."
Also verpflichtete Leverkusen im Sommer 1980 einen kaum bekannten 26 Jahre alten Norweger, der nun mit einem Mal fünfstellig verdiente. Die erste Saison verlief wie gemalt. Er traf schon im zweiten Spiel gegen den 1. FC Köln. Am siebten Spieltag machte er drei Tore gegen Borussia Dortmund. Dann kam das Spiel gegen Bayern München. Eine Woche zuvor hatte Leverkusen gegen Bayer Uerdingen 0:3 verloren und Max Merkel schrieb in der "Bild"-Zeitung: "Økland schlurft über das Feld, dass ein Schneider ihm beim Laufen einen Anzug nach Maß nähen könnte." Er schnitt den Artikel aus und hängte ihn an die Wand.
Der FC Bayern kam damals als Tabellenzweiter nach Leverkusen. Es war kalt, nur 15.000 Zuschauer verirrten sich ins Ulrich-Haberland-Stadion, und der unbekannte Norweger zerlegte den haushohen Favoriten im Alleingang. Zwischen der vierten und der 24. Minute gelang ihm ein lupenreiner Hattrick.
In der zweiten Halbzeit schoss er sogar noch ein Tor - so entschied zumindest Schiedsrichter Udo Horeis. Als daraufhin die Bayern protestierten, kam Økland ins Grübeln. Er sagte dem Schiedsrichter, dass er nur das Außennetz getroffen hatte. Damit wurde er über Nacht zum Inbegriff des fairen Sportsmannes. Er erhielt säckeweise Fanpost. "Ich hatte das Glück, dass ich ein paar Minuten Zeit hatte, um über die Situation nachzudenken." In Leverkusen lieben sie ihn deswegen bis heute. Kontakt zu den Mitspielern von damals hat er allerdings nicht mehr - es ist zu viel zu tun.
Lesen Sie im zweiten Teil, wie Arne Larsen Økland Viking Stavanger zurück in die Erfolgsspur brachte und wie er zum "Pizzakönig" wurde.
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