Spaniens Remis gegen Cristiano Ronaldo Dicker Fisch

Spanien wechselt kurzfristig den Trainer. Cristiano Ronaldo entgeht nur knapp dem Gefängnis. Das muss doch alles Wirkung zeigen! Denkste: Die Furia Roja und CR7 haben das erste echte WM-Spektakel abgeliefert.

Cristiano Ronaldo, Gerard Pique
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Cristiano Ronaldo, Gerard Pique

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Das Gefühl des Spiels: Endlich. Die WM hat begonnen! Nach Russlands ungleichem Kampf gegen Saudi-Arabien, Uruguays Mühsal gegen Ägypten und Marokkos Last-minute-K.o. gegen biedere Iraner war das Duell zwischen Europameister Portugal und Ex-Weltmeister Spanien das erste Top-Spiel des Turniers, nicht nur auf dem Papier. Was! Für! Ein! Fußballabend!

Das Ergebnis: Portugal und Spanien trennen sich 3:3 (2:1). Hier geht's zum Spielbericht.

Portugals Blitzstart: Exakt 133 Sekunden waren gespielt, als Cristiano Ronaldo nach einem Übersteiger in den spanischen Strafraum stürmte. Dort suchte er den Kontakt mit seinem Real-Vereinskollegen Nacho. Ronaldo fädelte mit viel Tempo ein - und fiel mit großer Pose. Aus der Kategorie "Muss man nicht geben, kann man aber", Schiedsrichter Gianluca Rocchi entschied sich für die zweite Option. Der Gefoulte verwandelte selbst und sicherte sich nach nur vier Minuten einen Platz in den WM-Geschichtsbüchern.

Spaniens Antwort: Der Europameister lag früh 1:0 vorn und bekam genau das Spiel, das er sich gewünscht hatte. Spanien kommen lassen, auf Umschaltsituationen lauern. Portugals Angreifer Gonçalo Guedes ließ aber gleich zwei gute Konterchancen ungenutzt. Und Spanien? Tat sich schwer, weil die Portugiesen die gefährlichen Räume konsequent zustellten - bis Diego Costa kam. Der Atlético-Stürmer setzte sich erst mit Härte gegen Pepe durch, dann mit Leichtigkeit gegen José Fonte und Cédric. Das 1:1 in der 24. Minute, es war ein Treffer wie ein Gemälde.

Diego Costa trifft zum 1:1
Getty Images

Diego Costa trifft zum 1:1

Die erste Hälfte: War die bislang spektakulärste des Turniers. Das erste Top-Spiel der Gruppenphase hielt sämtliche Versprechen - und lieferte kurz vor dem Pausenpfiff auch noch echtes Drama. Spaniens David de Gea ist eigentlich ein pez gordo, ein richtig dicker Fisch. Der Mann von Manchester United gilt als einer der besten Torhüter des Planeten. Ronaldos scharfer Flachschuss von der Strafraumgrenze flutschte ihm allerdings durch die Handschuhe und kullerte von seinem Fuß ins Netz (44.). Eher ein dicker Bock also.

Der portugiesische Steuer-Mann: Erst wenige Stunden vor dem Auftaktspiel war öffentlich geworden, dass Ronaldo sich mit der spanischen Justiz geeinigt und eine zweijährige Freiheitsstrafe akzeptiert hatte - die allerdings zur Bewährung ausgesetzt wurde. Insgesamt 18,8 Millionen Euro musste CR7 zusätzlich überweisen, um seine Steuerschuld zu sühnen. Wirkte der Verurteilte davon beeindruckt? Nein, im Gegenteil. Siehe oben. Und, nun ja, siehe unten.

Alles neu macht der Hierro? Wenn du zwei Tage vor Turnierbeginn deinen Trainer entlässt, hat das einen Effekt. Sollte man zumindest meinen. Fernando Hierro hatte nach der kuriosen Demission seines Vorgängers Julen Lopetegui versichert: "Sie werden hier die Mannschaft sehen, die Sie kennen." War so. 67 Prozent Ballbesitz - und eine phänomenale Passquote von sogar 92 Prozent. Spanien bleibt Spanien.

Die zweite Hälfte: Stand der ersten in nichts nach. Spanien drehte die Partie in nur drei Minuten und 21 Sekunden: Nach einer Freistoßvariante legte Sergio Busquets per Kopf auf Diego Costa ab, der mit seinem zweiten Treffer des Abends das 2:2 erzielte (55.), ehe Außenverteidiger Nacho mit einem perfekten Außenristschuss sein Team erstmals in Führung brachte (58.). Und damit einen kuriosen Kreis schloss.

Das große Finale: War dann wieder CR7 vorbehalten. Freistoß, 88. Minute, Ronaldo legt sich den Ball zurecht. Das komplette Ritual, die bekannten Schritte rückwärts, den letzten nach links, der breitbeinige Stand, die Atemübungen. Und während der Beobachter noch denkt "Komm, spar dir doch den Firlefanz", rummst Ronaldo den Ball zum 3:3 ins rechte obere Eck! Instant classic. Ronaldo, 33, ist damit der älteste Spieler, der jemals drei Treffer in einem WM-Spiel erzielt hat. Das dickste Buch persönlicher Rekorde hat er ohnehin.

Cristiano Ronaldo erzielt seinen dritten Treffer
AFP

Cristiano Ronaldo erzielt seinen dritten Treffer

Die Zugabe: Fast wäre dieses Spiel in der Nachspielzeit sogar noch einmal zurück in die andere Richtung gekippt. Der eingewechselte Ricardo Quaresma verpasste knapp das mögliche 4:3, sein Schuss wurde noch abgeblockt. Das wäre dann aber auch wirklich eine Wendung zu viel gewesen.

Erkenntnis des Abends: Spanien und Portugal zählten schon vor dem Turnier zu den Titelanwärtern. Beide haben diesen Status bei ihrem Turnierstart unterstrichen. Die Spanier, weil sie trotz zweifachen Rückstands einfach weiter ihr Spiel spielten und dafür (fast) belohnt wurden. Und die Portugiesen schon deshalb, weil sie Cristiano Ronaldo in ihrem Team haben.

Portugal - Spanien 3:3 (2:1)
1:0 Ronaldo (3., FE)
1:1 Costa (24.)
2:1 Ronaldo (44.)
2:2 Costa (55.)
2:3 Nacho (58.)
3:3 Ronaldo (88.)
Portugal: Rui Patrício - Cédric, Pepe, José Fonte, Raphaël Guerreiro - William, Moutinho - Silva (69. Quaresma), Guedes (80. Silva), Fernandes (68. Mario) - Ronaldo
Spanien: De Gea - Nacho, Pique, Ramos, Alba - Busquets, Koke - Silva (86. Vázquez), Isco, Iniesta (70. Thiago) - Costa (77. Aspas)
Gelbe Karten: Fernandes / Busquets
Schiedsrichter: Rocchi (Italien)

insgesamt 30 Beiträge
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MaikFreier 16.06.2018
1. Hinweis an Redaktion
Ronaldo ist am 05.02.1985 geboren und damit 33 Jahre alt. Im Text wird das Alter von 33 Jahren öfter erwähnt. In der Nennung als Schlüsselspieler des Teams Portugal ist Ronaldo jedoch mit alter ?30? angegeben. Könnte man sicher noch korrigieren - - - - Vielen Dank für den Hinweis, wir werde den Fehler korrigieren. K. Bonte/Redaktion
hansa54 16.06.2018
2. Herr Helms
gehört auch zu den Kommentatoren, welche das beschreiben, was sie sehen, weil sie es sehen wollen! Sucht den Kontakt! Fädelt mit vie Tempo ein! Fällt mit großer Pose! Besser und klarer kann man seine Abneigung gegen CR7 nicht kundtun! Sachverstand sieht anders aus! Fremdschämen!
migmag 16.06.2018
3. Gigant
Er ist und bleibt der Grösste.. Ein Genie, ein Arbeiter, schlicht ein Ronaldo. Nie zuvor hat mich ein Fussballer so beeindruckt wie dieser Teufelskerl. Ich freue mich auf die nächsten Auftritte.
karit 16.06.2018
4. Auch das Festival der Holzer und Betrüger ...
... Costas Foul vor dem ersten Tor und Ronaldos Schwalbe vor dem Elfmeter sind soetwas von unsportlich ... das hat nichts mit Cleverness oder Intelligenz sondern zeigt, was Fussball so richtig zerstören kann ... wie war Ramos drauf? Der hat ja wohl zur Abwechslung mal nicht zugelangt oder?
Actionscript 16.06.2018
5. Keine Minute langweilig.
Portugal hatte etwas Glück gehabt mit dem ersten Elf Meter, da das Foul mehr oder weniger nahe der Strafraumlinie geschah. Doch der Freistoss zum 3:3 von Ronaldo war so was von perfekt. Der Schiedsrichter liess nichts durchgehen bis auf Vorteil und hat sehr gut geurteilt. Insgesamt war das ein spannendes Spiel, und das Ergebnis gerechtfertigt auch, wenn die Tore alle von Ronaldo kamen, Qualitätsfussball.
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