Remis zwischen Portugal und Spanien Im Ronaldo-Modus

Die Gala von Cristiano Ronaldo, fußballerische Glanzlichter: Das 3:3 zwischen Portugal und Spanien war ein Spiel wie Blitz und Donner. Marschieren die Teams jetzt durch das Turnier? Eher nicht.

Cristiano Ronaldo
AFP

Cristiano Ronaldo

Aus Sotschi berichtet


Es war eine kleine Geste, vermutlich wäre sie unbemerkt geblieben, wenn nicht Cristiano Ronaldo sie ausgeführt hätte. Auf Ronaldo aber ruhen stets alle Blicke, also sahen sämtliche Zuschauer im Olympiastadion von Sotschi genau hin, als er sich, zum Freistoß bereitstehend, die kurze Hose noch ein wenig höher schob und damit seine muskulösen Oberschenkel freilegte. Dann begannen die Buhrufe.

Während der spanische Teil des Publikums pfiff und grölte, dass einem die Ohren dröhnten, tat Ronaldo etwas, was er mindestens so oft tut wie prahlen, nur fällt das tatsächlich kaum auf: Er klinkte sich aus.

Es gibt nur ihn, den Ball, das Tor

In solchen Szenen wechselt Ronaldo in den Ronaldo-Modus, er schaut nicht aufs Publikum, nicht auf den Gegner, es gibt nur ihn, den Ball, das Tor. Als würde er eine virtuelle Mute-Taste drücken, die alles erstickt, was ihn in seiner Konzentration stören könnte. Also trat Ronaldo den Freistoß. Und rettete Portugal beim 3:3 (2:1) gegen Spanien mit seinem dritten Treffer das Remis (89. Minute).

Nie zuvor waren einem Spieler seines Alters drei WM-Treffer gelungen. "Ein weiterer Rekord in meiner Karriere", sagte der 33-Jährige dazu, in einer Weise, die klarmachte, dass er nicht weniger von sich selbst erwartet.

Schon zu Spielbeginn war Ronaldo in seine eigene Welt entschwunden, als er einen von sich selbst herausgeholten Elfmeter verwandelte (4.). Auch da wieder: Ein Blick in den Himmel, einer zum Schiedsrichter, und dann nur er und das Tor. Ronaldos Führungstreffer glich einem Blitzschlag, und was dann 86 Minuten lang folgte, war anhaltender Donner.

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Spanien gegen Portugal: Ronaldo! Ronaldo! Ronaldo!

Die beiden Mannschaften boten, das lässt sich bereits nach zwei WM-Tagen sagen, eines der besten Spiele dieses Turniers. Spaniens Kurzpassspiel war eine Augenweide, im Mittelfeld liefen fünf Spielmacher auf, David Silva, Andrés Iniesta, Koke, Sergio Busquets und Isco; sie dribbelten vorbei an Verteidigern, passten sich den Ball zu, so schnell und präzise zugleich, dass Portugal einfach nicht hinterher kam. Es gab Sequenzen, in denen die Spanier bis zu einer Minute lang ununterbrochen am Ball waren. Das mag einfach klingen, erfordert aber ein extremes Positionsverständnis aller Spieler. In dieser Hinsicht ist Spanien bei dieser WM ohne Konkurrenz.

Fernando Santos zuckte nach dem Spiel oft mit den Schultern, man wusste nie so recht, wie ernsthaft er das, was er sagte, auch wirklich meinte. Seine Mannschaft wollte ja den Ball, sagte Portugals Trainer. Sie konnte aber nicht. "Wir haben den Spaniern zu viel Raum gegeben." Schulterzucken. "Es ist sehr schwierig, sie zu decken."

Das mit dem Decken klappte ein paar Mal gar nicht, die meiste Zeit über, gemessen an der spanischen Spielstärke, aber ziemlich gut. Entscheidend dafür war, dass alle Feldspieler mitverteidigten, sogar der nicht für seine Defensivarbeit berühmte Ronaldo. "Wir mussten verhindern, dass Spanien im Mittelfeld Überzahl hat", sagte Santos. Etwas Glück war mit dabei, da Spanien nicht konsequent die Positionen zwischen Portugals Abwehr- und Mittelfeldreihe besetzte. Das wäre der Schlüssel zu noch mehr Torgefahr gewesen.

Eine Elf-Mann-Verteidigung und beeindruckendes Tempo im Umschaltspiel werden dem Team in den kommenden Spielen aber nicht viel nützen. Iran wird sich selbst in der eigenen Hälfte einbunkern, für Ronaldos Tiefenläufe fehlt dann der Raum. Auch Marokko glänzt vor allem in der Abwehr und versteht sich aufs Kontern. Ob Portugals Defensive um Pepe, 35, und José Fonte, 36, schnell genug ist, um Konteraktionen zu verteidigen? Zumal auch Sechser William Carvalho nicht zu den Flinken im Kader zählt.

Spanien dürfte mit diesen Gegnern besser zurecht kommen. Nach der Trennung von Trainer Julen Lopetegui war gerätselt worden, wie sich die Selección präsentieren würde. Ziemlich gut. Auch dank Diego Costa.

Matchplan vom gefeuerten Coach

Wuchtige Mittelstürmer wie Costa taten sich in den vergangenen Jahren schwer, in der Selección Fuß zu fassen. Lopetegui aber baute auf Costa, und es ist Spaniens Glück, dass sein Nachfolger, Fernando Hierro, vorerst nichts geändert hat. Zwar wirkt er oft ungelenk, drei-, viermal aber kombinierte der 29-Jährige auf engem Raum erfolgreich mit seinen Teamkollegen. Costa ist es auch zu verdanken, dass Spanien sogar nach langen Bällen (wie vor dem 1:1, 24. Minute) und Standards (wie beim 2:2, 55.) gefährlich wird. Elemente, die bei vergangenen Turnieren fehlten.

Welchen Anteil Hierro am gelungenen Auftritt hatte, bleibt offen. An der Seitenlinie zog er nach dem 0:1 das Sakko aus und krempelte die Ärmel hoch, er klatschte ein paar Mal aufmunternd Richtung Spieler, die aber miteinander diskutierten, statt auf den Trainer zu achten. Später sagte Hierro, dass der Matchplan fürs Portugal-Spiel nicht von ihm selbst, sondern noch vom Vorgänger und dessen Team stamme. Dieses war nach dem Abgang Lopeteguis bei der spanischen Mannschaft geblieben, um den neuen Coach zu unterstützen. Gleich zweimal sagte Hierro, wie dankbar er diesen Mitarbeitern dafür sei.

Er wirkte dabei sehr aufrichtig.

Portugal - Spanien 3:3 (2:1)
1:0 Ronaldo (3., FE)
1:1 Costa (24.)
2:1 Ronaldo (44.)
2:2 Costa (55.)
2:3 Nacho (58.)
3:3 Ronaldo (88.)
Portugal: Rui Patrício - Cédric, Pepe, José Fonte, Raphaël Guerreiro - William, Moutinho - Silva (69. Quaresma), Guedes (80. Silva), Fernandes (68. Mario) - Ronaldo
Spanien: De Gea - Nacho, Pique, Ramos, Alba - Busquets, Koke - Silva (86. Vázquez), Isco, Iniesta (70. Thiago) - Costa (77. Aspas)
Gelbe Karten: Fernandes / Busquets
Schiedsrichter: Rocchi (Italien)



insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
der IV. Weg 16.06.2018
1. 3 Tore von Ronaldo
möge er gesund und munter bleiben bis zum Finale :) ein guter Kommentar zum Spiel die beiden Mannschaften werden wir noch lange sehen Finale D : S ?
quatermain4000 16.06.2018
2. Tolles Vorrunden Spiel
und ohne Aussage ueber die Chancen beider Teams im weiteren Verlauf. Oft genung sind Teams, die in der Vorrunde ueberzeugten, gleich in der ersten Finalrunde gescheitert, und gerade gegen Teams die sich durch die Gruppenphase geplagt hatten
Oihme 16.06.2018
3. Kleine Anmerkung ...
.. zur Grafik: Ronaldo ist bereits 33 Jahre alt, nicht wie dort angegeben 30. Ansonsten gut anzuschauendes Spiel zweier Mannschaften, die beide gewinnen wollten, und deren Ziel es keineswegs war, lediglich nicht allzuhoch zu verlieren, um anschließend die Punkte gegen schwächere Teams zu machen. So wie wir das wohl noch oft in dieser unnötig aufgeblähten WM erleben werden.
ReinhardHasch 16.06.2018
4. Geld
Wenn je ein Fussballspieger sein Geld rechtmässig verdient, dann ist es Ronaldo. Diese Leistung gegen Spanien wird in die Fussballgeschichte eingehen.
lalito 16.06.2018
5. Genial
Artist at work. Einfühlsam beschrieben, danke.
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