PR-Berater zum Fall Kuranyi "Der Bundestrainer zeigt Haltung"

Nach Ansicht des Kommunikationsexperten Andreas Fischer-Appelt hat Bundestrainer Joachim Löw im Fall Kuranyi alles richtig gemacht. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE macht der Agenturchef klar, warum die Entscheidung aus seiner Perspektive genau zur rechten Zeit kam.

Bundestrainer Löw: Entscheidung gegen die mediale Öffentlichkeit
AP

Bundestrainer Löw: Entscheidung gegen die mediale Öffentlichkeit


SPIEGEL ONLINE: Herr Fischer-Appelt, Bundestrainer Joachim Löw hat sich gegen Kevin Kuranyi entschieden. Der Schalker fährt also nicht mit zur WM. Abgesehen von der sportlichen Bewertung dieser Maßnahme - hat Löw die Debatte zuvor nicht viel zu lange laufen lassen?

Andreas Fischer-Appelt: Nein, der Zeitpunkt ist genau richtig gewählt. Vor drei Wochen war die Debatte medial überhitzt. Hätte Löw da eine Entscheidung bekannt gegeben, wäre dies einzig aus dem Druck der Öffentlichkeit heraus geschehen. Und nicht aus der Entscheidungshoheit des Bundestrainers. Dass Joachim Löw diese auch öffentlich für sich in Anspruch nimmt, hat er schon in der Vergangenheit bewiesen. Sie ist ein wichtiger Teil seiner Rolle als Bundestrainer. Darüber hinaus steht am Donnerstag die Verkündung des Kaders an. Es war klug, die medial am heißesten diskutierte Personalie schon vorher aufzulösen. So steht am kommenden Donnerstag nicht Kuranyi, sondern der Kader im Mittelpunkt.

SPIEGEL ONLINE: Wochenlang hat Löw gezögert. Nachdem Kuranyi geschwächelt und der FC Schalke verloren hat, macht er seine Entscheidung öffentlich. Ist das klug? Ist das - um eine etwas altmodische moralische Kategorie einzuführen - "anständig"?

Fischer-Appelt: Löw hat nicht gezögert. Er hat die Debatte ja nicht angestoßen. Er hat vor drei Wochen mitgeteilt, dass er sich sportlich über Kuranyi Gedanken macht. Und auch falls seine Entscheidung damals schon feststand, bestand keine Notwendigkeit, sie mitzuteilen. Die 30 nominierten Spieler erfahren auch erst am Donnerstag, dass sie dabei sind. Warum eine Sonderbehandlung für Kuranyi? Und andersherum: Hätte er Kuranyi vorzeitig abgesagt, wäre dieser eventuell im Meisterschaftskampf demoralisiert gewesen. Diesen Vorwürfen von Schalke 04 hat sich Löw auch nicht aussetzen wollen.

SPIEGEL ONLINE: Löw stellt sich damit gegen einen Gutteil der öffentlichen Meinung, sowohl von meinungsführenden Medien als auch von Sport-Prominenz. Zeugt das von Geradlinigkeit oder von Sturheit?

Fischer-Appelt: Es zeugt von Haltung. Er ist der Bundestrainer. Er hat die Entscheidungshoheit. In dem Moment, in dem sich der Bundestrainer von der öffentlichen Meinung treiben lässt, verlieren auch seine Spieler ein Stück weit Respekt vor ihm. Und das gefährdet den sportlichen Erfolg. Spieler haben gute Antennen dafür, wie stark ein Trainer ist. Wenn sie merken, dass der Trainer dem medialen Druck nachgibt, beginnen sie, die Medien für ihre Zwecke einzuspannen. Der Fall Labaddia beim Hamburger SV hat das gerade wieder gezeigt.

SPIEGEL ONLINE: Wenn es bei der WM in Südafrika im Angriff schief gehen sollte, werden alle auch auf die Entscheidung Kuranyi verweisen. Hat sich Löw damit nicht ungemein in Zugzwang begeben?

Fischer-Appelt: Vor einem Turnier steht heute jeder Bundestrainer unter Zugzwang, unabhängig von einzelnen Personalien. Die Medien werden Misserfolg immer auch dem Trainer anlasten. Auch Rudi Völler hat nach der EM 2004 trotz Finalteilnahme bei der vorangegangenen WM den Hut genommen. Aussitzen à la Vogts geht heute nicht mehr. Wenn Deutschland im Viertelfinale ausscheidet, wird Löw gehen. Aber mit einer klaren Haltung. Er und sein Team waren der festen Überzeugung, dass der nominierte Kader den größtmöglichen sportlichen Erfolg ermöglicht. Von dieser Haltung wird er nicht abrücken.

SPIEGEL ONLINE: Ist Joachim Löw aus Ihrer Sicht jemand, der mit Konflikten, mit unbequemen Personalien gut umgeht? Was ist beispielsweise mit dem Fall Torsten Frings? Der wurde in den Augen vieler Beobachter kalt abserviert.

Fischer-Appelt: Klar ist, Löw scheut den Konflikt nicht. Er verfolgt dabei jedoch eine klare Linie und bewahrt Haltung. Er setzt seinen Kader mit Spielern zusammen, denen er sportlich und charakterlich vertraut. Jeder CEO in der Wirtschaft macht das genauso. Nicht umsonst sprechen Löw, Bierhoff und Köpke stets in der Öffentlichkeit von einer eigenen Philosophie, die sie verfolgen. Dieser Leitgedanke ist in gewisser Weise auch ein kommunikativer Freifahrtschein für unpopuläre Entscheidungen. Wenn Frings behauptet, der Bundestrainer entscheide nicht allein nach sportlichen Gesichtspunkten, hat er damit ja sogar recht. Wenn dem nämlich so wäre, bräuchten wir keinen Bundestrainer, sondern einen Computer, der den Kader nach Kicker-Noten generiert.

SPIEGEL ONLINE: Löw wird gerne vorgeworfen, er habe "Lieblinge" wie Miroslav Klose oder Podolski. Geht er souverän mit Personalfragen um, oder verspüren Sie eine gewisse Ungleichbehandlung?

Fischer-Appelt: Löw hat für die Nationalmannschaft vielleicht 40 Spieler zur Auswahl, die überhaupt in Frage für die WM-Teilnahme kommen. Dass er sich bei dieser eh schon kleinen Auswahl, das Recht herausnimmt, die Spieler zu nominieren, denen er vertraut, hat nichts mit Lieblingen zu tun. Löw ist kein Kumpeltyp und bewahrt gegenüber allen Spielern in der Öffentlichkeit eine autoritäre Distanz. Er hat jedoch auch ein Gespür dafür, welche Spieler vielleicht mehr oder weniger Ansprache und öffentliches Vertrauen benötigen. Das ist dann Trainerhandwerk und nicht Ungleichbehandlung.

SPIEGEL ONLINE: Im Februar hat der DFB die vorzeitige Vertragsverlängerung mit Löw verschoben, was den Trainer sehr verärgert hat. Haben Sie Verständnis für eine solche Maßnahme, und wie beurteilen Sie, wie die Kommunikation dieser Angelegenheit geregelt wurde?

Fischer-Appelt: Die schlechte Kommunikation zur Vertragsverlängerung geht auf die Kappe des DFB. Wie bei der Kaderzusammensetzung ist es Löw auch bei seinen eigenen Personalangelegenheiten wichtig, selbst zu entscheiden. Theo Zwanziger hatte die vorzeitige Vertragsverlängerung über die Medien bekannt gemacht, ohne dass diese offenbar in trockenen Tüchern war. Und Löws Haltung dazu ist ganz klar: Nur weil etwas in den Medien steht, ist es noch lange keine Tatsache.

SPIEGEL ONLINE: Sie scheinen ja von Löw richtig begeistert. Ist er wirklich der Mann, um ein deutsches Team zum Weltmeistertitel zu führen? Hat er das Format?

Fischer-Appelt: Löw hat bisher fast alles richtig gemacht - Finalteilnahme bei der EM und eine souveräne Qualifikation für die WM. Er weiß also, wie er die Mannschaft zu Erfolgen führen kann, und das macht ihn stark. Ob es für den Titel reicht, liegt am Ende natürlich an Faktoren, die er nicht alle selbst beeinflussen kann. Von seinem öffentlichen Auftritt her wäre Löw ein guter Weltmeistertrainer. Ihm fehlt vielleicht an einigen Stellen die etwas irrationale Bauchgefühl-Komponente, wie sie Beckenbauer oder Völler hatten. Aber dennoch: Löw zeigt Haltung und klare Kanten, und er passt mit seiner Kompetenz und seiner kühlen analytischen Art als Trainer perfekt in die Zeit. Er ist in vielen Eigenschaften den Trainern der beiden Championsleague-Finalteilnehmer Louis van Gaal und José Mourinho sogar sehr ähnlich.

Die Fragen stellte Peter Ahrens

insgesamt 51 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
af1755, 04.05.2010
1. keiner
Zitat von sysopNach Ansicht des Kommunikations-Experten Andreas Fischer-Appelt hat Bundestrainer Joachim Löw im Fall Kuranyi alles richtig gemacht. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE macht der Agenturchef klar, warum die Entscheidung aus seiner Perspektive genau zur rechten Zeit kam. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,692929,00.html
Schön, aber ich gehe auch davon aus, dass die Entscheidung Löws auch eine gehörige Portion schwarzwälder Sturheit enthält.
Der Seher 04.05.2010
2. Strategie ist falsch - PR Beater irrt gewaltig
Jogi Löw hat den Zeitpunkt falsch gewählt. Er hätte 1. Die Bekanntgabe nach dem letzten Spieltag ansetzen müssen und 2. Kuranyi zeitgleich wie alle anderen auch die nicht mitkommen werden, behandeln müssen. Nur so wäre eine Gleichbehandlung fair und kein Lex Kuranyi wie jetzt entstanden. Dies gilt auch für dan Fall Frings. Die Begründung ist oberflächlich und arrogant. Eine grobe Erläuterung der möglichen Taktik gegenüber den Gegnern in der Vorrunde oder Zwischenrunde versteht sicher jeder Fussball Fan. Hier macht sich Löw nicht die Mühe sachlich zu erklären.Verletzungen am letzten Spielttag, im DFB oder CL Finale oder in den 3 Vorbereitungsmatches können vieles umstossen. Doch Das Porzellan ist bereits wie im Fall Frings oder Kuranyi kaputt leider. Der PR Bearter soll sich besser auch einen neuen Job suchen.
Easyrider1958, 04.05.2010
3. Es ist zu einfach,
Zitat von sysopNach Ansicht des Kommunikations-Experten Andreas Fischer-Appelt hat Bundestrainer Joachim Löw im Fall Kuranyi alles richtig gemacht. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE macht der Agenturchef klar, warum die Entscheidung aus seiner Perspektive genau zur rechten Zeit kam. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,692929,00.html
sich auf die Seite des Bundestrainers zu schlagen, weil ALLE jetzt kurz vor der WM zu ihm halten müssen, DFB, Prominenz aus Sport, Medien und Politik. Unruhe im WM Kader kurz vor Eröffnung der WM ist nicht angesagt. Nach dem Ausscheiden von Löw sieht das scon anders aus. Löw hat alles richtig gemacht, nee, Löw ist ein eitler Typ und so einer lässt sich nicht von einem Kurany oder sonst wem bloßstellen, das rächt sich...insofern alles andere als ein Zeichen von Größe sondern ein verspätetes klug verstecktes taktisches Nachtreten. Größe wäre gewesen, Kurany eine Chance zur Rehabilation zu geben. Was jetzt Ergebnis ist, wußte ich schon vorher. Das hat mit Haltung nichts zu tun, dass ist Sturheit und Arroganz. Sonst nichts. Da geht Löw sogar über Fussballerleichen.
Linus Haagedam, 04.05.2010
4. totzdem falsch
Der Autor es Artukels hat in jedem Punkt recht. Aber, Kuranyi nicht mitzunehmen ist dennoch inhaltlich eine falsche Entscheidung.
homeuser 04.05.2010
5. "Experte"?
Also erstens arbeite ich in der Marketingbranche, Kommunikations ist mein Tagesgeschäft und ich habe schon mit verschiedenen Coaches zusammengearbeitet. Man muss dazu sagen "Kommunikations"- und "Motivations" Coaches haben teilweise vollkommen verschiedene Systeme, Ansichten, Meinungen! Bei diesem "Kommunikationsexperten" kann ich nicht nachvollziehen was seiner Meinung nach Löw besonders richtig gemacht hätte. Fakt ist, dass Löw sich - unabhängig vom Fall Kuranyi - beim deutschen (Fußball-)Volk zunehmend immer unbeliebter macht und gemacht hat. Und zwar nicht nur wegen seiner teils unpopulären und unnachvollziehbaren Entscheidungen, sondern auch wegen seinem Verhalten, seinem Auftreten und seiner Ausstrahlung. Ich weiß nicht ob der Herr Fischer-Appelt, wie tausend andere Löw-Fanboys verpasst haben dass Podolski dem Kapitän(!) Herrn Ballack auf offenem Spielfeld offensichtlich eine nicht spaßhaft gemeinte Backpfeife verpasst hat?! Seltsamerweise ignorieren diese Tatsache alle Löw-Fans komplett - denn in Hinblick auf diesen Vorfall kann von Haltung, Disziplin und Autorität Löws ABSOLUT KEINE Rede mehr sein! Von den Vertragsforderungen und dem Auftreten zusammen mit Bierhoff bei den Vertragsverhandlungen mal ganz abgesehen. Natürlich ist das u.U. CEO-Mässig gewesen, doch es handelt sich nunmal um Teamsport und beim DFB um kein Unternehmen sondern um einen Verein - und da hat unmenschliche Gewinnmaximierung kein Platz und führt auch einfach nicht zum Erfolg. Als Bundestrainer gehört es sich einfach nicht so egoistisch und selbstherrlich etwas an sich zu reißen oder in Anspruch zu nehmen - alle erfolgreichen Bundestrainer und alle Bundestrainer im Allgemeinen haben stets einen großen Respekt und große Bescheidenheit für ihre Aufgabe ausgestrahlt, ein Herr Löw der offenbar nur Geldgeil und auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist (sei es durch Werbemittel oder durch Verträge), hat als Nationaltrainer nichts verloren! Da brauchen wir Leute die das ganze auch kostenlos machen würden weil es ihnen um die Aufgabe und die Ehre geht Bundestrainer sein zu dürfen - und so waren zumindest die Meisten Trainer vor ihm! Das er seine Lieblinge hat die sich alles erlauben können zeigt ja auch die Podolski/Ballack Geschichte.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.