Premier-League-Klub West Ham United Umzug in den Albtraum

Die Fans von West Ham United sind sauer. Sie haben das Gefühl, mit dem Umzug in das Londoner Olympiastadion ihre Identität aufgegeben zu haben. Weil auch die Erfolge ausbleiben, fragen sich: wofür eigentlich?

Das neue Stadion von West Ham United
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Das neue Stadion von West Ham United

Von , Manchester


Die Zukunft von West Ham United, dem Klub aus dem rauen Osten Londons, sollte großartig sein. Die Besitzer David Sullivan und David Gold wollten in den elitären Zirkel der großen sechs Vereine der Premier League vordringen, sie sprachen vom Einzug in die Champions League und von der Meisterschaft, als Vorbild nannten sie Atlético Madrid.

Aufhänger für diese Ambitionen war der Umzug aus dem alten Stadion Upton Park in das deutlich größere, hochmoderne und prestigeträchtige Olympiastadion, das für die Spiele 2012 gebaut worden war. Ein Spitzenteam in einem Spitzenstadion - das war die Vision der Besitzer.

Mehr als anderthalb Jahre nach dem Umzug in die neue Spielstätte ist aus dem Traum ein Albtraum geworden. West Ham spielt gegen den Abstieg und die Fans gehen auf die Barrikaden, neuerdings sogar mehr oder weniger im wörtlichen Sinne.

Beim jüngsten Heimspiel, einer 0:3-Niederlage gegen den FC Burnley, liefen mehrere Zuschauer auf den Platz, einer von ihnen rammte eine Eckfahne in den Mittelkreis, Spieler mussten die Eindringlinge vom Rasen verscheuchen. Später bezogen mehrere hundert Fans Stellung vor der Loge der Klubbesitzer Sullivan und Gold. Die Stimmung war aufgebracht, Beschimpfungen und Gegenstände flogen, Sullivan wurde angeblich von einer Münze am Kopf getroffen. Der Klub reagierte mittlerweile mit lebenslangen Stadionverboten.

Fanprotest bei West Ham United
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Fanprotest bei West Ham United

West Ham hat eine bewegte Hooligan-Vergangenheit, die Schläger des Klubs gehörten in den Siebziger-, Achtziger- und Neunzigerjahren zu den gefürchtetsten Gruppen Englands. Das Chaos gegen Burnley war allerdings nicht die Rückkehr der Randalierer, kein Revival der düsteren Vergangenheit, sondern ein Ausdruck des Protests.

Viele Fans sind unzufrieden mit der Vereinsführung. Sie haben das Gefühl, mit dem Auszug aus Upton Park in dem der Verein seit 1904 seine Heimspiele ausgetragen hatte, die Identität des Klubs aufgegeben zu haben. Und sie fragen sich: wofür eigentlich?

Das Olympiastadion ist das genaue Gegenteil von West Hams alter Spielstätte

Jim Kearns ist seit mehr als 30 Jahren Fan von West Ham und schreibt über den Verein. Sein Blog heißt "The H List". Seiner Meinung nach waren die Erwartungen der Anhänger beim Umzug in das Olympiastadion realistisch. Von der Champions League hätten sie nicht geträumt, ein bisschen Fortschritt wäre ihnen schon genug gewesen.

"Wir wussten, dass es schwer werden würde, in die Elite der großen Klubs einzudringen. Wir haben erwartet, dass wir uns auf dem Platz verbessern und in einem Weltklasse-Stadion Fußball gucken können", sagt er: "Was wir bekommen haben, ist leider ein schlechteres Team, das in einem Leichtathletik-Stadion spielt."

Das Olympiastadion ist das genaue Gegenteil von West Hams alter Spielstätte. Die Zuschauer sitzen weiter weg vom Spielfeld als bisher, die Stimmung verfliegt in dem riesigen Rund, selbst Spieler beklagen sich - anonym - über die triste Stimmung. Seelenlos, diese Beschreibung ist oft zu hören im Zusammenhang mit der Sportstätte. Dazu gibt es immer wieder Sicherheitsprobleme.

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West Ham United: Wenn Spieler für Ordnung sorgen (müssen)

Finanziell hat sich der Umzug ebenfalls nicht merklich gelohnt. Eigentümer Sullivan sprach im Dezember im Interview mit dem "Guardian" von zehn Millionen Pfund, die der Verein im Jahr mehr hätte. "Das wird unser Leben nicht verändern. Aber ich denke, wir fühlen uns jetzt wie ein großer Klub", sagte er.

Davon ist bei West Hams Personalpolitik nichts zu erkennen. Der Verein hat die besten Spieler verkauft und nicht angemessen ersetzt. Dimitri Payet ging nach Marseille, André Ayew zu Swansea und Diafra Sakho nach Rennes. Unter anderen kamen der komplizierte Marko Arnautovic aus Stoke, die alternden Profis Chicharito aus Leverkusen und Pablo Zabaleta von Manchester City und der fast schon im Ruhestand befindliche Patrice Evra. Der erfolglose Trainer Slaven Bilic wurde im November von David Moyes ersetzt, der in der Vorsaison mit Sunderland abgestiegen war.

Blogger Kearns glaubt, dass es unter der amtierenden Klubführung nicht vorangehen wird. "Die Aufgabe ist zu groß für sie. So lange sie im Amt sind, wird sich nichts verbessern. Es ist unglaublich frustrierend", sagt er. Seiner Meinung nach ist West Ham der am schlechtesten geführte Klub der Liga, mit Abstand.

"Verlieren und absteigen"

Sollten sich beim Kellerduell gegen den FC Southampton nach der Länderspielpause und in den Partien danach Szenen wie gegen Burnley abspielen, würde das den Klassenerhalt fast schon unmöglich machen, glaubt Jacob Steinberg, der für den "Guardian" über West Ham berichtet: "Wenn das wieder passiert, wird die Mannschaft wahrscheinlich weiter verlieren und absteigen."

Damit würde sich der Verein seiner Meinung nach zum Gespött machen: "Wenn West Ham im Upton Park absteigen würde, wäre das halb so wild, weil das auch vorher schon passiert ist. Aber wenn der Verein im Olympiastadion absteigt, kann ich mir kaum ein peinlicheres Szenario im europäischen Fußball vorstellen. Es wäre auf düstere Weise komisch."

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widower+2 22.03.2018
1. Das geht problemlos
"Aber wenn der Verein im Olympiastadion absteigt, kann ich mir kaum ein peinlicheres Szenario im europäischen Fußball vorstellen. Es wäre auf düstere Weise komisch." Einfach mal gen Hamburg gucken. Etwas Peinlicheres als der HSV ist im europäischen Füßball wohl kaum zu finden.
aurichter 23.03.2018
2. Erinnert ein wenig
an einen deutschen Verein aus dem Norden der Republik. Da träumte man in den letzten Jahren auch oft von Europa nach ein paar wenigen Siegen, doch die Realität sieht bekanntermaßen anders aus. Kann mich noch gut an frühere Europapokalspiele von West Ham, Nottingham Forrest, Aston Villa gegen 1860, HSV und Kölle erinnern. Geld regiert die Welt, da hat Tradition wenig Chancen. Schade eigentlich.
leuscheljunior 23.03.2018
3. Der Fußball muss authentisch bleiben
Fußball lebt von Emotionen, auf dem Rasen und auf der Tribüne. Der Fan muss sich mit seinem Club identifizieren. Dazu trägt auch im großen Maße das eigene Stadion, die Heimat des Vereins bei. Wird diese Heimat ausgetauscht gegen etwas, das nicht zum Verein passt, bricht das Gefüge aus Verein - Spieler - Fans zusammen, wie bei West Ham United. Dabei ist WHU nicht der einzige Fall. Bei St. Pauli war Ende der 90er Jahre mit dem Umzug ins Volksparkstadion mit vier Spielen und vier Niederlagen der Abstieg aus der Bundesliga besiegelt. Bei 1860 wurde durch den Umzug in die AA nicht nur sportlich sondern vor allem auch finanziell der Abstieg bis in die 4. Liga eingeläutet. Bei beiden Vereinen ist ein wichtiger Teil der Tradition ihr Stadion, ob Millerntor oder Grünwalder Stadion.
thomas.kistler 23.03.2018
4. Das Grünwalder Stadion ...
Zitat von leuscheljuniorFußball lebt von Emotionen, auf dem Rasen und auf der Tribüne. Der Fan muss sich mit seinem Club identifizieren. Dazu trägt auch im großen Maße das eigene Stadion, die Heimat des Vereins bei. Wird diese Heimat ausgetauscht gegen etwas, das nicht zum Verein passt, bricht das Gefüge aus Verein - Spieler - Fans zusammen, wie bei West Ham United. Dabei ist WHU nicht der einzige Fall. Bei St. Pauli war Ende der 90er Jahre mit dem Umzug ins Volksparkstadion mit vier Spielen und vier Niederlagen der Abstieg aus der Bundesliga besiegelt. Bei 1860 wurde durch den Umzug in die AA nicht nur sportlich sondern vor allem auch finanziell der Abstieg bis in die 4. Liga eingeläutet. Bei beiden Vereinen ist ein wichtiger Teil der Tradition ihr Stadion, ob Millerntor oder Grünwalder Stadion.
... ist nicht das Stadion der 60er! Die Bayer verbinden damit genau so gute Erinnerungen (Meisterschaft 68/69 und fast die gesamte Meistersaison 71/72). Und das die AA Schuld am Niedergang der 60er ist, ... ach lassen wir das!
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