Debatte über Stehplätze im englischen Fußball Macht es doch einfach!

Stehplätze im Stadion? Was in Deutschland zur Fußballkultur gehört, ist in der Premier League verboten. Zu unsicher, heißt es. Nun wird wieder eine Lockerung diskutiert. Zu Recht, findet Hendrik Buchheister.

Stehende Fans von Huddersfield Town
REUTERS

Stehende Fans von Huddersfield Town


In fast einer ganzen Saison in England habe ich noch keine einzige Schlägerei beim Fußball beobachtet, aber vor einiger Zeit wäre es beinahe so weit gewesen. Und das an einem Ort, an dem ich es nicht erwartet hätte.

Der FC Liverpool hatte gerade den 1:1-Ausgleich geschossen im Viertelfinal-Rückspiel der Champions League bei Manchester City, was nach dem Ergebnis aus dem ersten Treffen - 3:0 für Liverpool - bedeutete: Liverpool war weiter, City raus.

Im VIP-Block, auf den teuersten Plätzen des Stadions, gaben sich zwischen den einheimischen Anhängern ein paar Liverpool-Fans durch Torjubel zu erkennen. Beleidigungen wurden ausgetauscht, neben Bechern flogen fast auch Fäuste. Ordner nahmen sich der Liverpool-Fans an.

Der Zwischenfall zeigte zwei Dinge. Erstens: Erwachsene Menschen können sich beim Fußball ziemlich bescheuert verhalten. Das ist natürlich keine brandneue Erkenntnis. Und zweitens: Sicherheit beim Fußball hat nichts mit Stehen oder Sitzen zu tun. Dieser Befund ist vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussion schon interessanter.

Stehende Fans von Manchester City
REUTERS

Stehende Fans von Manchester City

England debattiert schon seit Jahren und im Moment wieder einmal besonders intensiv, ob es in den Profiligen wieder Stehplätze geben soll. Diese sind dort seit bald drei Jahrzehnten verboten.

Viele Fans sind für die Wiedereinführung. Eine steigende Zahl der Klubs in der Premier League steht der Idee angeblich offen gegenüber. Und das, obwohl Stehplatzkarten günstiger wären als Sitzplatzkarten und ihnen Einnahmen entgehen würden. Ich erkläre mir diesen Widerspruch so: Die Vereine haben erkannt, dass bessere Stimmung in den Stadien gut für ihr Produkt wäre. Außerdem sind sie wegen der Fernsehmilliarden weniger abhängig vom Kartenverkauf als die Klubs in der Bundesliga. Von der Regierung wurde ein geplanter Versuchslauf von West Bromwich Albion aus der Premier League jedoch abgelehnt. Begründet wurde das wieder einmal damit, dass Stehplätze unsicher seien.

Diese Sichtweise geht herrlich an der Praxis vorbei, die sich an jedem Wochenende in Englands Stadien beobachten lässt. In einigen Blöcken wird ohnehin gestanden, das ganze Spiel über, wie in den Fankurven der Bundesliga. Die Ordner lassen es geschehen. Was sollen sie auch anderes machen?

Autoren-Info
  • Verena Knemeyer
    Hendrik Buchheister, Jahrgang 1986, sah seine ersten Fußballspiele im alten Wolfsburger VfL-Stadion. Später - als Journalist - war er für den Fußballnorden zuständig. Nachdem es nicht gelang, den HSV in die zweite Liga zu schreiben, folgte der Wechsel nach England: Er berichtet seit August 2017 aus Manchester über britischen Fußball und hofft weiterhin auf eine Karriere als Torwart.

  • Alle Folgen der Kolumne "Life Goals"

Wenn ein Tor bejubelt wird, fallen die Fans wild durcheinander über die nicht einmal kniehohen Sitzschalenreihen, sie werden vor und zurück, nach oben und unten gedrückt. Manchmal sieht es aus, als würden sich auf der Tribüne Erdplatten verschieben. Unsicherer kann die in deutschen Stadien - und seit einiger Zeit auch bei Celtic in Schottland - eingesetzte Stehplatz-Technologie mit Geländern bis zum Bauch kaum sein. Das System verhindert die Tektonik auf den Rängen.

Die Stehplatz-Debatte in England ist keine rationale, sondern ein hoch emotionale, traumatische Angelegenheit. Die Umwandlung der Stadien in reine Sitzplatz-Sportstätten, und das sogar per Gesetz, war die Folge der Katastrophe im Hillsborough-Stadion in Sheffield mit 96 Toten, die sich gerade zum 29. Mal gejährt hat.

Katastrophe im Hillsborough-Stadion
Getty Images

Katastrophe im Hillsborough-Stadion

Angehörige von Hillsborough-Opfern sind davon überzeugt, dass ihre Brüder und Schwestern, Söhne und Töchter noch leben würden ohne Stehplätze. Dieser Auffassung lässt sich entgegnen, dass der Grund für das Desaster Polizeiversagen war, das ist seit zwei Jahren durch ein Gerichtsurteil bestätigt.

Es ist immer kompliziert, sich im Ausland oder sonst irgendwo in fremder Umgebung in Diskussionen einzumischen oder die Meinung der Leute dort zu bewerten. Man gerät dann schnell unter den Verdacht der Anmaßung. Trotzdem ist die Sache in diesem Fall für mich eindeutig.

In Deutschland funktionieren Stehplätze doch auch

Ich habe in Deutschland, in den wunderbar modernen Stadien der Bundesliga, dem einen oder anderen Fußballspiel im Stehen beigewohnt und hatte dabei nie das Gefühl, in Gefahr zu sein. In Deutschland funktionieren Stehplätze, auch wenn mancher Polizei-Gewerkschafter Gegenteiliges behauptet. Mein Reflex zu der Diskussion in England ist deshalb: Macht das doch einfach mit den Stehplätzen!

Sie sind gut für die Stimmung, sie werden der ohnehin in den Stadien angewandten Steh-Praxis gerecht, sie lassen vielleicht sogar die Ticketpreise sinken. Und sie sind vermutlich harmloser als der VIP-Block im Stadion von Manchester City für Liverpool-Fans.

insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
hann.overaner 06.05.2018
1. Mal ein anders Argument gegen Stehplätze
Im Prinzip habe ich nichts gegen Stehplätz, es gibt aber ein Argument das meines achtens dagegen spricht. Was ich in England mag ist das die Zuschauer mehr oder minder gemischt sitzen, der 16 jährige Heisssporn neben dem Großvater mit seiner achtjährigen Engelin und dem mittvierziger Ehepaar. Das sorgt für sozial Kontrolle und macht den Stadionbesuch wesentlich entspannter. In den alten Zeiten als noch bis zu neunzig Prozent der Plätze Stehplätz waren war es ähnlich. Heutzutage glaube ich aber, dass die Ehepaare und Großväter mit Enkeln nicht so viel Lust habe stehen zu müssen (darüber reden wir ja). Am ende hätte man dann auch in England wieder nur die Jugendlichen Heisssporne und Verrückten (entschuldigen Sie bitte diesen Ausdruck, ich meine Ihn nicht klinisch) auf den Stehplätzen segregiert und niemand ist da, der dummen Ideen Einhält gebietet.
varlex 06.05.2018
2.
Zitat von hann.overanerIm Prinzip habe ich nichts gegen Stehplätz, es gibt aber ein Argument das meines achtens dagegen spricht. Was ich in England mag ist das die Zuschauer mehr oder minder gemischt sitzen, der 16 jährige Heisssporn neben dem Großvater mit seiner achtjährigen Engelin und dem mittvierziger Ehepaar. Das sorgt für sozial Kontrolle und macht den Stadionbesuch wesentlich entspannter. In den alten Zeiten als noch bis zu neunzig Prozent der Plätze Stehplätz waren war es ähnlich. Heutzutage glaube ich aber, dass die Ehepaare und Großväter mit Enkeln nicht so viel Lust habe stehen zu müssen (darüber reden wir ja). Am ende hätte man dann auch in England wieder nur die Jugendlichen Heisssporne und Verrückten (entschuldigen Sie bitte diesen Ausdruck, ich meine Ihn nicht klinisch) auf den Stehplätzen segregiert und niemand ist da, der dummen Ideen Einhält gebietet.
Ich bin Jahreskarteninhaber im Stehplatzblock. Und ich kann dir versichern, da steht nach wie vor Alt neben Jung. Eltern mit Kindern. Eine Ausnahme bildet dabei meist nur der Zentrale Fanblock, da dort eine hohe Mitmachquote gefordert wird. Dort ist das Publikum mehrheitlich sicherlich
argoetz 06.05.2018
3. 80er/90er
In England wurde vor Hillsborough absolut JEDER auf die Stehplatzterassen gelassen. der vor dem Stadion stand. Wer im Stadion war, konnte schon nicht draußen randalieren. Eintrittskarten gab es nicht, man ging ans Kassenhäuschen, legte 5 Pfund hin und ging durch das Drehkreuz. Da in Hillsborough der Druck vor dem Stadion extrem groß war, wurde ein Tor geöffnet, und alle stürmten in einen einzigen Block, obwohl rechts und links davon noch Platz genug war. In Deutschland wurden in den Stehplatzblock, in dem ich mich in den 90ern aufhielt, 3.000 Zuschauer reingelassen, was offensichtlich zu viel war, auch für damalige Verhältnisse. Heute dürfen im selben Block noch 2.000 Fans Fußball gucken, was die ganze Sache entsprechend entspannter macht. In K'lautern hatte ich im Gästeblock 1991 mal richtig Angst, da an einem Freitagabend quasi alle Gästefans gleichzeitig in den Block wollten. Es ist alles eine Frage der Organisation, egal ob man sitzt oder steht.
starboy 07.05.2018
4. Tschüss Ultras
Debatte über Stehplätze im deutschen Fußball. Schafft sie doch einfach ab. Ich hab auch Ideen, diesmal für den deutschen Fußball. Nee Spaß bei Seite, der Zug für Stehplätze in England ist seit Jahren abgefahren. Und ich bin mir sicher, dass sich dies nie wieder ändern wird. Die Sicherheit ist das A und O. Und wenn sich Mal jemand hinstellt wird er von den Guards relativ zügig gebeten sich hinzusetzen.
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