Englischer Zweitligist Millwall Die Größten der Kleinen

Gehasst und verehrt: Der FC Millwall steht nach Auffassung seiner Fans für Fußball wie er sein sollte - und könnte demnächst in der Premier League spielen.

Millwall-Stadion
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Millwall-Stadion

Aus London berichtet


Millwall sieht anders aus, riecht anders und klingt anders. Wenig einladend und faszinierend zugleich.

Im Stadion des Zweitligisten aus dem Südosten Londons wirkt die Szenerie auch düster, wenn das Flutlicht brennt. Es scheint ein Dunst in der Luft zu hängen, der die Helligkeit frisst. Die Spielstätte liegt in einem Viertel, das nichts zu tun hat mit dem London, das man von Postkarten und aus Reiseführern kennt. Schrotthändler, verfallene Industrie, eine Müllverbrennungsanlage. Diese Mischung erzeugt einen speziellen Geruch. Der Millwall-Sound ist ein langgezogenes, monotones Brüllen der Fans, das sich aus vielen tausend Kehlen anhört, als würde ein gigantischer Schwarm von Killerhornissen um die Ecke biegen.

Im Grunde ist der FC Millwall ein einziges Klischee. Wenn man den Namen des Klubs hört, denkt man an Hooligangewalt, an mittelalte, weiße Arbeiter mit schlechten Tätowierungen und Glatze, an Fußball als rauen Außenseitersport.

Nicht alles von diesem Klischee stimmt. Mittlerweile laufen Millwall-Spiele in der Regel friedlich ab. Auf den guten Plätzen auf der Haupttribüne im Stadion "The Den" sind auch Männer mit Gelfrisuren und rosa Polohemden zu sehen. Der Verein trägt den Titel des familienfreundlichsten Klubs der unteren Ligen. Und: Er spielt in dieser Saison sogar um den Aufstieg in die Premier League mit.

"Das guilty pleasure des englischen Fußballs"

Trotzdem ist Millwall immer noch etwas Außergewöhnliches. Ein Verein, bei dem Fußball ziemlich nahe an dem ist, was er sein soll. Eine rebellische Bastion mit morbidem Charme, die stolz darauf ist, vom Establishment verdammt und verehrt zu werden. "No one likes us, we don't care", singen die Fans mit großem Vergnügen.

Mickey Simpson ist eine Art Oberfan. Er arbeitet als Verbindungsmann zwischen der Anhängerschaft und der Klubführung. Er sagt: "Jeder gibt vor, uns zu hassen, hat dabei aber auch eine starke Zuneigung zu uns. Wir verkörpern das guilty pleasure des englischen Fußballs." Eine heimlich gepflegte Freude also, ein Laster.

Millwall-Fans verfolgen ein Spiel gegen Norwich
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Millwall-Fans verfolgen ein Spiel gegen Norwich

Simpson glaubt, dass sich viele Fans von anderen Klubs wünschen würden, ihr Verein sei ein bisschen mehr wie Millwall. Ein bisschen ursprünglicher, ein bisschen echter. "Du arbeitest hart und entkommst am Wochenende für ein paar Stunden der Realität. Du triffst dich mit deinen Freunden, trinkst ein Bier, singst, genießt das Spiel - darum geht es doch", sagt er. Nicht um das neuste Trikot aus dem Megastore. Nicht um Likes bei Twitter oder Instagram. Nicht um Expected-Goals-Werte und Beraterhonorare.

Berühmtheit hat finstere Gründe

Für die Fans ist Millwall der größte kleine Klub der Welt. Nicht so glitzernd wie die anderen Londoner Vereine Arsenal, Chelsea oder Tottenham, aber doch überall bekannt, unabhängig vom sportlichen Erfolg. Ein bisschen wie in Deutschland der FC St. Pauli. Und trotzdem ganz anders.

Denn Millwalls Berühmtheit hat tatsächlich finstere Gründe. Vor allem in den Neunzigern verbreiteten die Hooligans des Klubs Angst und Schrecken im ganzen Land. Die heftigsten Ausschreitungen gab es im März 1985 in der sechsten Runde des FA-Cups bei Luton Town mit 47 Verletzten und 31 Festnahmen. Die Fanszene galt (und gilt) als rechtsoffen. Fanverbindungsmann Simpson sagt dazu, dass sich der Verein komplett gewandelt habe in den vergangenen Jahren.

Seiner Meinung nach wird Millwall stigmatisiert. "Mit uns lassen sich Zeitungen verkaufen. Wenn es bei Manchester United oder Manchester City Krawalle gibt, sind das höchstens ein paar Zeilen. Bei Millwall gibt es gleich back pages", sagte er. Die Rückseite der Zeitungen in England ist traditionell die erste Seite des Sportteils.

Der Verein hat seine Kämpfe zu kämpfen. Vor allem abseits des Spielfelds. Millwall wird bedroht vom Geld und der Gentrifizierung. Der Gemeinderat will das Gelände des Klubs an eine mysteriöse Investorengruppe verkaufen, denn das Land ist lukrativ für den Wohnungsbau. Nach öffentlichen Protesten wurde das Vorhaben erstmal gestoppt. Fraglich ist, für wie lange.

Trainer Neil Harris
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Trainer Neil Harris

Auf dem Rasen tut sich im Moment Erstaunliches. Millwall spielt so gut wie lange nicht und hat zwei Spieltage vor Schluss Chancen auf die Teilnahme an den Playoffs um den Aufstieg. Und das, obwohl der Verein mit einem der kleinsten Budgets in der zweiten Liga auskommen muss.

Das Gesicht des überraschenden Aufschwungs ist Trainer Neil Harris, der 40 Jahre alte Rekordtorschütze des Klubs, der bei wichtigen Spielen im Anzug, mit dunkler Weste und Krawatte an der Seitenlinien steht. Er hat Millwall innerhalb von drei Jahren aus der dritten Liga an den Rand der Premier League geführt und wird mit Eddie Howe von Bournemouth und Sean Dyche von Burnley verglichen, zwei anderen erfrischenden Erscheinungen im englischen Trainer-Sektor, die mit relativ kleinen Mitteln Großes vollbringen.

Millwall, der Arbeiterklub, im Milliardenbusiness Premier League - würde das passen? Ist der Verein nicht ziemlich zufrieden mit seinem Außenseiterdasein in der zweiten Liga? "Ich würde liebend gerne aufsteigen. Millwall wird trotzdem immer Millwall bleiben", sagt Simpson.

Seiner Meinung nach wird Millwall immer anders aussehen, anders riechen und anders klingen. Egal in welcher Liga.



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
westham69 28.04.2018
1.
Millwall hat gar keine Chance mehr aufzusteigen. Es sind bloß noch zwei Spieltage und sir sind 17 punkte zurück.
Tom Tulpe 28.04.2018
2.
17 Punkte? Da kennt einer den Modus nicht... Millwall muss nur Platz 6 erreichen, denn der dritte Aufsteiger wird im Playoff zwischen den Plätzen 3 bis 6 ermittelt. Der Rückstand auf Derby County sind nur 2 Punkte.
philipp.cornelius 28.04.2018
3. Aufstieg
Doch, sie können noch aufsteigen: https://de.m.wikipedia.org/wiki/Football_League_Championship?wprov=sfti1 Der Dritt- bis Sechstplazierte spielen den dritten Aufsteiger in Playoffs aus. Millwall hat zwei Punkte Rückstand auf Platz sechs und noch zwei Spiele.
Stäffelesrutscher 28.04.2018
4.
»Die Spielstätte liegt in einem Viertel, das nichts zu tun hat mit dem London, das man von Postkarten und aus Reiseführern kennt. Schrotthändler, verfallene Industrie, eine Müllverbrennungsanlage.« Also ungefähr so wie beim HSV.
liverbird 28.04.2018
5. @1.
Sie sollten sich aber vielleicht mal mit der 2. Liga vertraut machen, Moyes schafft es sicher noch, die Hammers dahin zu führen. Wobei der letzte Auftritt in der League One ja noch nicht so lange zurückliegt.
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