Transfer-Millionen in der Premier League Nur keine Aufregung

Dass ein Spitzenfußballer meutert oder Fantasiegehälter kassiert, ist in England kein Grund, sich zu empören. Das dortige Publikum hat eine sehr ehrliche Sicht auf die Milliardenbranche, schreibt Hendrik Buchheister.

Noch-Arsenal-Stürmer Alexis Sánchez
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Noch-Arsenal-Stürmer Alexis Sánchez


Zu den wirkungsvollsten Beruhigungsmitteln gehört, sich im Internet eine Pressekonferenz von Arsenals Trainer Arsène Wenger anzuschauen. Und vor allem auch: anzuhören.

Nach mehr als zwei Jahrzehnten in England spricht er immer noch mit einem hölzernen Akzent. Er ist in der Regel freundlich. Seine Stimme schlägt nicht aus, weder nach unten noch nach oben. Seine Aussagen sind ein angenehm dahinströmender Redefluss. Wenger klingt immer ein bisschen so, als würde er im Kreise guter Freunde einen frisch geöffneten Rotwein verkosten.

Das gilt unabhängig von den Themen, die er bespricht. Gerade zum Beispiel hat er mit der ihm eigenen Ruhe berichtet, dass das Tauschgeschäft mit Alexis Sánchez (von Arsenal zu Manchester United) und Henrich Mchitarjan (in umgekehrte Richtung) in Kürze über die Bühne gehen könnte. Zum Stand der Übernahme von Borussia Dortmunds Angreifer Pierre-Emerick Aubameyang wollte er sich nicht äußern. Aber immerhin machte er bekannt, dass der Spieler charakterlich sicher hervorragend zu Arsenal passen würde. Doch, doch.

Autoren-Info
  • Verena Knemeyer
    Hendrik Buchheister, Jahrgang 1986, sah seine ersten Fußballspiele im alten Wolfsburger VfL-Stadion. Später - als Journalist - war er für den Fußballnorden zuständig. Nachdem es nicht gelang, den HSV in die zweite Liga zu schreiben, folgte der Wechsel nach England: Er berichtet seit August 2017 aus Manchester über britischen Fußball und hofft weiterhin auf eine Karriere als Torwart.

  • Alle Folgen der Kolumne "Life Goals"

Wengers ausgeglichene Art ist ein schönes Sinnbild dafür, wie in England über Transfers gesprochen wird. Nämlich, anders als in Deutschland, mit einer gewissen Sachlichkeit und ohne Empörung. Keep calm and carry on.

Natürlich, in diesen Tagen, in denen Sánchez vielleicht zu Manchester United, Mchtarjan und Aubameyang vielleicht zu Arsenal und, man glaubt es kaum, der frühere englische Nationalstürmer Peter Crouch vielleicht zu Meister Chelsea wechseln, läuft die Nachrichtenmaschinerie heiß. Es wird gemutmaßt und spekuliert. Das ordnungsgemäße Erscheinen eines Spielers zum Training ist einigen Medien sogar eine Eilmeldung wert.

Doch dass sich Aubameyang in Dortmund mehr oder weniger aus dem Klub meutern will - ähnlich wie Virgil an Dijk vor seinem Wechsel für rund 84 Millionen Euro vom FC Southampton nach Liverpool vor wenigen Wochen - und Sánchez bei Manchester United angeblich ein Fabelgehalt von 400.000 Euro pro Wochen beziehen soll, zusätzlich zu den mehr als 20 Millionen Euro bei Vertragsunterschrift, löst bei Fans und Fachleuten keine besondere Aufregung hervor, keinen Aufschrei über den Verfall von Anstand und Moral.

Ergebnis der Kulturrevolution im Fußball

Das englische Publikum nimmt den Fußball als das wahr, was er im Profisegment längst ist, nämlich ein milliardenschwerer Unterhaltungsbetrieb. Ich finde diese Sichtweise sehr ehrlich. Und es ist gut nachvollziehbar, woher sie kommt. Sie ist das Ergebnis einer Kulturrevolution im englischen Fußball und ein bisschen wohl auch des englischen Wesens an sich.

Die Premier League ist als Instrument zur Geldvermehrung angelegt. Mit ihrer Gründung 1992 wurden aus den Vereinen Spekulationsobjekte. Die Zuschauer haben sich längst daran gewöhnt, dass auf der Verpackung der Klubs zwar Manchester City oder FC Liverpool steht, sie aber von einem Scheich aus Abu Dhabi oder einem US-Konzern gesteuert werden.

Die Zielgruppe ist gentrifiziert. Nach den Stadionkatastrophen von Heysel, Bradford und Hillsborough in den 1980ern wurden in England die Stehplätze abgeschafft, die Tickets wurden teurer. Junge Leute und Menschen mit wenig Geld wurden verdrängt, dafür kamen wohlsituierte Zuschauer und Touristen. Von ihnen ist kein Aufstand zu erwarten.

Und weil es in der Premier League nicht nur einen oder zwei Klubs gibt, die um die Meisterschaft spielen, sondern fünf bis sechs, zumindest in der Theorie, können es sich die Vereine nicht erlauben, ihr Handeln von moralischen Erwägungen abhängig zu machen. Sonst verlieren sie den Anschluss. Die Fans haben das akzeptiert.

Die Fans von ManCity sind dem Scheich dankbar

Liverpools Anhang hält die Verpflichtung Van Dijks für ein gutes Geschäft, ohne Vorbehalte, weil eben ein anständiger Verteidiger her musste. Die Gefolgschaft von Manchester United ist ziemlich angetan von der möglichen Sánchez-Verpflichtung, weil der Mannschaft Tempo und Kreativität in der Offensive gut tun würden. Und die Fans von Manchester City sprechen sogar von Dankbarkeit, dass sie - nach Jahrzehnten im Mittelmaß - dank der Scheich-Millionen neuerdings mit Wunderfußball verwöhnt werden.

Vielleicht ist Empörung auch einfach keine sehr englische Eigenschaft. Die Engländer sind Weltmeister darin, sich mit Dingen abzufinden. Sei es mit den absurd teuren Mieten in London, dem fragwürdigen Essen der heimischen Küche oder dem schlechter Wetter.

Oder eben damit, dass es im Profifußball um Geld geht. Um sehr viel Geld.



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
disd1953 19.01.2018
1. Vorurteile leben lange
Was Fussball angeht, mag der Autor Recht haben. Vom Essen in England allerdings nicht. Es gibt dort seit vielen Jahren ausgezeichnet Restaurants, die einen Vergleich mit deutschen nicht scheuen müssen.
Oihme 19.01.2018
2.
Zitat von disd1953Was Fussball angeht, mag der Autor Recht haben. Vom Essen in England allerdings nicht. Es gibt dort seit vielen Jahren ausgezeichnet Restaurants, die einen Vergleich mit deutschen nicht scheuen müssen.
Naja, damit waren wohl eher die "Freuden" der normalen, britischen Hausmannskost gemeint. :-) Ansonsten ist es wirklich die Frage, ob wir uns in D englische Fußball-Verhältnisse leisten sollten. Die wachsende Zahl britischer Fans, die sogar zu uns fliegen, nur um endlich wirkliche Stadionstimmung in sich aufzusaugen, passt nicht ganz zu der im Artikel beschworenen Nüchternheit.
Ignorant00 19.01.2018
3. Toll der Autor hat kapituliert
und will, das es alle anderen auch machen? Und bezeichnet England als Vorbild? Eine erste Trennung sollte man auf jeden Fall vornehmen: "Doch dass sich Aubameyang in Dortmund mehr oder weniger aus dem Klub meutern will" ist nochmal ein riesiger Unterschied zu dem alltäglichen Profifußballwahnsinn! Da geht es um Verrat, um Anstandslosigkeit und all die anderen Bösen Wörter, die fallen! Auch im Profifußball entscheiden sich grundsätzlich 20-30 Menschen (und viele drum herum) eine Saison gemeinsam das Beste erreichen zu wollen! Da hängt eine Entscheidung an der anderen! Er lässt 30 Teammitlieder im Stich, die meinten mit Ihm zu Leistungen fähig zu sein, die sie ohne ih nicht sind! Und die Art und Weise, wie er das praktiziert ist eine komplett Egoistische! Er maxmimiert seinen Proft, indem er nich einfach sagt: OK, das war es - wir trennen uns und alle können profitieren, sondern er nötigt mit seinen Eskapden den BVB zu einem Verlust. Das Arsenal so eine EgoTour mitmacht enttäuscht mich schwer und ruiniert mE den Ruf eines Arsene Wengeer schwer! Wäre schön, wen SPON das diskutieren würde, anstatt Egoismus noch schön zu reden :-(
Ignorant00 19.01.2018
4. Und was ist damit?
http://www.spiegel.de/sport/fussball/lionel-messi-stiftung-stellte-offenbar-illegal-spendenbescheinigungen-aus-a-1188816.html Sollten Sich Fußballfans nicht aufregen, anstatt britisch passiv weiterzuschauen? Übrigens sind die Briten viel weiter, als sie meinen. Natürlich nicht beim Operrettenpublikum, was sie meinen sondern bei Fußballfans, die eigene Vereine gründen etc. pp! Football und Kommerr sucks! Sowohl in England, als auch in Deutschland! Für alle richtigen Fan!
Nonvaio01 19.01.2018
5. der autor hat recht
dieses ewige gemecker aus D ist einfach nur noch fehl am platz. Die PL verdient eben mehr, also wird auch mehr gezahlt. Fussballer koennen eben nicht einfach kuendigen. Wenn ich ein angebot bekomme irgendwo mehr zu verdienen hat meine Firma auch die kuendigung auf dem tisch liegen und in 4 wochen bin ich weg. Das mit den eintrittspreisen sollte man in D auch machen, damit sind dann die ganzen deppen nicht mehr in der lage ins stadion zu gehen und rassistische plakte oder sonstige ekelhafte plakate aufzuhaengen, da dieses nur von leuten aus der unterschicht gemacht wird. Vor allem die BVB fans heben sich da hervor, obwohl der BVB der am meisten kommerzielle Verein in der BL ist. Plakate wie gegen Leipzig z.b. wuerden nicht mehr vorkommen. Ich hatte mich gewundert das ich nur 50€ zahlen musste fuer die beste platz kathegorie beim FCB.
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