Premier League Burnley jagt die großen sechs

Vom Abstiegs- zum Europakandidaten: Der FC Burnley ist die Überraschung der Premier League. Ohne Top-Stars und viel Geld - reicht das für dauerhaften Erfolg in der reichsten Liga der Welt?

AFP

Aus Burnley berichtet


Das neue Jahr begann mit schlechtem Wetter und guten Erinnerungen.

Der Himmel am Neujahrstag war grau über Burnley im Nordwesten Englands. Es regnete so stark, dass selbst wasserabweisende Jacken nicht ausreichend Schutz boten. Einige Zuschauer im rustikalen Stadion Turf Moor trugen Gummihosen, sie sahen damit aus wie Hochseeangler, aber nicht wie Besucher eines Spiels in der reichsten Fußballliga der Welt.

"Was könnte es zum Beginn des Jahres Besseres geben, als auf ein großartiges 2017 zurückzuschauen?", rief der Stadionsprecher vor der Partie gegen den FC Liverpool. Dann wurden auf der Videowand die Höhepunkte des vergangenen Jahres abgespielt. Es war ein Jahr, in dem der FC Burnley als Aufsteiger zuerst den Verbleib in der Premier League schaffte, als Tabellensechzehnter der abgelaufenen Spielzeit - und dann sogar in Schlagweite der Europapokalplätze stand.

Burnley ist die Überraschung der aktuellen Saison, darf sich als Tabellensiebter erster Verfolger der großen sechs Vereine aus Manchester (City und United), London (Chelsea, Arsenal und Tottenham) und Liverpool nennen. Die Belohnung? Weltweite Anerkennung: Ende November widmete die "New York Times" dem Team aus der ehemaligen Baumwoll-Stadt eine ausführliche Würdigung. "Wenn wir den positiven Trend der vergangenen zwölf Monate fortsetzen, werden wir im neuen Jahr viel zu jubeln haben", schrieb Trainer Sean Dyche im Stadionmagazin vor der Partie gegen Liverpool.

Burnleys Coach Sean Dyche begrüßt Jürgen Klopp
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Burnleys Coach Sean Dyche begrüßt Jürgen Klopp

Der gegenwärtige Erfolg hat viel damit zu tun, dass der FC Burnley gegen die ungeschriebenen Gesetze der Branche verstieß: Dyche hatte den Klub schon 2014 in die Premier League geführt. Der Aufschwung war nicht nachhaltig, die Mannschaft stieg direkt wieder ab. Anders als in solchen Situationen üblich blieb der Trainer, schaffte den erneuten Aufstieg - und ist dabei, den Verein in der oberen Hälfte der Liga zu etablieren. Auch weil er Wert auf Details legt.

Aus seiner Zeit als Profi für Klubs wie Chesterfield, Millwall und Watford ist die Erzählung überliefert, dass er vor jedem Auswärtsspiel mit Schritten die Entfernung zwischen Strafraum und Seitenaus maß, um zu wissen, wie groß der Abstand zwischen den Spielern auf den Flügeln und im Zentrum sein muss. Mit seiner kräftigen Statur, den raspelkurzen roten Haaren, seinem weißen Hemd und der Krawatte wirkt er eher wie ein Trainer beim Eishockey oder beim American Football. Wenn er vor der Presse sitzt, sind Mikrofone überflüssig. Seine Stimme dringt auch ohne Hilfsmittel in die letzten Winkel des Raums.

Bei Burnley gelingt es dem 46 Jahre alten Dyche, aus wenig viel zu machen. Der Klub kann finanziell nicht mit den Spitzenteams der Liga mithalten. Echte Stars sind in der Mannschaft nicht zu finden. Bester Schütze ist der Neuseeländer Chris Wood mit vier Treffern. Er kam vor der Saison von Leeds United aus der zweiten Liga. Der international vielleicht bekannteste Profi ist Mittelfeldmann Johann Berg Gudmundsson. Er war ein wichtiger Teil von Islands sensationeller EM in Frankreich vor eineinhalb Jahren.

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Überraschungsteam FC Burnley: Der rothaarige Mourinho

Burnleys große Stärke ist die Defensive. Der Mannschaft gelingt es wie keiner anderen in der Premier League, Chancen für den Gegner zu verhindern. Burnley führt die Wertung der geblockten Schüsse an. Außerdem beschäftigt der Klub zwei starke Torhüter, den im Moment verletzten englischen Nationalkeeper Tom Heaton und dessen Stellvertreter Nick Pope. Hinter den beiden Klubs aus Manchester (City: zwölf Gegentore; United: 16) und Meister Chelsea (14) hat Burnley in dieser Saison die wenigsten Tore kassiert (19).

Deshalb ist es nicht schlimm, dass das Team weniger Tore geschossen hat (19 Treffer) als Abstiegskandidaten wie Newcastle United (20), Bournemouth (22) oder West Ham (22). Von Burnleys bisher neun Siegen in dieser Saison kam nur einer mit mehr als einem Treffer Vorsprung zustande, das 2:0 gegen den aktuellen Tabellenletzten Swansea Mitte November.

Weil Trainer Dyche seine Möglichkeiten maximal ausreizt, wird er schon mit den Ikonen seines Berufsstands verglichen. "Ginger Mourinho" rufen ihn Burnleys Fans, rothaariger Mourinho. Liverpools Übungsleiter Jürgen Klopp sprach vor dem Spiel am Neujahrstag davon, dass Dyches Errungenschaften in Burnley mit Josep Guardiolas Erfolg bei Tabellenführer Manchester City vergleichbar seien. "Jede Saison hat eine andere schöne Geschichte - diesmal ist es Burnley", sagte der deutsche Trainer.

Das ist allerdings auch das Problem. In den vergangenen Jahren haben sich immer wieder Teams daran versucht, in den elitären Zirkel der großen Klubs der Premier League vorzudringen. Der FC Everton zum Beispiel landete in der Saison 2013/2014 auf dem fünften Platz, Leicester City wurde zwei Jahre später sogar Meister. Diese schönen Geschichten waren allerdings schnell wieder vorbei. Keine der Mannschaften konnte sich nachhaltig in der Spitzengruppe festsetzen. Und auch Burnleys Perspektive scheint begrenzt. Die Partie gegen Liverpool ging 1:2 verloren, durch den Treffer von Ragnar Klavan in der Nachspielzeit.

Die nächste Gelegenheit für gute Erinnerungen bietet sich am Samstag. Dann trifft Burnley im FA-Cup auf Manchester City.



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