Premier-League-Sensation Leicester Sind sie zu stark, bist du zu schwach

Die Premier League regiert den Transfermarkt. Aber Leicester City regiert die Premier League. Ist der Provinzklub so gut? Oder sind die anderen so schlecht? Fünf Gründe für eine Sensation.

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Als James Pearson und zwei weitere Reservespieler von Leicester City im Mai 2015 bei einer Asienreise ihres Klubs in Thailand ein Sexvideo drehten, bei dem sie einheimische Frauen rassistisch beleidigten, war das nicht nur verwerflich und abstoßend. Es war auch nicht besonders klug. Denn Pearsons Vater Nigel war der Trainer des Premier-League-Teams. Und der Besitzer des Klubs, Vichai Srivaddhanaprabha, stammt aus Thailand.

Das Ergebnis der Eskapade: Die drei Spieler wurden gefeuert. Und Vater Pearson, der gerade erst den Klassenerhalt in der Premier League erreicht hatte, musste gleich mitgehen. Aus heutiger Sicht war der folgende Trainerwechsel von Pearson zu Claudio Ranieri das Beste, was Leicester City passieren konnte. Aktuell steht der Klub auf Platz eins der Premier League, zehn Monate nachdem er mit sieben Punkten Rückstand auf einen Nichtabstiegsplatz Letzter gewesen war.

An diesem Samstag spielt der Tabellenführer beim Zweiten Manchester City (13.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Wie ist Leicesters Erfolg zu erklären? Ist die Mannschaft so gut, oder sind die Konkurrenten mit den großen Namen zu schwach?

1. Es gibt in dieser Saison keine überragende Mannschaft in der Premier League

Nach 24 Spieltagen hat Leicester City 50 Punkte. Das ist aller Ehren wert. Aber es würde normalerweise nicht für Platz eins in der Liga reichen. Ganz davon abgesehen, dass die Tabellenführer aller anderen großen Ligen in Europa einen deutlich besseren Punkteschnitt aufweisen - auch in England reichen 50 Zähler normalerweise nicht. Seit 15 Jahren gab es in der Premier League keinen Tabellenführer mehr mit so wenigen Punkten nach 24 Spielen.

2. Leicester hat wesentlich weniger Pflichtspiele als die Konkurrenz

Als Liverpool vor wenigen Tagen in Leicester verlor, war es für die Mannschaft von Jürgen Klopp das 38. Pflichtspiel der Saison. Für Leicester erst das 29. Alle Konkurrenten im Titelkampf haben ebenfalls eine höhere Belastung als die Foxes: Manchester City hat 36 Spiele bestritten, Arsenal 35, Tottenham Hotspur 34 und Manchester United 36. Das sind zwischen fünf und neun englische Wochen weniger. Wochen, in denen Claudio Ranieri sein Team in Ruhe auf den nächsten Gegner vorbereiten kann, während die Kontrahenten in Europa umherreisen oder Wiederholungsspiele in Pokalwettbewerben bestreiten (aus denen Leicester bereits ausgeschieden ist).

Das erinnert an die Saison vor zwei Jahren, als Liverpool unter Brendan Rodgers fast Meister geworden wäre. Damals hatten die Reds jeweils 14 Spiele weniger zu absolvieren als die Konkurrenten Chelsea und Manchester City. Die geringere Belastung erlaubt es Ranieri, einen sehr intensiven und physisch belastenden Fußball zu praktizieren.

3. Leicesters Fußball ist die Antithese zum Rest der Liga

Die statistischen Werte der Foxes passen auf den ersten Blick nicht zu einem Tabellenführer: Keine Mannschaft der Premier League hat eine schlechtere Passerfolgsquote als Leicester. Nur zwei Teams haben weniger Ballbesitz. Dafür fängt keiner mehr Pässe ab, und nur Liverpool führt noch mehr Zweikämpfe. Mit schnellem Umschaltspiel und langen Bällen kontert Leicester Teams aus, die namhaftere Kader beschäftigen. Ein Mittel dagegen scheint auch nach zwei Dritteln der Saison noch kaum jemand gefunden zu haben: Erst zwei Niederlagen stehen für die Foxes bisher zu Buche.

Das jüngste Spiel gegen Liverpool demonstrierte dabei, dass die Mannschaft sowohl hoch pressen kann als auch im kompakten 4-4-2 gegen den Ball tief zu verteidigen weiß - eine Spielweise, die unbeweglichen Verteidigern wie dem deutschen Abwehrchef Robert Huth eher entgegenkommt.

4. Claudio Ranieri passt perfekt nach Leicester

In seiner 132-jährigen Geschichte war Leicester City niemals Meister oder Pokalsieger in England. Im Europapokal kamen die Foxes in vier Versuchen nie über die erste Runde hinaus. Diese Titellosigkeit verbindet den Provinzklub aus den East Midlands mit Trainer Claudio Ranieri. Der hat zwar schon Teams wie Chelsea, Juventus, Atlético Madrid, Valencia, Inter Mailand, AS Rom, Florenz, Neapel und AS Monaco trainiert. Meister war der Römer aber noch nie in seiner langen Laufbahn.

5. Die Fernsehmillionen der Premier League kommen nicht nur der Spitze zugute

Als Manchester City im Sommer Kevin De Bruyne kaufte, war das für viele Beobachter der Inbegriff des Reichtums, über den die Premier League dank ihres neuen Fernsehvertrags verfügt. Aber die Einnahmen sprudeln auch für bisherige graue Mäuse und Außenseiter. In der neuen "Money League" der Unternehmensberatung Deloitte steht Leicester City dem Umsatz nach auf Platz 24 - der Welt. Schon bevor die neuen Fernsehgelder überhaupt eingetroffen sind, zählen 17 Premier-League-Klubs zu den reichsten 30 Klubs des Planeten. Selbst Teams wie West Bromwich Albion oder Crystal Palace setzen mehr um als Borussia Mönchengladbach, AC Florenz oder der FC Valencia.

Auch wenn die Top-Teams in England ein Vielfaches kassieren: Mehr als 25, 30 Spieler kann auch ein Klub wie Manchester City ja nicht kaufen. Es bleiben also genug Stars übrig für Teams aus der zweiten und dritten Reihe. Dass bei Leicester Spieler wie Gökhan Inler oder Shinji Okazaki nicht einmal sichere Stammplätze haben, zeigt, wie sehr sich das Niveau auch kleinerer Klubs in den vergangenen Jahren verbessert hat.

Eine der großen Sensationen der europäischen Fußballgeschichte wäre der Meistertitel aber trotz alledem. Auch, wenn es wie eine andere Ära wirkt: Vor sieben Monaten erst verlor Nigel Pearson nach dem Sexvideo seines Sohns den Trainerposten. Und wenn man vor einem halben Jahr bei den Buchmachern zehn Euro darauf gewettet hätte, dass Ranieri mit Leicester Meister wird, dann hätte man mit dieser Wette 25.000 Euro verdient.



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insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
f-rust 06.02.2016
1. interessante Hintergrundinformationen,
die mir bisher unbekannt waren. Danke.
team_frusciante 06.02.2016
2.
Den Artikel habt ihr jetzt noch schnell veröffentlicht, bevor Manchester City heute Abend vorbeizieht :)
Nonvaio01 06.02.2016
3. naja
City ist so unbestaendig in der Liga weil Kompany verletzt ist, Mit Kompany hat City nur 1 spiel verloren, ohne Ihn sind es wesentlich mehr. Leicester hat noch einen grund, Jamie Vardy, der junge trift und trift, hat erstmal einen reckord aufgestellt 11 spiele hintereinander getroffen (oder 13). Der trainer ist der groesste gewinn. Rainieri ist ein excellenter fachmann, hat nurnicht so eine aura wie die anderen top trainer. In Florenz waehre er fast meister geworden, leider hat sein sohn sich dann an der tochter des inhabers vergriffen und der trainer wurde gefeuert, da war Florezn auf platz 2, dann sind die abgeschmiert und sogar in liga 2 gelandet. Im allgemeinen sind die grossen klubs in england extrem schlacht in der defensive, darum klappt esauch in der CL nicht so gut, denn da ist defensive wichtig. Alles in allem denkeich aber nicht das Leicester Meister werden kann, der kader ist zu klein.
femtom1nd 06.02.2016
4. Bakerman is breaking bad ...
Zitat von f-rustdie mir bisher unbekannt waren. Danke.
"Seit 15 Jahren gab es in der Premier League keinen Tabellenführer mehr mit so wenigen Punkten nach 24 Spielen." Was haben Laycester ... ähm Leicester, Laid Back, Marie Antoinette und Jean-Jacques Rousseau gemeinsam? "Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen."
918 06.02.2016
5. 11,5 Mrd TV in 3 Jahren
Gestern hat die EPL den clubeigentuemern die offiziellen TV einnahmen fuer die 3 Saisons 2016-19 mitgeteilt fuer In-und Auslandsvermarktung. Es sind GBP 8,7 Mrd oder oder 3,85 Mrd Euro pro Saison. Die BL duempelt naechste Saison bei ca 0,8 Mrd und hoffen ab 2017 auf 1,2-1,5 Mrd.. Die EPL generiert also 2,5-3 mal soviel alleine aus TV Vermarktung der EPL. Durch die Marktattraktivitaet erhalten Englische clubs auch den hoechsten UEFA koeffizienten der 15 prozent hoeher liegt als fuer deutsche clubs. Einnahmen asu ticketing liegen bis zu 40 prozent hoeher(sVgl Arsenal FCB). MUFC kalkulieren mit einem Umsatz von 700 mio diese Saison! MCFC CFC AFC u LFC werden alle FCB naechste Saison ueberholen im Umsatz. Trotz dieser Entwicklung zeigt sich diese Saison das weder Mourinho noch LVG noch Rodgers/Klopp noch Pellegrini in der Lage sind mit ihren teams KONSTANT auf hohem Niveau zu spielen. Auch Arsenal mit Wenger schaffen es nicht in dieser Situation davonzuziehen. Beeindruckend sind nicht nu Rainieri sondern vor allem Pochettino mit Tottenham. Das allgemeine Niveau der EPL spiele ist dennoch schwach. Wie Schwach werden die naechsten europokalspiele zeigen. PG wird mit MCFC dreima Meister ohne groesseren Wiederstand.
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