Manchester United in der Krise Mourinho geht das Gift aus

Beim Ex-Klub FC Chelsea zum Hassobjekt aufgestiegen, mit Manchester United erfolglos: Der Druck auf Trainer José Mourinho steigt - und die Kritik an seinem zerstörerischen Spielstil wird lauter.

José Mourinho
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José Mourinho


Auf der Insel würde niemand auf die Idee kommen, die Stammkundschaft des FC Chelsea als Opernpublikum zu bezeichnen, aber ihren Rigoletto kennen sie natürlich schon an der Stamford Bridge: "Fuck off, Mourinho", intonierte die blaue Anhängerschaft nach dem Schlusspfiff zur Melodie von "La Donna e mobile".

Der Portugiese, einst König, nun Hassobjekt an der Fulham Road, schien die Schmähung zu genießen. Er hielt der ehemaligen Gefolgschaft auf seinem Weg hinüber ins Eck der Manchester-United-Fans drei aufreizende Finger vor die Nasen und deutete danach auf den Rasen. "Ich bin hier dreimal Meister geworden", sollte die Geste wohl sagen, die anstelle von nostalgischen Erinnerungen an gemeinsame Errungenschaften (Premier-League-Sieger in den Jahren 2005, 2006 und 2015) erwartungsgemäß jedoch nur noch mehr lautstarke Abneigung provozierte.

Trügerisch sind alle Trainerherzen. Das weiß man seit Mourinhos Amtsantritt beim englischen Rekordmeister United im Sommer 2016 auch in West-London, wo der Mann aus dem portugiesischen Setúbal lange vergöttert wurde, aber alle Sympathien verspielte, als er überschwänglich über die Größe und Bedeutsamkeit seines neuen Vereins Manchester United referierte und dazu - den mittlerweile wieder gefeuerten - Chelsea-Trainer Antonio Conte in dessen Meistersaison 2016/2017 als "Seitenlinien-Clown" verächtlich machte.

Die Drei-Finger-Geste von Mourinho
FACUNDO ARRIZABALAGA/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Die Drei-Finger-Geste von Mourinho

An diesem spätsommerlichen strahlenden Samstagnachmittag hatten dem 55-Jährigen und United nur ein paar Sekunden zum großen Triumph gefehlt. Seine Elf hatte den 0:1-Rückstand durch den Treffer von Chelsea-Verteidiger Antonio Rüdiger (21. Minute) nach dem Seitenwechsel mit zwei Toren von Antony Martial quasi aus dem Nichts gedreht (55., 73.). Erst in der sechsten Minute der Nachspielzeit gelang Ross Barkley der Ausgleich.

Das 2:2 war insgesamt gerecht, artete jedoch in einem kleinen Tumult aus. Marco Ianni, ein Mitglied des Trainerstabs von Chelseas Chefcoach Mauricio Sarri, erzürnte Mourinho mit seinem Jubel vor der United-Bank so sehr, dass dieser aufsprang, um sich den Italiener vorzuknöpfen; die leicht pantomimisch anmutende Auseinandersetzung war schnell wieder beendet.

"Ein Fall von schlechter Erziehung", sagte Mourinho über den Vorfall. "Aber ich habe selbst Fehler in Fußballspielen gemacht und werde noch weitere machen." Ianni und Sarri hätten sich entschuldigt, damit sei die Geschichte für ihn vorbei. Chelseas Trainer versprach, die Undiszipliniertheit seines Mitarbeiters intern zu regeln, wirkte aber in erster Linie über den Verlust der spielerischen Linie in der zweiten Hälfte verdrossen. "Wir haben 60 Minuten lang unseren Fußball gespielt, danach aber nur noch lange Bälle", sagte der 59-Jährige: "Ich will keine langen Bälle, das ist nicht unser Spiel. United ist darin besser. Ich bin von unserer Leistung enttäuscht."

Mourinho nannte das Unentschieden "ein furchtbares Resultat" für United, wirkte aber relativ zufrieden. Sein Team hatte, wie von Sarri angedeutet, das blaue Kombinationsspiel unter Einsatz einer Sechserkette in der Abwehr meist ins Leere laufen lassen, mit der Zeit waren den entnervten Gastgebern Kontrolle und Übersicht abhandengekommen. Die Rot-Schwarzen ringelten sich wie die gleichfarbige Korallenotter zusammen und bissen dann sporadisch zu - drei Angriffe reichten für zwei Tore.

Rüdiger (Mitte) erzielte das Führungstor für Chelsea
FACUNDO ARRIZABALAGA/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Rüdiger (Mitte) erzielte das Führungstor für Chelsea

Diese unheimliche Effizienz war ganz nach dem Geschmack des großen Ergebnisfußballlehrers Mourinho, der in seiner dritten Saison im Old Trafford nicht mehr das vollumfängliche Vertrauen der Vereinsführung besitzt. Die Befugnisse des Portugiesen in der Kaderplanung wurden stark eingeschränkt, nicht zuletzt weil seine Giftschlangen-Taktik nach Spielern verlangt, die sich ohne Ball wohl fühlen, während United aus Gründen der Imagepflege lieber technisch versierte Stars kicken sehen würde.

Weder das Remis an der Themse noch die bisher stringenteste Vorführung der Saison ändern wesentliches an dem Grundkonflikt, der den umsatzstärksten Klub der Premier League lähmt.

Der deutsche Ex-Nationalspieler Robert Huth, der unter Mourinho mit Chelsea zweimal Meister wurde, glaubt, das Spiel in Englands Eliteliga hätte die ganz auf Fehlervermeidung ausgerichtete Konterstrategie des Trainers "möglicherweise überholt", da sie die methodischen Fortschritte in der Liga verkennt. Jürgen Klopps Liverpool und Pep Guardiolas Manchester City seien mit ihrem Pressing, ihrer Athletik und eingespielten Angriffsmustern stilbildend, erklärte der 34-Jähriger in der "Sunday Times".

Mourinho zeigte bei seiner Rückkehr in die Hauptstadt, dass er zwar nach wie vor wie kein Zweiter die Kunst der Zerstörung beherrscht. Doch das allein wird nicht reichen, um den Ambitionen der ehemaligen Hegemonialmacht gerecht zu werden. Nach neun Spielen steckt er mit ebensoviele Punkten Rückstand auf die gestalterisch-überlegenen Mannschaften von Guardiola und Klopp weiter im tabellarischen Nirgendwo fest.

FC Chelsea - Manchester United 2:2 (1:0)
1:0 Rüdiger (21.)
1:1 Martial (55.)
1:2 Martial (73.)
2:2 Barkley (90.+6)
FC Chelsea: Kepa - Azpilicueta, Rüdiger, David Luiz, Marcos Alonso - Kanté, Jorginho, Kovacic (69. Barkley) - Willian (79. Pedro), Morata (79. Giroud), E. Hazard
Manchester United: de Gea - Young, Smalling, Lindelöf, Shaw - Matic, Pogba - Rashford (85. Sánchez), Mata (75. Ander Herrera), Martial (84. Pereira) - R. Lukaku
Gelbe Karten: Rüdiger, Hazard / Young, Matic, Mata, Pereira, Sánchez
Schiedsrichter: Michael Dean
Zuschauer: 40.721



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Seite 1
sametime 21.10.2018
1. China?
Wenn ManU ihn demnächst entlässt, kann er ja nach China gehen. In Europa wird er wohl keinen Top-Club finden, der ihn nimmt.
forky 21.10.2018
2. Fcb?
Zitat von sametimeWenn ManU ihn demnächst entlässt, kann er ja nach China gehen. In Europa wird er wohl keinen Top-Club finden, der ihn nimmt.
Als Nachfolger von Kovac? Die Bayern wollen keinen schönen Fußball, sondern Ergebnisse.
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