Interimstrainer Ole Gunnar Solskjær Neue Leichtigkeit bei Manchester United

Ole Gunnar Solskjær hat als Interimstrainer bei Manchester United einen Start für die Geschichtsbücher geschafft. Kann der "Killer mit dem Babyface", wie Fans ihn nennen, den Verein aus dem Tief ziehen?

Ole Gunnar Solskjaer
AFP

Ole Gunnar Solskjaer

Von , Manchester


Es gehört zu den Spezialitäten von Ole Gunnar Solskjær, innerhalb kurzer Zeit Geschichte zu schreiben. In seiner aktiven Karriere wurde er zum torgefährlichsten Einwechselspieler, den Manchester United jemals hatte. Seinen berühmtesten Auftritt als Kurzarbeiter erlebte er im Finale der Champions League 1999 gegen den FC Bayern.

In der dritten Minute der Nachspielzeit streckte er sein rechtes Bein aus, erzielte den 2:1-Siegtreffer und brachte seinem Verein damit das historische Triple aus Meisterschaft, FA-Cup und dem Silberpokal mit den Riesenhenkeln für die beste Mannschaft Europas. Zwischen seiner Einwechslung und dem Treffer lagen zwölf Minuten.

In seiner neuen Tätigkeit als Interimstrainer des englischen Rekordmeisters benötigte der mittlerweile 45 Jahre alte Norweger zwei Wochen, um eine historische Marke zu erreichen: Er gewann in dieser Zeit alle fünf Spiele, vier in der Premier League und zuletzt die Partie im Pokal gegen den FC Reading. Damit zog er mit dem legendären Sir Matt Busby gleich, der im Jahr 1946 der erste und bislang einzige United-Trainer war, der die ersten fünf Begegnungen seiner Amtszeit siegreich gestaltete.

Endlich offensiv

Mit einem Erfolg bei Tottenham Hotspur an diesem Sonntag (17.30 Uhr; Stream: Dazn; Liveticker SPIEGEL ONLINE) könnte Solskjaer den alleinigen Startrekord aufstellen. Die Aussicht darauf lässt ihn nach eigenen Angaben kalt: "Das kümmert mich nicht. Nicht jetzt. Vielleicht schaue ich in 20 Jahren zurück und ziehe Bilanz", sagt er in seinem sehr speziellen Englisch. Es enthält neben einem skandinavischen Akzent auch den der Menschen in Manchester, der Mancunians. Elf Jahre stand er als Spieler bei United unter Vertrag. Das hat ihn geprägt, in jeder Hinsicht.

Die beeindruckende Erfolgsgeschichte - und sei sie momentan auch noch so kurz - mutet fast schon kitschig an: Der stets lächelnde Fan-Liebling Solskjaer wird dazu auserkoren, den Verein nach der Trennung von José Mourinho kurz vor Weihnachten wieder auf Kurs zu bringen - und dieses Unterfangen scheint auch noch zu funktionieren.

Solskjær hat mit einfachen Methoden Erfolg. Während sein Vorgänger dem Team eine defensive Außenseitertaktik verschrieb und Old Trafford zu einem Ort der fußballerischen Askese gemacht hatte, ordnet Solskjær seine Spieler deutlich höher auf dem Feld an und ermutigt sie, sich in der Offensive zu entfalten. Unter seiner Führung ist die Lust aufs Toreschießen wieder größer als die Vorsicht vor Gegentreffern.

Victor Lindelöf, Paul Pogba und Jesse Lingard (von links nach rechts)
Getty Images

Victor Lindelöf, Paul Pogba und Jesse Lingard (von links nach rechts)

Mourinho hatte vor allem gegen Ende seiner zweieinhalb Jahre dauernden Amtszeit ein zermürbendes Betriebsklima geschaffen und sich mit Teilen seiner Mannschaft überworfen, am krachendsten mit Frankreichs Weltmeister Paul Pogba.

Solskjær dagegen verbreitet gute Stimmung und setzt demonstrativ auf zuvor gescholtene Spieler. Pogba blüht unter dem neuen Mann auf mit vier Toren und drei Vorlagen. Auch andere Profis wie Marcus Rashford und Jesse Lingard wirken, als hätte man sie von unsichtbaren Fesseln erlöst.

Der Trainerwechsel hat die Spieler befreit, das sieht man auf dem Platz - und so sprechen sie auch. Sie preisen Solskjær für seine kommunikative Art, die neue Leichtigkeit und den offensiven Fußball, den er spielen lässt. Es wäre zwar auch verwunderlich, wenn Profis ihren neuen Trainer öffentlich kritisierten. Die gelobten Aspekte waren aber genau jene, an denen es unter Mourinho gehapert haben soll.

Mit Solskjær, dem "Killer mit dem Babyface" wie seine Fans ihn nennen, schlägt Manchester United die Brücke zwischen der goldenen Vergangenheit und der Gegenwart. Es weht auch wieder der Geist von Trainerikone Sir Alex Ferguson durch Old Trafford. Niemand hat Solskjær so sehr beeinflusst wie er, in seiner aktiven Karriere und darüber hinaus. "Ich habe meinen Stil als Trainer von ihm", sagt der Norweger über den "Boss", wie er Ferguson immer noch nennt. Der Ex-Chef steht Solskjær bei seiner aktuellen Mission mit Rat zur Seite. In der täglichen Arbeit unterstützt ihn Fergusons langjähriger Assistent Mike Phelan als Co-Trainer.

Solskjaer bleibt eine Übergangslösung

Trotz des bemerkenswerten Starts lässt sich noch nicht seriös beurteilen, wie gut Solskjær wirklich ist. Der Spielplan der Premier League war nachsichtig und bescherte ihm zum Einstand Partien gegen Cardiff City (5:1), Huddersfield Town (3:1), Bournemouth (4:1) und Newcastle United (2:0). Und seine bisherigen Trainerstationen in Molde und Cardiff weisen zumindest nicht darauf hin, dass er ein außergewöhnlich guter Trainer ist.

Das Treffen mit Tottenham ist die erste echte Prüfung für den Norweger. Und noch aus einem anderen Grund ist die Partie interessant: Tottenhams Mauricio Pochettino gilt als Uniteds Wunschkandidat für den Trainerposten zur neuen Saison.

Solskjær macht kein Geheimnis daraus, dass er gerne auch dauerhaft im Amt bleiben würde, doch das ist nicht vorgesehen. Die Klubspitze um Geschäftsführer Ed Woodward hat ihn ausdrücklich nur bis zum Ende der Spielzeit engagiert, um den Verein zu stabilisieren und die Stimmung zu heben.

Die Anforderungen an den Trainer für die Zukunft sind andere. Der neue Mann muss eine Mannschaft nach seinen Vorstellungen formen und ihr eine Identität geben, wie es Pep Guardiola bei Manchester City, Jürgen Klopp beim FC Liverpool und auch Pochettino bei Tottenham gelungen ist. Ob Solskjær dieses Profil erfüllt, ist fraglich. Fest steht aber auch, dass er mit seinem Start für die Geschichtsbücher Werbung in eigener Sache betrieben hat. Und es mit jedem Sieg weiter macht.



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.