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Torhüter-Debatte

Wie England den mitspielenden Torwart entdeckt

Irgendwann landen alle Trends des Profifußballs an der Basis. Ein Glück für Torhüter, die auch am Fuß mit dem Ball umgehen können, sagt Amateurkeeper Hendrik Buchheister.

REUTERS

Manchester Citys Ederson vs. Sadio Mané

Sonntag, 09.09.2018   10:16 Uhr

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Vor einem Jahr ereignete sich im Spiel zwischen Manchester City und Liverpool eine Karambolage mit Personenschaden. Nach einem langen Pass in den sogenannten freien Raum wollte Liverpools Angreifer Sadio Mané den Ball per Karatesprung unter Kontrolle bringen. Dabei übersah er den aus seinem Strafraum geeilten City-Torwart Ederson, der mit dem Kopf voraus in den Zweikampf ging. Kurz danach wurde Ederson mit mehreren Wunden im Gesicht vom Platz getragen.

Mané bekam die Rote Karte für seinen Einsatz, zum Unverständnis vieler Beobachter in England. Die älteren Männer, mit denen ich das Spiel in einer Kneipe in Manchester sah, vertraten die Auffassung, dass ein Torhüter so weit vor seinem eigentlichen Betätigungsfeld - dem Tor - nichts zu suchen habe. Ederson sei an dem Crash selbst schuld. Auch die Fernseh-Fachleute zeigten sich solidarisch mit Mané und bekundeten, dass sie von einem Stürmer erwarten würden, einem solchen Ball mit vollem Risiko hinterherzugehen. Auch für sie war Ederson das Problem.

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Mich haben diese Kommentare geärgert, und zwar aus zwei Gründen. Erstens, weil es Kommentare aus der fußballerischen Steinzeit waren. Spätestens seit Manuel Neuers Ausflügen im WM-Achtelfinale vor vier Jahren gegen Algerien sollte doch klar sein, dass von einem Torhüter heutzutage mehr verlangt wird, als nur auf der Torlinie zu kleben.

Und zweitens, weil Ederson für mich eine Art Kollege ist, ein sehr entfernter Seelenverwandter. Ich war selbst immer Torwart, früher bei meinem Dorfklub in Niedersachsen (größte Erfolge: Aufstieg in die Bezirksliga und ein gehaltener Elfmeter gegen die A-Jugend von Eintracht Braunschweig) und aktuell in einer Kleinfeld-Truppe in Manchester mit dem herrlichen Namen "Riquelme for a Dream". Der argentinische Ex-Fußballer Juan Román Riquelme, das Drogen-Drama "Requiem for a Dream". Sie verstehen?

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Mittlerweile, im Herbst 2018, hat auch England den mitspielenden Torwart entdeckt. City-Schlussmann Ederson ist eine Offenbarung, weil er als elfter Feldspieler fast wichtiger ist als in seiner Rolle als Ballfänger. Neben seinen Ausflügen aus dem Tor sind vor allem seine zielgenauen weiten Pässe zu erwähnen. Jordan Pickford überzeugte bei der WM mit modernem Torwart-Spiel. Und der FC Liverpool hat gerade mehr als 60 Millionen Euro für Alisson ausgegeben, weil er auch mit dem Ball am Fuß eine gute Figur macht - wenn man mal von seiner verunglückten Cruyff-Drehung im jüngsten Ligaspiel gegen Leicester absieht. Ein Opfer der neuen Zeit dürfte bald Arsenals Torhüter Petr Cech werden. Seine Versuche, den Ball mit dem Fuß zu spielen, sind eine Gefahr für das eigene Team. Neuverpflichtung Bernd Leno steht als Ablösung bereit.

Nun ist es ja so, dass die Trends aus dem Profifußball immer auch irgendwann die Basis erreichen - auch die unsinnigen. Als in den Neunzigern das Nasenpflaster in Mode war bei Ballkünstlern aus ganz Europa und bei Olaf Marschall, liefen auch bei uns in der Jugendliga einige Spieler mir Nasenpflaster auf. Ich selbst hatte nie eins. Dafür habe ich mir auch irgendwann bunte Fußballschuhe gekauft und die Stutzen über die Knie gezogen, wie die Profis im Fernsehen. Natürlich hatte ich keine Ahnung, was das bringen sollte.

AFP

Jordan Pickford kann auch gut mit dem Fuß spielen

Zum Glück kommen auch sinnvolle Neuerungen irgendwann ganz unten an. Und so entdeckt auch der englische Amateurfußball gerade den mitspielenden Torwart. In den ersten Monaten in meiner Freizeit-Mannschaft in Manchester schlugen meine Mitspieler den Ball lieber ins Aus oder dribbelten in die entlegensten Winkel des Spielfelds, anstatt zu mir zurückzuspielen. Mittlerweile nehmen sie meinen dezenten Hinweis ernst, dass ich ja auch noch da bin.

Neulich habe ich sogar einen Treffer vorbereitet. Nach meinem hohen Zuspiel vom eigenen Tor in den freien Raum musste unser Angreifer nur noch einschieben. Ich stellte mir vor, dass meine Vorlage ausgesehen haben muss wie die weiten Bälle von City-Torwart Ederson.

Ein ganz kleines bisschen zumindest.

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