Torhüter-Debatte Wie England den mitspielenden Torwart entdeckt

Irgendwann landen alle Trends des Profifußballs an der Basis. Ein Glück für Torhüter, die auch am Fuß mit dem Ball umgehen können, sagt Amateurkeeper Hendrik Buchheister.

Manchester Citys Ederson vs. Sadio Mané
REUTERS

Manchester Citys Ederson vs. Sadio Mané


Vor einem Jahr ereignete sich im Spiel zwischen Manchester City und Liverpool eine Karambolage mit Personenschaden. Nach einem langen Pass in den sogenannten freien Raum wollte Liverpools Angreifer Sadio Mané den Ball per Karatesprung unter Kontrolle bringen. Dabei übersah er den aus seinem Strafraum geeilten City-Torwart Ederson, der mit dem Kopf voraus in den Zweikampf ging. Kurz danach wurde Ederson mit mehreren Wunden im Gesicht vom Platz getragen.

Mané bekam die Rote Karte für seinen Einsatz, zum Unverständnis vieler Beobachter in England. Die älteren Männer, mit denen ich das Spiel in einer Kneipe in Manchester sah, vertraten die Auffassung, dass ein Torhüter so weit vor seinem eigentlichen Betätigungsfeld - dem Tor - nichts zu suchen habe. Ederson sei an dem Crash selbst schuld. Auch die Fernseh-Fachleute zeigten sich solidarisch mit Mané und bekundeten, dass sie von einem Stürmer erwarten würden, einem solchen Ball mit vollem Risiko hinterherzugehen. Auch für sie war Ederson das Problem.

Mich haben diese Kommentare geärgert, und zwar aus zwei Gründen. Erstens, weil es Kommentare aus der fußballerischen Steinzeit waren. Spätestens seit Manuel Neuers Ausflügen im WM-Achtelfinale vor vier Jahren gegen Algerien sollte doch klar sein, dass von einem Torhüter heutzutage mehr verlangt wird, als nur auf der Torlinie zu kleben.

Und zweitens, weil Ederson für mich eine Art Kollege ist, ein sehr entfernter Seelenverwandter. Ich war selbst immer Torwart, früher bei meinem Dorfklub in Niedersachsen (größte Erfolge: Aufstieg in die Bezirksliga und ein gehaltener Elfmeter gegen die A-Jugend von Eintracht Braunschweig) und aktuell in einer Kleinfeld-Truppe in Manchester mit dem herrlichen Namen "Riquelme for a Dream". Der argentinische Ex-Fußballer Juan Román Riquelme, das Drogen-Drama "Requiem for a Dream". Sie verstehen?

Autoren-Info
  • Verena Knemeyer
    Hendrik Buchheister, Jahrgang 1986, sah seine ersten Fußballspiele im alten Wolfsburger VfL-Stadion. Später - als Journalist - war er für den Fußballnorden zuständig. Nachdem es nicht gelang, den HSV in die zweite Liga zu schreiben, folgte der Wechsel nach England: Er berichtet seit August 2017 aus Manchester über britischen Fußball und hofft weiterhin auf eine Karriere als Torwart.

  • Alle Folgen der Kolumne "Life Goals"

Mittlerweile, im Herbst 2018, hat auch England den mitspielenden Torwart entdeckt. City-Schlussmann Ederson ist eine Offenbarung, weil er als elfter Feldspieler fast wichtiger ist als in seiner Rolle als Ballfänger. Neben seinen Ausflügen aus dem Tor sind vor allem seine zielgenauen weiten Pässe zu erwähnen. Jordan Pickford überzeugte bei der WM mit modernem Torwart-Spiel. Und der FC Liverpool hat gerade mehr als 60 Millionen Euro für Alisson ausgegeben, weil er auch mit dem Ball am Fuß eine gute Figur macht - wenn man mal von seiner verunglückten Cruyff-Drehung im jüngsten Ligaspiel gegen Leicester absieht. Ein Opfer der neuen Zeit dürfte bald Arsenals Torhüter Petr Cech werden. Seine Versuche, den Ball mit dem Fuß zu spielen, sind eine Gefahr für das eigene Team. Neuverpflichtung Bernd Leno steht als Ablösung bereit.

Nun ist es ja so, dass die Trends aus dem Profifußball immer auch irgendwann die Basis erreichen - auch die unsinnigen. Als in den Neunzigern das Nasenpflaster in Mode war bei Ballkünstlern aus ganz Europa und bei Olaf Marschall, liefen auch bei uns in der Jugendliga einige Spieler mir Nasenpflaster auf. Ich selbst hatte nie eins. Dafür habe ich mir auch irgendwann bunte Fußballschuhe gekauft und die Stutzen über die Knie gezogen, wie die Profis im Fernsehen. Natürlich hatte ich keine Ahnung, was das bringen sollte.

Jordan Pickford kann auch gut mit dem Fuß spielen
AFP

Jordan Pickford kann auch gut mit dem Fuß spielen

Zum Glück kommen auch sinnvolle Neuerungen irgendwann ganz unten an. Und so entdeckt auch der englische Amateurfußball gerade den mitspielenden Torwart. In den ersten Monaten in meiner Freizeit-Mannschaft in Manchester schlugen meine Mitspieler den Ball lieber ins Aus oder dribbelten in die entlegensten Winkel des Spielfelds, anstatt zu mir zurückzuspielen. Mittlerweile nehmen sie meinen dezenten Hinweis ernst, dass ich ja auch noch da bin.

Neulich habe ich sogar einen Treffer vorbereitet. Nach meinem hohen Zuspiel vom eigenen Tor in den freien Raum musste unser Angreifer nur noch einschieben. Ich stellte mir vor, dass meine Vorlage ausgesehen haben muss wie die weiten Bälle von City-Torwart Ederson.

Ein ganz kleines bisschen zumindest.

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
halverhahn 09.09.2018
1. Szene Mane vs Ederson völlig unbrauchbar für die These!
Werter SPON-Redakteur, die von Ihnen angesprochene Szene ist völlig unbrauchbar für Ihre These, dass Keeper nun vermehrter den „letzten Mann“ spielen, also quasi den „letzten Mann“ in der eigenen Abwehr spielen. In der besagten Szene gibt es einen langen Ball aus der eigenen Hälfte von Liverpool. Dieser Pass überrascht die gesamte Abwehr von Manchester City, der Keeper Ederson steht zu diesem Zeitpunkt im eigenen Strafraum irgendwo um den Elfmeterpunkt. Wo Keeper zu so einem Zeitpunkt fast alle „so rumstehen“. Und dann kommt der lange Pass, Mane als schneller Spieler versucht ihn zu erreichen und Ederson macht, was von ihm verlangt wird: Seine Abwehr hat komplett geschlafen und er kommt aus dem Strafraum raus, um den Ball noch vor Mane zu erreichen. Das Foul passiert auch kurz vor dem Strafraum, etwa 20-21m vor dem Strafraum. Man kann ja auf den Videos auch noch direkt den Teilkreis vom Strafraum, wenige Centimeter vom Foul-„Tatort“ sehen. Also bis dahin geht/läuft mindestens jeder guter Keeper bei so einem langen Ball, wenn die eigene Abwehr zuvor geschlafen hat!! Von der Kreisklasse bis zum Profi!! Und noch was: Mane sieht den Ederson zuvor 100-prozentig. Schließlich läuft Mane mit dem Gesicht zum gegnerischen Tor, hat somit den Ball im Auge und kann Ederson sehen, der ihm entgegen sprintet und der versucht, vor ihm den Ball zu bekommen. Letztlich war es ein Foul, hohes Bein und somit gefährliches Spiel. Rote Karte als Konsequenz, weil billigend ne Verletzung des Keepers in Kauf genommen. Und fertig! Passiert allenthalben!
halverhahn 09.09.2018
2. Und noch zum hiesigen Hauptthema
Alle Profi-Torhüter in der 1. und 2. Liga eines europäischen Landes spielen jeden Amateur-Kicker aus der Kreisklasse bis meinethalben hoch zur Landesliga/Verbandsliga in einer Telefonzelle noch schwindelig. Also diese Keeper sind fußballerisch schon allesamt top. Von daher können die auch technisch mit dem Ball umgehen und hauen eh nicht jeden Ball in brenzligen Situationen nur auf die Tribune hoch. Dass nun einige Teams versuchen, den eigenen Keeper noch stärker ins Aufbauspiel miteinzubeziehen, ist auch gar nicht so neu. Manuel Neuer und Co. machen das schon seit Jahren. Dickes Problem bei Ihrer Euphorie ist jedoch, dass wenn der Keeper als allerletzter Mann den Ball vertändelt oder nen schlechten Pass spielt, das Tor dann für den Gegner quasi komplett offen steht. Und dann geht der Schuss ganz schnell nach hinten los. Wortwörtlich! Und als letztes: dass ein Torhüter nen langen Ball nach vorne schlägt, und dieser Pass dann ne direkte Tor-Vorlage für den eigenen Stürmer ist, gibt es auch immer wieder... :-)
meresi 09.09.2018
3. Risiko
Nun gut, Mane ist schnell...sein Focus war auf den Ball gerichtet. Der Torwart muß für sich selbst entscheiden wieviel Risiko er nehmen will. Alles oder nichts...außerhalb des Strafraums hat meiner Ansicht nach der Feldspieler das Vorrecht in so einer Situation da muß der Torwart halt zurückstecken oder halt volles Risiko gehen. Wenn ich als Torwart dann sehe dass der Fuß des Stürmers Richtung Ball geht und ich glaub ich muß da noch mit meinem Kopf hin...na dann...
hone8888 09.09.2018
4. Mitspielende Torhüter gibt es schon länger in England
Vor mehr als 10 Jahren hat das Jens Lehmann, damals bei Arsenal, auf der Insel eingeführt.
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