Problemfall Tjikuzu Einzelgänger im Irrgarten Bundesliga

Der Boulevard hat nur böse Worte für ihn, sein Ruf ist schwer ramponiert. Razundara Tjikuzu hat Schlagzeilen gemacht, durch Trunkenheitsfahrten und geschwänzte Trainingseinheiten. Doch der vermeintliche Bad Boy der Bundesliga ist vor allem eins: ein unglücklicher Mann auf der Suche nach Heimat. Von Ronny Blaschke


Profi Tjikuzu: Heimweh nicht abschütteln können
DDP

Profi Tjikuzu: Heimweh nicht abschütteln können

Am Anfang ist es nichts als Neugier. Was ist das für ein Typ, der sich selbst im Weg steht? Begnadet Fußball spielt und seine Gegner auf einer Pizzaschachtel umkreisen könnte. Der bei einem großen Verein spielen könnte, aber nie den Sprung schaffte, weil ihn die Schlagzeilen in die Öffentlichkeit zerrten, und die rasanten Dribblings ihren Wert verloren. Der hin und wieder das Training versäumte. Unter Alkohol ein Auto steuerte, nach einem Unfall Fahrerflucht beging. Und den die "Bild"-Zeitung zum größten Skandal-Profi der Bundesliga degradierte. Was ist das für ein Typ, dieser Razundara Tjikuzu, 25, aufgewachsen in Namibia, Südwestafrika?

Die Antwort liegt nicht auf dem Boulevard und sie liegt auch nicht in den Worten Tjikuzus. Sie verbirgt sich in der Lebensgeschichte eines naiven Mannes, der nicht wusste, wie er das Glück zu greifen hatte. Und sie wird schlüssig durch die Stimmen seiner Begleiter, Trainer und Förderer. "Ich stecke in einer Schublade. Das Urteil, das sich viele über mich erlauben, ist falsch. Viele interessiert die Wahrheit gar nicht", sagt Tjikuzu, ganz leise, nicht in der Tonlage eines Draufgängers.

Zehn Jahre ist es her, dass er in Deutschland eintraf, genauer gesagt in Bremen. Mit einem kleinen Koffer und ein paar Mark in der Tasche. Er stand allein auf dem Nachwuchsgelände des SV Werder, es waren Sommerferien, kein Geräusch war zu hören. Ein Jahr lang sollte Tjikuzu im Club-Internat trainieren, so lautete das Angebot der Bremer an Namibias Fußballverband. Die Brücke ins reiche Europa, das war eine Chance, doch mit dem Eintritt in die fremde Welt begann die Zeit der Einschränkungen.

Nachts versteckte er sich und telefonierte

Tjikuzu, aufgewachsen als Halbwaise, war damals 15 Jahre alt. Er spielte gut, von der ersten Minute an. Aber abseits des Platzes war von der Leichtigkeit wenig zu spüren. Er vermisste seine Mutter, seine sieben Geschwister und seine Freunde. Er hatte in Namibia nie in einem Verein gespielt, nur auf der Straße. Er kannte kein anderes Kollektiv als die Familie, er sträubte sich, anderen Menschen zu vertrauen. In Bremen muss er sich gefühlt haben wie ein Dreikäsehoch im ungeliebten Ferienlager - ohne bekannte Gesichter.

Nachts versteckte er sich, telefonierte nach Afrika, stundenlang. Von den Kosten hätte er sich einen Gebrauchtwagen kaufen können. Auch heute, nach einem Jahrzehnt, verbringt er jeden Urlaub in seiner Heimat, wenigstens für ein paar Tage. Zehn Stunden fliegt er dann hin, zehn Stunden zurück. Gelegentlich kehrte er zu spät nach Deutschland heim. Weil er sein Handy vergessen hatte, die Mutter krank geworden war oder das Flugzeug nicht starten konnte - angeblich.

Tjikuzu hatte zuvor nie Deutsch gesprochen, trotzdem schloss er nach wenigen Monaten in Bremen die Hauptschule ab. Als er nach einem Jahr mit Wolf Werner, dem Jugendkoordinator der Bremer, nach Namibia reiste, um die Ablösemodalitäten zu klären, zog es Tjikuzu wieder zur Familie. Ohne den Betreuer. Er wollte keine Fremden an seine Familie heranlassen, an sein Heiligtum. "Raschi war Einzelgänger. Er hat selten von seiner Vergangenheit erzählt", sagt Werner. Vier Jahre lebte Tjikuzu im Internat des SV Werder, auf dem Rasen leistete er sich kaum Schwächen, fernab der Seitenlinien blieb er auffällig unauffällig.

11 Freunde@SPIEGEL ONLINE
11 FREUNDE
Magazin für Fußball-Kultur
August 2005

Das sollte sich ändern, mit dem Sprung in die Eigenständigkeit. So unwirklich Tjikuzu mit 15 sein neues Deutschland empfand, so unwirklich kam ihm das Leben später im Profiteam vor. Nach kurzer Zeit bei den Werder-Amateuren debütierte er mit 19 in der Bundesliga. Der Erfolg gehorchte und das Konto füllte sich, es war wie in einem Videospiel. Tjikuzu war plötzlich begehrt.

Er klammerte sich an Spieler wie Claudio Pizarro oder Ailton. Orientierte sich an ihrem Lebensstil. Obwohl er noch lange nicht in ihre Gehaltsklassen vorgedrungen war. Wie ein schauriges Gewitter brach der Alltag über ihn herein. Er hatte sich stets in der Gemeinschaft versteckt, anfangs in der Familie, später im Internat. Nun musste er sein Leben allein gestalten. In einer eigenen Wohnung, mit eigener Küche. Damit kam er nicht zurecht.

"Niemand sagte mir: 'geh schlafen, mach den Fernseher aus.' Nein, alles musste ich selbst erledigen." Er hatte sich selten etwas sagen lassen, er hatte jede Kontrolle stets in Frage gestellt, die nicht von seiner Mutter ausging, inzwischen vermisste er sie. Gegen die Grätschen von robusten Abwehrspielern wusste er sich zu helfen, aber diese Verantwortung war zu viel, sie drückte wie ein Rucksack voller Ziegelsteine.

Es begann eine Zeit, auf die er gern verzichtet hätte. Die Liebe zum Leichtsinn brachte ihm viel Ärger ein, hohe Geldstrafen, viele Schlagzeilen mit großen Buchstaben und noch größeren Fotos. Der Adrenalinkick Bundesliga vernebelte ihm die Sinne. Als kleiner Straßenfußballer hatte er Europa aufgesucht und nun verirrte er sich im Wandel der Zeit. Ein Dutzend Mal soll er angetrunken beim Training erschienen sein, manchmal kam er verspätet, manchmal gar nicht. Einmal musste sein Arbeitgeber eine Vermisstenmeldung aufgeben.

Ex-Trainer Schaaf: Beide Augen zugedrückt
DDP

Ex-Trainer Schaaf: Beide Augen zugedrückt

Immer wieder drückte Thomas Schaaf, sein Trainer in der Jugend, bei den Amateuren, und später bei den Profis, beide Augen zu. Bis es zu spät war. "Es tat mir leid um Raschi", sagt Schaaf mittlerweile: "Er ist ein netter Kerl. Aber diese Unterbrechungen konnten wir nicht mehr dulden." Tjikuzu wurde ein Vereinswechsel nahe gelegt, nach acht Jahren in Bremen. Er war traurig, aber inzwischen kann er die Entscheidung verstehen. "Thomas Schaaf musste das machen. Er wollte mich nicht gehen lassen, aber ihm blieb nichts anderes übrig." Diese Einsicht hatte Tjikuzu nicht immer.

Keine Kompromisse in Rostock

In Rostock begann 2003 alles von neuem, 330 Kilometer östlich, beim FC Hansa. Alles war wie gehabt. Tjikuzu zählte zu den Stützen des Teams, das Spielfeld war für ihn wie eine Oase. In seiner ersten Saison bestritt er alle Spiele. Doch auch hier konnte er das Leben neben dem Ball nicht ausblenden. Die Akklimatisierung, die ihm in Bremen so schwer gefallen war, fiel ihm in Rostock nicht leichter. Wieder war da eine künstliche Familie, in die er hinein wachsen musste. Er vermisste seine Tochter, die er in Bremen zurücklassen musste, er vermisste seine Freunde und die alte Umgebung. Wieder stolperte er ins Unheil. Er rammte mit seinem Auto ein anderes und beging Fahrerflucht, mit 2,14 Promille im Blut. Trotzdem durfte er weiter spielen, in beispielhafter Form.

Der Hamburger SV sicherte sich seine Dienste, doch zu dem Wechsel sollte es erst nicht mehr kommen. Anfang dieses Jahres versäumte Tjikuzu das Training in Rostock - nach einer durchzechten Nacht. Die Zeit der Kompromisse war vorüber, der FC Hansa sprach die Kündigung aus. Auch der HSV wollte ihn dann nicht mehr. Tjikuzu zog vor ein Arbeitsgericht und gab ein geschmackloses Interview in "Sport-Bild". Er sagt, dass er die Entlassung noch immer nicht nachvollziehen kann. Sein Trainer in Rostock, Jörg Berger, sieht das anders: "Ich habe mich um ihn mehr gekümmert als um andere Spieler, weil er sehr sensibel ist. Aber irgendwann muss die Zeit der Jugendsünden vorbei sein." Thomas Schaaf hatte in Bremen die gleichen Gedanken formuliert, mit anderen Worten.

Was wird Norbert Meier sagen, der Trainer des MSV Duisburg? Tjikuzu geht in dieser Saison wieder zurück auf Anfang, zum dritten Mal in Deutschland und zum dritten Mal mit einem mulmigen Gefühl. Tjikuzu sagt, dass er den Leichtsinn aus seinem Leben verbannt hat. "Ich wurde monatelang als alkoholabhängiger Chaot dargestellt. Es war sehr schwer, das auszuhalten. Ich möchte allen beweisen, was ich kann. Das ist meine große Herausforderung." Er sagt das schüchtern, fast flüsternd, aber diese Sätze gibt er nicht zum ersten Mal von sich.

Doch Tjikuzu ist reifer geworden. Er will künftig mit einem Sportpsychologen arbeiten, der seine Gedanken auf das Wesentliche lenken soll. Der ihn auffängt, wenn der Erfolg ausbleibt. Diese Unterstützung ist ihm wichtig. Es fiel ihm nie leicht, Entscheidungen zu treffen, niemand hatte ihm das beigebracht.

"Er hat das Zeug bei einem großen Club zu spielen"

Was ist das nun für ein Typ, dieser Razundara Tjikuzu? Ein Luftikus? Ein Ignorant? Weder noch. Tjikuzu ist ein Paradebeispiel dafür, dass Spieler unter 18 Jahren nicht per Knopfdruck die Kontinente wechseln können. Und dass kein Trainer und kein Verein ihnen über Nacht eine fremde Mentalität überstülpen dürfen. Das hat nicht nur Tjikuzu gezeigt. "Die Vereine müssen sich darüber klar sein, dass Spieler von anderen Kontinenten andere Vorstellungen haben. Sie definieren Zeit und Disziplin anders als wir", erzählt Sportpsychologe Werner Mickler, Lehrbeauftragter an der Sporthochschule Köln. "Darauf müssen die Clubs in ihrer Betreuung reagieren." Natürlich legitimiert die Herkunft keine Exzesse und keine Entgleisungen. Aber sie wirft die Wahrheit in ein anderes Licht.

Tjikuzu hat in Duisburg eine Chance erhalten, die er vielleicht gar nicht verdient hat. Weil tausende Fußballer auf dieses Geschenk warten; Fußballer, die talentiert sind, und wissen, was Disziplin bedeutet. 117 Bundesliga-Spiele hat Tjikuzu mittlerweile bestritten, es sollen mehr werden, viel mehr. "Wenn er seine Probleme in den Griff bekommt, hat er das Zeug, bei einem großen Verein zu spielen", glaubt Christoph Leutrum, sein Berater. Wieder müsste sich der ewige Beginner durch eine fremde Umgebung kämpfen. Doch Tjikuzu hat längst gelernt, dass sein Alltag in den Anfängen liegt.



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.