Hamburg - Auch wenn es vor allem eine erschreckende Gesamtschau bisheriger Ermittlungen ist - die europäische Polizeibehörde Europol spricht vom größten Wettskandal der Fußballgeschichte: Bis zu 700 Spiele sollen manipuliert worden sein, unter ihnen auch WM- und EM-Qualifikationspartien. Als zentralen Steuerpunkt nehmen die Fahnder einen mit internationalem Haftbefehl gesuchten Wettpaten in Asien an.
Ist auch die Bundesliga von den mafiösen Machenschaften betroffen? Udo Steiner, ehemaliger Richter des Verfassungsgerichts und Experte in der Bekämpfung von Wettbetrug im Sport, spricht bei SPIEGEL ONLINE über die Gefahren für den deutschen Fußball.
SPIEGEL ONLINE: Herr Steiner, müssen wir befürchten, dass auch Spiele der ersten und zweiten Bundesliga manipuliert worden sind?
Steiner: Nein. Das schließe ich eigentlich aus. Die Gehälter der Profis sind viel zu hoch, da wird keiner schwach. Für die Manipulatoren lohnt es sich gleichzeitig nicht, weil sie zu viel Geld in die Hand nehmen müssten.
SPIEGEL ONLINE: Einige der betroffenen Partien sollen nicht von Spielern, sondern von Schiedsrichtern manipuliert worden sein.
Steiner: Ich bin trotzdem optimistisch, was den deutschen Profifußball angeht. Der spektakuläre Skandal um Robert Hoyzer hat ihn saniert. Alle haben mitbekommen, dass daran menschliche Existenzen zugrunde gingen. Beim Amateurbereich bin ich mir allerdings nicht so sicher. Man kann nicht ausschließen, dass da jemand der Versuchung erliegt.
SPIEGEL ONLINE: Der Weltverband Fifa verfügt eigentlich über ein "Early warning system", das Wettbewegungen auf der gesamten Welt verfolgt. Es hat diesmal offenbar versagt.
Steiner: Wir haben bislang noch keine seriöse Beweislage, weder die Ermittler des Warnsystems, noch die Fifa haben sich zu dem Fall geäußert. Es wurden keine Daten offengelegt. Es ist möglich, dass Europol einige der Informationen sogar von den Ermittlern in Zürich hatte. Zudem stehen viele der Partien nur unter dem Verdacht der Manipulation, konkrete Beweise gibt es noch nicht. Aber wir wissen schon seit Jahren, dass der europäische Fußball vor allem von mafiösen Wettstrukturen in Asien bedroht wird.
SPIEGEL ONLINE: Warum gerade Asien?
Steiner: Die legalen Anbieter in Deutschland lassen nur Wetten auf Halbzeit- oder Endstände zu. Es gibt aber immer mehr junge Wettbegeisterte, die auf Ereignisse wie Ecken oder Elfmeter setzen wollen. Die betätigen sich deshalb auf dem illegalen Wettmark im Internet - und der wird wiederum von Asien aus gesteuert. Das bekommen wir von hier aus kaum in den Griff.
Das Interview führte Sara Peschke
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