Protest gegen Chirac "Wie kann ein Mensch solch eine Zerstörung anrichten?"

EM-Quali 1995: Weil Frankreich die Atombombe zündet, entrollt die Schweizer Nationalmannschaft während der Hymne ein Plakat mit dem Slogan "Stop Chirac". Im Magazin "11Freunde" erinnert sich Alain Sutter an die spontane Aktion, die einigen Ärger nach sich zog.

Ehemaliger Bayern-Profi Sutter: Kein anderes Thema als die Atombombe
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Ehemaliger Bayern-Profi Sutter: Kein anderes Thema als die Atombombe


Ich war nie ein politischer Mensch, auch wenn mir das viele Menschen noch heute nachsagen. Das muss wohl an den langen Haaren liegen. Aber ich habe immer dem vertraut, was ich für richtig hielt. Und für falsch. Am 5. September 1995 war das eben die Atombombe, die Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac auf dem Mururoa-Atoll zünden ließ. Wie kann sich ein Mensch das Recht herausnehmen und eine solche Zerstörung anrichten?

Wir waren damals mit der Schweiz in Göteborg zum wichtigen Qualifikationsspiel für die Europameisterschaft in England gegen Schweden unterwegs. Am 5. September ging die Bombe hoch, einen Tag später erfuhren wir Spieler das aus der Zeitung am Frühstückstisch. So ein Thema berührt eigentlich jeden, und ja, auch Fußballer.

Ich kenne die typischen Vorurteile gegenüber Fußballprofis, aber in meiner gesamten Karriere habe ich nicht einen Spieler getroffen, der so weltfremd war, dass er sich nicht Gedanken über die großen Themen auf diesem Planeten gemacht hat. Am 6. September 1995 gab es für uns eigentlich kein anderes Thema als die Atombombe. Jeder hat sich gefragt: Warum?

Laken mit der Aufschrift "Stop Chirac"

Irgendwann wurde die Idee laut, doch irgendetwas als Mannschaft zu unternehmen. Irgendein Zeichen zu setzen. Aber ein paar Stunden später auf dem Trainingsplatz war für uns Spieler das Thema eigentlich erledigt. Jemand aus dem schweizerischen Betreuerstab muss in der Zwischenzeit allerdings ein Leinentuch und Spraydosen organisiert haben, denn als wir kurz vor dem Anpfiff in die Kabine kamen, lag da dieses Laken mit der Aufschrift "Stop Chirac".

Ich habe das Teil schließlich mit aufs Feld genommen, und als die ersten Töne unserer Nationalhymne erklangen, habe ich mit den Kollegen das Laken entrollt. Das war absolut spontan und eine gemeinsame Aktion, alleine hätte ich das nie im Leben gemacht. Später hat man uns immer Naivität vorgeworfen, aber wir waren uns damals durchaus der öffentlichen Wirkung bewusst. Es ging vielmehr darum, unsere Haltung zu zeigen, als darum, irgendeinen Effekt zu erzielen.

Kaum war die Hymne vorbei, habe ich das "Stop Chirac"-Banner hinter die Seitenlinie geworfen. Wo das gute Stück geblieben ist? Keine Ahnung. Wahrscheinlich ist es einfach in der Mülltonne gelandet. Im Stadion selbst hat keiner groß auf unsere Aktion reagiert, dafür war die Stimmung vor diesem wichtigen Spiel auch viel zu angespannt. Außerdem standen wir bei den Nationalhymnen mit dem Rücken zur Gegentribüne.

Uefa hat ein Verbot erlassen, um politische Kundgebungen zu verhindern

Gegen die Schweden haben wir schließlich 0:0 gespielt, der Punkt hat später gereicht, um mit nach England zu fahren. Allerdings ohne mich, unser Trainer Artur Jorge wollte mich 1996 nicht mit dabeihaben. In den Medien wurde spekuliert, dass die Nicht-Nominierung persönliche Gründe hatte, Jorge mir wegen der Plakataktion noch eins auswischen wollte.

Tatsächlich wusste er nichts vom "Stop Chirac"-Laken, bis wir es vor seinen Augen auspackten. Gefallen hat es ihm wohl nicht. Aber kein Trainer der Welt nimmt einen Spieler nicht mit zu einer Europameisterschaft, wenn er ihn noch für sportlich wertvoll erachtet.

Mein Trainer bei Bayern München, Otto Rehhagel, schien auch nicht wirklich begeistert. Als ich wieder beim Training war, hat er mir nur gesagt: "Das wundert mich nicht, dass so etwas in einer Mannschaft passiert, wo du mitspielst."

Die Uefa hat später ein Verbot erlassen, um politische Kundgebungen auf dem Fußballplatz zu verhindern. Das finde ich in Ordnung, man sollte den Fußball nicht für die Politik missbrauchen. Aber spontane Aktionen gehören für mich noch immer zum Leben dazu. Es belebt den Alltag ungemein.

Protokoll: Alex Raack



insgesamt 3 Beiträge
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Oskar ist der Beste 22.09.2010
1. na und
da Fussball als Teil des oeffentlichen Lebens "politisch" ist, sind politische Kundgebungen durchaus legitim und zwar ohne Einschraenkung. Wer mit der Aufschrift auf einem Laken Mio Menschen erreichen kann und das nicht nutzt, der ist ja selber schuld. Und wer jetzt einwendet, man koenne dann ja auch "auslaender raus" in aehnlicher Form postulieren (was wahrscheinlich sogar nicht einmal weniger populaer waere, siehe Sarazin), dem halte ich entgegen, dass jemand, der mit seiner politischen Haltung in die Oeffentlichkeit geht, auch mit dem Feedback leben muss. Beim 1. FC St. Pauli jedenfalls waere die letztgenannte Botschaft bestimmt eine echter Bringer :)
problematix 22.09.2010
2. hmmm
---Zitat--- Aber kein Trainer der Welt nimmt einen Spieler nicht mit zu einer Europameisterschaft, wenn er ihn noch für sportlich wertvoll erachtet. ---Zitatende--- .. Joachim Löw? Vieleicht ist eher "sportlich unersetzbar" gemeint.
Websingularität 22.09.2010
3. So ist es halt
Zitat von sysopEM-Quali 1995: Weil Frankreich die Atombombe zündet, entrollt die Schweizer Nationalmannschaft während der Hymne ein Plakat mit dem Slogan "Stop Chirac". Im Magazin "11Freunde" erinnert sich Alain Sutter an die spontane Aktion, die einigen Ärger nach sich zog. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,715178,00.html
Falscher Beruf? Wenn dieser Spieler Präsident der USA gewesen wäre, hätte er für dieses Engagement vermutlich den Friedensnobelpreis bekommen. Aber er ist nunmal Sportler. Es gibt Menschen welche legitimiert sind, sich politisch zu äußern, auch wenn's die größten Deppen sind. Und dann gibt es Menschen, welche was wichtiges zu sagen haben, es aber nicht dürfen.
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