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Protest gegen St.-Pauli-Geisterspiel: "Mit 20.000 Mann auf den Bunker!"

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Über 24.000 Fans werden bestraft, weil ein Anhänger sich nicht im Griff hatte: So sehen es die St.-Pauli-Fans und laufen Sturm gegen das vom DFB verhängte Geisterspiel. In Internetforen planen sie Proteste, die von Mailingaktionen bis zu einer Bunkerbesetzung reichen.

Ehemaliger Flakschutzturm am Hamburger Millerntor: Alternative zum Public Viewing? Zur Großansicht
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Ehemaliger Flakschutzturm am Hamburger Millerntor: Alternative zum Public Viewing?

Hamburg - Stell dir vor, es ist Fußball, und keiner darf hin. So wird es am 23. April am Hamburger Millerntor sein. An diesem Tag trifft der FC St. Pauli im Bundesliga-Heimspiel auf Werder Bremen - live erleben werden dies nur wenige im Stadion. Denn das DFB-Sportgericht hat den FC St. Pauli dazu verdonnert, dieses Spiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden zu lassen - als Strafe für einen Bierbecherwurf auf den Linienrichter beim Heimspiel gegen Schalke.

Fans wird man beim Spiel gegen Bremen also vergeblich suchen. Die neu gebauten Tribünen und die teuren Logen bleiben weitestgehend leer, der Club muss den Karteninhabern den Eintrittspreis erstatten. Lediglich Spieler und Trainer der Clubs sowie Betreuer und andere Vereinsoffizielle haben Zutritt zum Stadion. Natürlich ist auch das Schiedsrichtergespann mit von der Partie. Hinzu kommen noch ausgewählte Medienvertreter, Angehörige des Sicherheits- und Sanitätsdienstes, der Stadionsprecher und Techniker.

Ein kleines bisschen Hoffnung besteht allerdings noch. Am Freitagnachmittag hat der FC St. Pauli Einspruch gegen das Urteil eingelegt und damit eine mündliche Anhörung in der kommenden Woche erwirkt. Die Mehrheit der Fans geht allerdings nicht davon aus, dass der DFB seine Meinung noch mal ändern könnte.

"Sippenhaft, Skandalurteil, Mafiamethoden" - die Anhänger im inoffiziellen Internetforum sind sich weitestgehend einig und mächtig sauer. Doch neben wüsten Pöbeleien gen DFB-Sportgericht gibt es auch zahlreiche Aufrufe, das Beste aus dem Geisterspiel zu machen.

"Hat das Riesenrad eine Notbremse?"

"Mit 20.000 Mann auf den Bunker" lautet ein Aufruf. Mit dem "Bunker" ist ein Flakschutzturm aus dem Zweiten Weltkrieg gemeint, der neben dem Stadion auf dem Heiligengeistfeld steht. Auf dem Gebäude finden regelmäßig Konzerte statt, bei den Heimspielen sind vereinzelt Schwarzgucker auf dem Dach zu sehen, von wo aus man in ein Teil des Stadions blicken kann. 20.000 Menschen werden hier allerdings keinen Platz finden.

Andere Vorschläge sind da schon ernster gemeint. So wird beispielsweise dazu aufgerufen, den DFB mit Beschwerdemails zu überziehen. Andere fordern, am Spieltag die Zufahrtswege zu blockieren, damit auch wirklich niemand ins Stadion kommt - inklusive Spieler und Schiedsrichter versteht sich. Ein anderer Vorschlag ist der Support von außen: "Wenn sich die Supportwilligen hinter die löchrige Gegengerade stellen und alles geben, wird's im Stadion eh lauter als sonst aus der Richtung", frotzelt einer der Forumsbesucher.

Eine solche Aktion dürfte bei der Hamburger Polizei eher nicht so gut ankommen. Denn an dem Tag läuft direkt neben dem Stadion der Hamburger Dom. Das größte Volksfest im Norden lockt traditionell an den Wochenenden die meisten Besucher an, Chaos wäre programmiert. Besonders am Riesenrad, von dem aus der Blick ins Stadioninnere möglich ist, drohen lange Schlangen: "Hat das Riesenrad eine Notbremse?", fragte einer der User im St.-Pauli-Forum.

Public Viewing mit Inkasso-Henry

Doch ausgerechnet die Polizei könnte den Fans auf andere Weise helfen. Sollten sie große Sicherheitsbedenken anmelden, könnte der Verein eine DFL-Ausnahmegenehmigung für ein Public Viewing auf dem nahe gelegenen Spielbudenplatz auf der Reeperbahn bekommen. Der wäre an diesem Tag sogar noch frei - von einer Führung von Inkasso-Henry einmal abgesehen. "Obwohl eine solche Veranstaltung weitere Kosten für den Verein bedeuten würde, denken wir derzeit über eine solche Lösung nach", sagte St. Paulis Sicherheitsbeauftragter Sven Brux.

Die Fans fordern von ihrem Verein, alle möglichen Rechtsmittel bis hin zum DFB-Bundesgericht als letzte Instanz auszuschöpfen. Unterstützung erhalten sie sogar vom Gegner. "Das ist ein Urteil, das ich als sehr schwierig empfinde. Es sind Fans betroffen, die dafür nicht verantwortlich sind", erklärte Thomas Hafke, hauptamtlicher Mitarbeiter beim Bremer Fan-Projekt. "Fußball ist, was im Stadion passiert. Die Fans trifft das hart", so Hafke. "Wir fahren trotzdem hin", sagte ein Bremer Anhänger.

Auch der Bund der Kriminalbeamten (BDK) kritisierte das Urteil: "Gewalt ist durch nichts zu rechtfertigen, aber deswegen darf man nicht einen ganzen Verein und die Fans von zwei Mannschaften in Geiselhaft nehmen. Hier soll ein Exempel statuiert werden. Gleichzeitig wird massiv in den Abstiegskampf eingegriffen", sagte der Hamburger BDK-Landesvorsitzende André Schulz. "Ich habe für diese Überreaktion keinerlei Verständnis. Und ich bin als HSV-Fan bei dieser Aussage absolut unverdächtig", so Schulz im "Hamburger Abendblatt".

Seine Begründung: "Der Täter wird jetzt für seine Tat zur Rechenschaft gezogen, und ihm droht nun außer dem strafrechtlichen Verfahren auch ein zivilrechtliches mit einer hohen Schadensersatzforderung." Der Verein will sich den entstandenen Verlust von etwa 500.000 Euro von dem 42-jährigen Familienvater zurückholen und ihm Stadionverbot erteilen. Für den Becherwerfer könnte es das teuerste Bier seines Lebens gewesen sein.

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insgesamt 174 Beiträge
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1. hoffentlich fällt denen auch was nettes ein
_unwissender 08.04.2011
ich freue mich, wenn die Fans den hohen Herren (im Jargon eines früheren Kanzlers Sesselpupser genannt) beim DFB ein bisschen ein flottes Lüftchen um die Nase weht. Das können sie ja nur machen, weil es gegen St.Pauli geht. Glück auf, für Euch Fans!
2. Richtig so!
bananamarv 08.04.2011
Richtig so! Alle zu bestrafen, nur weil ein einziger(!) Vollidiot Mist gebaut hat, ist absoluter Unfug. Ich frage mich, mit welcher Begründung so etwas geht.
3. Sozialkontrolle
spon-tan100 08.04.2011
Zitat von sysopÜber 24.000 Fans werden bestraft, weil ein Anhänger sich nicht im Griff hatte:*So sehen es die*St. Pauli-Fans und*laufen Sturm gegen das vom DFB verhängte Geisterspiel. In Internetforen planen sie Proteste, die von Mailingaktionen bis zu einer*Bunkerbesetzung reichen. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,755876,00.html
Wenn ein sonst braver Familienernährer sich strafbar macht, dann leidet im Falle einer merklichen Verurteilung auch die ganze Familie darunter. Fans müssen begreifen, dass sie zur Sozialkontrolle innerhalb ihrer Anhängerschaft aufgerufen sind. Das hat nichts mit Selbstjustiz zu tun.
4. Was soll die Aufregung?
BeKos 08.04.2011
Das das die klare und eindeutige Bestrafung bei Bierbecherwurf ist weiss man doch nun schon seit dem Zusammenbruch von Wolfgang Wolf auf dem Tivoli. Es hätte also gar keine andere Entscheidung geben dürfen. In Aachen hat auch nur einer geworfen. So ist das nunmal im Fussball. Es werden immer alle Fans für das Verhalten einiger weniger dummer Menschen bestraft. Ich verstehe nicht warum man gerade bei St. Pauli da ne Ausnahme machen sollte.
5. Die Kosten für Polizeieinsätze zu Fußballspielen...
heinz.mann 08.04.2011
sollten den Clubs zu Lasten gelegt werden. Werden die Karten teuerer, dann werden die Damen und Herren vielleicht anfangen sich endlich mal zu benehmen und auch ein bißchen auseinander zu achten, dass Hooligans und andere Krawallmacher keine Chance bekommen.
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