Manipulation im Fußball: Fahnder verzweifeln an Wettmafia

Aus Bochum berichtet

Wettbetrüger Sapina: Staatsanwalt fordert Haftstrafe Zur Großansicht
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Wettbetrüger Sapina: Staatsanwalt fordert Haftstrafe

Wettmanipulation gilt als eine der schlimmsten Bedrohungen des Sports. Doch die Justiz wirkt von den weltweit vernetzten Banden überfordert. In Bochum geht nun ein Prozess zu Ende, der zeigt, wie zermürbend und ineffektiv der Kampf gegen Wettbetrug sein kann.

Andreas Bachmanns Kopf ist dunkelrot. Auf einmal bricht es aus dem Bochumer Staatsanwalt heraus, der mittlerweile eine weltweite Koryphäe auf dem Gebiet des Wettbetrugs ist: "Schluss. Das ist doch reine Stimmungsmache gegen die Staatsanwaltschaft." Der Angeklagte lächelt: Milan Sapina.

Dieser Moment während der Plädoyer-Verkündung im Fall Milan Sapina in der vergangenen Woche gibt die Stimmung wieder, die in deutschen und etlichen anderen europäischen Wettbetrugsprozessen vorherrscht: die eines Katz-und-Maus-Spiels.

Bachmann ist ein Staatsanwalt, der seit vier Jahren kaum etwas anderes macht, als gegen Spielmanipulateure zu prozessieren. Insgesamt 42 Jahre Freiheitsstrafe hat er für 14 Tatbeteiligte erwirkt. In Bochum ist nicht nur Bachmann auf dieses Ergebnis stolz. Auch die Polizisten des Sondereinsatzkommandos "Flankengott", das im Frühjahr 2009 die Ermittlungen zum größten europäischen Wettskandal anführte, wertet es als Erfolg.

Über 100.000 Aktenseiten haben die Ermittler mittlerweile zusammengetragen, ihre Arbeit hat auch in Italien, Ungarn, Österreich, der Schweiz, Finnland und Kroatien zu großflächigen Untersuchungen geführt. Das kleine Bochum erlangte dabei nicht nur Ruhm durch hartnäckige Ermittlungen, sondern auch durch eine juristische Raffinesse, die Staatsanwalt Bachmann sehr viel Applaus einbrachte: Er prozessierte nicht gegen jeden Matchfixer einzeln, sondern betrachtete die Verhafteten als kriminelle Vereinigung. Dadurch konnte gebündelt gegen die Spieledreher vorgegangen werden, die Einzeltaten bekamen erstmals eine globale Bedeutung. Mittlerweile wird dieser Kniff von anderen Ländern kopiert, vornehmlich in Italien und Kroatien.

Globale Syndikate in Singapur

Dies ist die eine Seite, die hoffnungsvolle Seite des Kampfs gegen Spielmanipulationen.

Die andere zeigt sich in Singapur. Dort vermuten hochrangige Wettermittler mehrere Syndikate, die Matchfixing als globale Geldwäscheanlage benutzen. Von dort aus soll das große Rad gedreht werden, über extrem verästelte Scheinfirmen und unzählige Zwischenhändler, so dass die Spuren des Bestechungsgeldes und der Wetteinsätze verblassen. Wettbetrug ist zum Multimilliardengeschäft geworden, doch die juristische Suche nach den Köpfen der Banden gleicht dem Stochern im Nebel. Etliche der einflussreichsten Matchfixer sind noch nicht einmal verhört worden.

Dagegen scheinen die Freiheitsstrafen der in Bochum Verurteilten, darunter auch der Berliner Zockerkönig Ante Sapina, ziemlich nichtig. Zumal sie fast ausschließlich gegen Personen verhängt wurden, deren Einfluss auf den globalen Wettbetrug von einem Interpol-Ermittler im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE als "ohne jegliche Bedeutung" bewertet wird.

"Alle unsere Verfahren sind totale Akribie. Wir schichten hier Steinchen auf Steinchen. Das bindet sehr viel Zeit", sagt Bachmann SPIEGEL ONLINE. In den vergangenen Jahren äußerte er immer wieder den Wunsch, dass sich etwas in der deutschen, bestenfalls sogar in der europäischen Rechtssprechung ändern müsste, bis heute gibt es keinen gesonderten Sportbetrugsparagrafen. "Besonders eine juristische Lücke ist groß: Es müsste klar geregelt werden, dass selbst das Ansprechen von Spielern sowie ihr Annehmen von Geld, das ihnen Dritte zustecken, sie haftbar macht. Ähnlich, wie es bei der Beamtenbestechung ist", sagt Bachmann.

Bachmann plädiert auf eineinhalb Jahre Haft für Milan Sapina

Der Fall Milan Sapina zeigt dem Staatsanwalt dagegen deutlich auf, wie sehr ein Verfahren abdriften kann, wenn es keine juristischen Begrenzungen gibt: Der Berliner, der 2005 im Skandal um die Bestechung des Schiedsrichters Robert Hoyzer bereits zu einem Jahr und vier Monaten auf Bewährung verurteilt worden war, hält sich für unschuldig und plädiert auf Freispruch.

Bachmann dagegen unterstellt Milan, seinem Bruder Ante 5000 Euro für ein manipuliertes Spiel zur Verfügung gestellt sowie selbst zweimal von manipulierten Spielen Kenntnis gehabt und auf diese gewettet zu haben. Es geht dabei um eine Gesamtsumme von weniger als 15.000 Euro. Im Verhältnis dazu stehen eine Untersuchungshaft Sapinas von sechseinhalb Monaten sowie insgesamt kostspielige 32 Verhandlungstage am Bochumer Landgericht.

In dem wirren Prozess ging es vor allem um die Grundsatzfrage, wo Wettbetrug wirklich beginnt. Die Sapina-Seite konnte viele der Vorwürfe entkräften, die Bochumer Beweisführung wirkte zum Ende des Verfahrens immer dünner. "Wenn mein Mandant die Wettmafia ist, dann mache ich mir um den Fußball und die Bundesliga keine Sorgen", sagte Sapinas Anwalt Martin Nitschmann in seinem Plädoyer.

Bachmann plädierte trotzdem auf eine Gesamtstrafe von eineinhalb Jahren. Am kommenden Montag soll das Urteil gesprochen werden. Sollte Sapina keinen Freispruch erhalten, "gehe ich ganz bestimmt in die Revision", so Nitschmann.

Ein ausführliches Portrait des weltweit am meisten gesuchten Matchfixers sowie zahlreiche Hintergründe zum größten Wettskandal der europäischen Fußballgeschichte finden Sie in der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL

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insgesamt 15 Beiträge
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1. Das
forumgehts? 15.03.2013
Zitat von sysopDPAWettmanipulation gilt als eine der schlimmsten Bedrohungen des Sports. Doch die Justiz wirkt von den weltweit vernetzten Banden überfordert. In Bochum geht nun ein Prozess zu Ende, der zeigt, wie zermürbend und ineffektiv der Kampf gegen Wettbetrug sein kann. http://www.spiegel.de/sport/fussball/prozess-in-bochum-schleppender-kampf-gegen-wettbetrug-a-888901.html
kommt davon, wenn man solche Events als Sport betrachtet und ernst nimmt. Bei Organisationen, in denen Namen wie "Blatter Sepp" oä auftauchen, kommt es auf die Wettmafia doch nun wirklich nicht mehr an. Wetten sollte in D frei erlaubt sein, und die Wettenden zahlen 500 % Steuer auf den Wettbetrag, bei Steuerbetrug Mindeststrafe 20 Jahre, dann wollen wir einmal sehen....
2. Falscher Ansatz
TheBear 15.03.2013
Zitat von sysopDPAWettmanipulation gilt als eine der schlimmsten Bedrohungen des Sports. Doch die Justiz wirkt von den weltweit vernetzten Banden überfordert. In Bochum geht nun ein Prozess zu Ende, der zeigt, wie zermürbend und ineffektiv der Kampf gegen Wettbetrug sein kann. http://www.spiegel.de/sport/fussball/prozess-in-bochum-schleppender-kampf-gegen-wettbetrug-a-888901.html
Es scheint mir ein falscher Ansatz zu sein Leute wie z.B. Wettbetrüger (oder Steuerhinterzieher usw.) ins Gefängnis bringen zu wollen. Ins Gefängnis gehören Menschen, die anderen Schaden durch Gewaltanwendung zufügen. Betrügern kann man am besten mit Geldstrafen beikommen, denn die machen das ja um Geld zu verdienen. Allerdings dürfen die Geldstrafen nicht lächerlich sein, Lachen ist nämlich nicht für alle gesund.
3. Erstaunliche Justiz
kalzifer 15.03.2013
Es ist schon sehr erstaunlich, dass in einem Land wie Deutschland beinahe alles bis ins Kleinste reglementiert, verordnet oder verboten ist. Trinkt man in manchen Städten abends ein Bier unter freiem Himmel, so wird das sofort bestraft. Hupt man einmal zuviel oder mäht den Rasen ausserhalb der dafür vorgesehenen Zeiten, dann setzt es eine Strafe. Bandenmässig organisierte Motorradclubs, radikale Hetzorganisationen, religiöse Eiferer oder kriminelle Wettbanden können dagegen anscheinend tun und lassen was sie wollen. Irgendwo klemmt es da doch gewaltig in der deutschen Justiz.
4. Einfach...
Airkraft 15.03.2013
Einfach nicht (mehr) wetten, weil ist statistisch gesehen ohnehin nur eine sehr spezielle Art von "Geldvernichtung". Der angenehme Nebeneffekt ist, dass damit der "Wettmafia" die Geschäftsgrundlage entzogen ist!
5. liebe redaktion
drachenschmied 15.03.2013
eigentlich wollte ich meinen beitrag noch nicht beenden, sondern nur die zeile wechseln. nicht so hektisch. ..... also schon damals habe ich behauptet, das diese betrügereinen nicht beendet sind; bis dato. grüsse
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Wettskandal: Fußball-Betrug im großen Stil

Europol
  • AP
    Europol (Europäisches Polizeiamt) ist eine europäische Polizeibehörde mit Sitz im niederländischen Den Haag. Sie soll die Arbeit der nationalen Polizeibehörden Europas bei grenzüberschreitender organisierter Kriminalität (OK) koordinieren und den Informationsaustausch zwischen den nationalen Polizeibehörden fördern.
  • Europol geht es vor allem um eine verbesserte Zusammenarbeit der zuständigen Behörden der Mitgliedstaaten bei der Verhütung und Bekämpfung von Terrorismus, illegalem Drogenhandel und sonstigen schwerwiegenden Formen der internationalen Kriminalität. Seit 2002 ist Europol befugt, sich an gemeinsamen Ermittlungsgruppen der Mitgliedstaaten zu beteiligen, und kann einzelne Mitgliedstaaten auffordern, Ermittlungen aufzunehmen.
Europol nahm seine Aktivitäten im vollen Umfang am 1. Juli 1999 auf, seit 1. Januar 2010 ist sie offiziell eine Agentur der Europäischen Union (EU). Direktor ist seit Mai 2009 der Brite Rob Wainwright. Finanziert wird die Behörde durch die Mitgliedstaaten. Das jährliche Budget beträgt rund 90 Millionen Euro. (sid)