Gewalt gegen Fußballfans Polizisten vor Gericht

Wenn Polizisten und Fußballfans aneinandergeraten, landen die Fälle selten vor Gericht, noch seltener werden Beamte schuldig gesprochen. In Leipzig könnte das nun anders laufen.

Von Edgar Lopez


Vor mehr als zwei Jahren, im September 2013, gerieten am Rande eines Sechstligaspiels in der Nähe von Leipzig Marco H. und einige Freunde mit Swen G. und Sascha S. aneinander. Fußballfans die einen, Polizisten die anderen. Die Fans klagten danach über "überzogene körperlicher Gewalt" der Beamten. Der Fall landete vor Gericht.

Es ist kein alltägliches Verfahren, obwohl die Richterin gleich zu Beginn dieses ersten Verhandlungstags das Gegenteil beteuert. Die Angeklagten sind Mitglieder einer Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit (BFE) aus Leipzig; diese Spezialkräfte werden vor allem bei Fußballspielen und politischen Großlagen eingesetzt.

Der Besucherandrang ist groß. Zugang erhalten nur diejenigen, die sich ausweisen können und vorher Jacken sowie Taschen kontrollieren lassen. Telefone müssen draußen bleiben. Der Verhandlungssaal ist fast vollständig besetzt.

Das Gericht ist auf Zwischenfälle vorbereitet

Auch auf den Fluren des Gerichtsgebäudes und in den umliegenden Straßen ist die Polizeipräsenz erhöht. Das Gericht hat Vorkehrungen getroffen, um auf Zwischenfälle oder Konfrontationen unter den Besuchern reagieren zu können. Tatsächlich ist der Saal aufgeteilt. Auf der einen Seite die Kollegen der Angeklagten, die die beiden in ihrer Freizeit unterstützen wollen. Auf der anderen Seite die Fans von Chemie Leipzig.

Rückblick: Das Bezirksligaspiel, bei dem es 2013 zu dem Vorfall kommt, verläuft zunächst ruhig. 500 Leipziger begleiten ihr Team zum Auswärtsspiel beim VfB Zwenkau. Laut Behörden begehen jedoch vor dem Anpfiff einige Chemie-Fans Ladendiebstähle in einem örtlichen Supermarkt, zudem sollen Angestellte des Markts bedroht worden sein. Die Polizei wertet den Vorfall als Landfriedensbruch.

Das Gelände um den Sportplatz in Zwenkau ist weiträumig und unübersichtlich. Zusätzliche Polizeieinheiten werden mobilisiert, darunter die BFE aus Leipzig. Die Beamten sollen die Personalien der vermeintlichen Täter ermitteln. Doch schnell sind die 75 eingesetzten Polizisten überfordert. Es kommt zu Auseinandersetzungen mit den Fans. Schlagstöcke und Pfefferspray werden eingesetzt.

BSG Chemie Leipzig
Von dem Vorfall existieren Videoaufnahmen, die zeigen, wie Polizisten mit überzogener körperlicher Gewalt gegen Marco H. vorgehen, der ihren Einsatz mit seinem Handy aufnimmt. Anscheinend unbeteiligt gehen sie an ihm vorbei, ehe einer der beiden H. unvermittelt zu Boden reißt. Sein Kollege drückt dem liegenden H. sein Knie in den Rücken.

Es dauert fast zweieinhalb Jahre und braucht zwei parlamentarische Anfragen der Landtagsabgeordneten Kerstin Köditz (Die Linke), bis das Verfahren beginnt.

2014 wurden in Sachsen gegen 182 Polizisten Verfahren wegen des Verdachts auf Körperverletzung im Amt eingeleitet. In keinem Fall wurde noch im selben Jahr von einem Gericht die Schuld festgestellt und eine Strafe verhängt. Offizielle Zahlen für 2015 sind noch nicht veröffentlicht worden.

Im Rahmen der Kampagne "Mehr Verantwortung bei der Polizei" befasst sich Amnesty International bereits seit einigen Jahren mit dem Thema Polizeigewalt in dem Bundesland. "Uns ist schon aufgefallen, dass wir häufiger Berichte über die sächsische Polizei erhalten, als über die in Thüringen oder Brandenburg", sagt Sprecher Alexander Bosch.

Schmerzensschreie will der Angeklagte überhört haben

Die Verteidigung der Angeklagten stellt die Handlungen aus der Videosequenz in den Kontext der vorangegangenen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Fans. Zum Prozessauftakt an diesem Donnerstag gibt Swen G. eine Erklärung ab. Sein Vorgehen "habe lediglich der Identitätsfeststellung von Marco H. gedient". Dieser sei vor der Aktion bereits mehrfach aufgefallen, habe gepöbelt und einen vollen Bierbecher auf seine Kollegen geworfen, so der Angeklagte. Er habe unvermittelt agieren müssen, weil er nicht die körperlichen Voraussetzungen für eine längere Verfolgung gehabt hätte.

Mit eindeutiger Absicht sei Marco H. ihm dabei auch entgegengesprungen. Ebenso will der Polizist weder gesehen haben, dass Marco H. gefilmt hat, noch dessen Schmerzensschreie während der anschließenden Fixierung gehört haben. Sascha S. wollte sich zu den Vorwürfen nicht äußern.

Einschließlich Marco H. sind sechs Zeugen geladen. Fünf von ihnen sind Polizisten. Darunter auch Swen G.s Zwillingsbruder Ronny, der an dem Tag ebenfalls für die BFE im Einsatz war. Sie sind alle von der Verteidigung geladen und sollen den Tages- und Einsatzablauf des 28. September 2013 aus ihrer Sicht schildern.

Für kommenden Donnerstag ist ein weiterer Verhandlungstag angesetzt.

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