Psychologie für Fußballfans Wie die Österreicher das Verlieren lernen

Austria in Angst: Vor der Europameisterschaft im eigenen Land fürchtet sich Österreich vor einem sportlichen Desaster. Henriette Wursag bietet in Wien einen Kurs an, in dem Fans lernen, mit Niederlagen umzugehen. SPIEGEL ONLINE sprach mit der Wiener Psychologin.


SPIEGEL ONLINE: Frau Wursag, glauben Sie nicht an Ihr Nationalteam?

Wursag: Wieso?

SPIEGEL ONLINE: Weil Sie in einem Kurs an der Volkshochschule Wien einen Kurs anbieten, in dem Sie den richtigen Umgang mit Niederlagen lehren.

Wursag: Naja, ich glaube natürlich schon an unsere Nationalmannschaft, aber uns Österreichern ist auch klar, dass wir nicht ins Endspiel kommen werden. Am Anfang werden wir natürlich voll hinter dem Team stehen und hoffen, dass sie ihr Bestes geben. Sie sollen spielen, so gut sie können, es ist ja auch eine sehr jungen Mannschaft im Aufbau.

Österreichische Fans: Keine persönliche Katastrophe
DPA

Österreichische Fans: Keine persönliche Katastrophe

SPIEGEL ONLINE: Das klingt nicht sehr optimistisch. Was raten sie denn Ihren Landsleuten, wenn das Nationalteam schon in der Vorrunde mit einem 0:6 gegen das deutsche Team fertig werden muss?

Wursag: Man muss sehen, dass man das Spiel als Spiel betrachtet, so wie es das Wort eben auch beschreibt. Gut ist es dann immer noch nicht, aber es ist für mich persönlich keine Katastrophe mehr. Ich muss in mich hineinhören und herausfinden, was ist mein eigener Frust, den ich aus dem Beruf oder der Familie ins Stadion mitbringe. Und was ist eine ganz normale Enttäuschung über den Spielverlauf. Also, berührt es mich so, weil es mir persönlich schlecht geht. Dann habe ich schlechte Karten und muss an mir selber arbeiten ...

SPIEGEL ONLINE: … und Vorbeugemaßnahmen ergreifen?

Wursag: Ja. Ich muss mir klarmachen, warum ich überhaupt auf den Sportplatz gehe. Und wenn es mir nicht so gut geht, muss ich es im Vorfeld schaffen, dass ich den persönlichen Frust zu Hause lasse und mich nicht persönlich angegriffen fühle, wenn mein Team verliert. Dann habe ich selbst nicht total verloren und muss auch nicht ausrasten. Wenn das im Vorfeld klar ist, kann eigentlich nichts passieren.

SPIEGEL ONLINE: Ist man dann nicht abgestumpft und kann Siege gar nicht mehr ausleben?

Wursag: Doch, man muss es sogar. Denn Siege, die ja auch Inhalt meines Seminars sind, sind wichtig, um das Erfolgsgefühl in den Alltag mitzunehmen. Wenn es dann wieder zu Niederlagen kommt, kann ich mir das Gefühl des Sieges wieder aufrufen und kann mich bei einem persönlichen Tief wieder in eine Hochstimmung versetzen.

SPIEGEL ONLINE: Leider gab es in der Vergangenheit für Österreich nicht viel zu feiern.

Wursag: Ja, man muss dann sehen, dass Fußball einfach ein schönes Spiel ist. Ich denke, dass die Österreicher, wenn die Mannschaft früh ausscheidet, sich mit anderen Nationen identifizieren und sich mit anderen Teams freuen. Denn ein schönes Tor bleibt doch ein schönes Tor. Egal welche Mannschaft es erzielt.

SPIEGEL ONLINE: Propagieren Sie also die Abkehr von zu viel Leidenschaft im Fußball?

Wursag: Eine gewisse Leidenschaft ist schon gut. Das Gruppengefühl, unter Gleichgesinnten zu sein, hilft bei Freude und Ärger. Es muss aber alles mit Maß und Ziel vonstatten gehen. Wenn die Milch im Topf köchelt, ist gut. Wenn sie aber überschäumt, dann ist es zu viel.

SPIEGEL ONLINE: Könnte Ihr Kurs auch einen Beitrag gegen Gewalt in Fußballstadien sein?

Wursag: Da müssten die Richtigen, die schlimmen Jungs, die Stunk machen wollen, in das Seminar kommen. Das tun sie aber leider nicht. So müssen wir hoffen, dass es so friedlich zugeht, wie es in Deutschland 2006 geklappt hat.

SPIEGEL ONLINE: Wäre Ihr Kurs auch für österreichische Spieler förderlich?

Wursag: Ja, bestimmt. Einerseits, um mit dem Druck, als Gastgeber eine Europameisterschaft spielen zu müssen, besser fertig zu werden. Aber natürlich auch mit dem drohenden Misserfolg.

Das Interview führte Frieder Pfeiffer



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