SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

01. August 2010, 15:23 Uhr

Radiobericht

Nordkoreas Herrscher knöpfen sich WM-Team vor

Kritikorgie im Arbeiter-Kulturpalast: In einer sechsstündigen Sitzung soll Nordkoreas Fußballteam für seine Schlappe bei der Fußball-WM zurechtgestutzt worden sein. Das berichtet ein Radiosender - am härtesten habe es den Trainer getroffen.

Seoul - Nach dem ernüchternden Auftritt bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika ist Nordkoreas Team laut einem US-Radiosender offiziell getadelt worden. Die Mannschaft von Trainer Kim Jung Hun habe sich nach der Rückkehr in die Heimat einer sechsstündigen Kritiksitzung mit 400 Teilnehmern unterziehen müssen, darunter Sportminister Park Myoung Chul, berichtete Radio Free Asia. Kim selbst könnte sich wegen "Verrats" an dem stalinistisch regierten Land in großer Gefahr befinden. Der Sender berief sich auf einen chinesischen Geschäftsmann, der Verbindung zu Regierungsvertretern in Nordkorea haben soll.

Die nicht öffentliche Sitzung in Form einer "großen Debatte" fand dem Bericht zufolge bereits am 2. Juli im Arbeiter-Kulturpalast in der Hauptstadt Pjöngjang statt. Mit Ausnahme der beiden in Japan geborenen Akteure Jung Tae Se (VfL Bochum) und An Yong Hak sei das Team "ideologischer Kritik" durch andere Sportler und einen Sportkommentator ausgesetzt gewesen.

Ri Dong-kyo, Reporter des staatlichen TV-Senders Central TV, soll laut südkoreanischen Medienberichten reihum die Schwächen jedes einzelnen Spielers aufgezählt haben. Die Spieler hätten dann den Trainer kritisieren müssen. Unklar sei, ob und wie die Spieler bestraft wurden. Es gebe jedoch Gerüchte, Kim sei von der herrschenden Arbeiterpartei ausgeschlossen oder zur Baustellenarbeit gezwungen worden. Die Angaben seien allerdings schwer überprüfbar.

Nordkorea war nach einem defensivstarken ersten Auftritt bei der WM gegen Brasilien (1:2) im Duell mit Portugal 0:7 untergegangen und hatte auch das letzte Gruppenspiel gegen die Elfenbeinküste (0:3) verloren. Das Spiel gegen Portugal war im nordkoreanischen Fernsehen live übertragen worden - ein Novum in dem von der Außenwelt abgeschotteten Staat. Gerüchten zufolge soll einer der Gründe für die hohe Niederlage gewesen sein, dass Staatschef Kim Jong Il den Trainer darauf gedrängt hatte, offensiver zu spielen. Nordkorea war in diesem Jahr erstmals seit 1966 wieder bei einer Fußball-Weltmeisterschaft dabei.

sto/dpa

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung