Angreifer Diericke Der Fußball-Profi aus dem Knast

Er wählte Schutzgelderpresser in sein Team und reiste aus dem Gefängnis zu den Punktspielen: Der Angreifer Ralf von Diericke, der wegen eines Raubüberfalls auf seinen Club im Knast saß, kämpfte sich zurück ins Leben. Das Magazin "11Freunde" erklärt, wie er fast beim FC Schalke gelandet wäre.

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Knast-Kicker Diericke: Unter Vertrag beim VfL Osnabrück
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Knast-Kicker Diericke: Unter Vertrag beim VfL Osnabrück


Dies ist der zweite Teil des Porträts. Lesen Sie im ersten Teil: Wie Angreifer Ralf von Diericke seinen eigenen Club überfiel.

Fünf Monate blieb Ralf von Diericke in Untersuchungshaft, ehe ihm vor dem Landgericht Wuppertal der Prozess gemacht wurde. Das Urteil: sechs Jahre Freiheitsstrafe wegen schweren Raubes. Ein Jahr lang verkroch sich Ralf von Diericke in seiner Zelle und nahm 23 Kilo zu.

Doch irgendwann stand der "Baron" wieder auf einem Fußballplatz, diesmal umgeben von hohen Mauern. Natürlich war er der beste Kicker auf dem Hof der Vollzugsanstalt. Bald schon rissen sich die Größen der Unterwelt um einen Platz an seiner Seite.

Hussein K., ein Schutzgelderpresser, nahm ihn unter seine Fittiche. Den prominentesten Wuppertaler Gefangenen, einen berüchtigten Zuhälter, lernte Diericke bei der Platzwahl kennen. "Er sagte: 'Wenn du mich immer als Ersten wählst, kriegst du im Knast von mir alles, was du dir wünscht.'" Der "Baron" musste nicht zweimal überlegen. Mit ihrem Superstar an der Spitze verlor die Gefangenenauswahl kein Spiel.

Als Diericke dem Bezirksligisten Grün-Weiß Blombach in einem Freundschaftsspiel drei Tore einschenkte, sagte deren Trainer Rüdiger Kaul zu den Wärtern: "Den nehmen wir gleich mit. Ihr bekommt unseren Stürmer!" Ein kleiner Scherz, aber in Kaul reifte ein Plan.

Remscheid wagt spektakuläre Verpflichtung

Um den Charakter des Häftlings einzuschätzen, schickte ihn die Gefängnisleitung Anfang des Jahres 1987 in die Auswahlanstalt Duisburg-Hamborn. Fünf Wochen blieb er dort und musste sich psychologischen Tests unterziehen. Eine "erhebliche kriminelle Energie" konnte man nicht feststellen. Von Diericke wurde in den offenen Vollzug der JVA Remscheid verlegt.

Blombachs Trainer Kaul, inzwischen Co-Trainer von Oberligist VfB Remscheid, hatte sich dafür stark gemacht. Nicht ganz ohne Hintergedanken. Denn kurz darauf saß der inhaftierte Fußballer im Auto seines neuen Förderers und war auf dem Weg zum Training der Remscheider. Vor dem ersten Treffen mit den neuen Mitspielern zitterten ihm die Knie. Wie würde man ihm begegnen?

"Finde ich dufte, dass du hier bist", sagte sein neuer Kapitän. In den letzten vier Spielen der Oberligasaison 1986/1987 schoss der Neue vier Tore. Fernsehsender besuchten ihn in der JVA, Zeitungen berichteten über Remscheids spektakuläre Verpflichtung.

Schwierig waren die Derbys gegen seinen alten Club Wuppertal. Fans und Verantwortliche des WSV hatten den Überfall auf die Geschäftsstelle, für den von Diericke ins den Knast gewandert war, nicht vergessen. Beim Auswärtsspiel ignorierte der Stadionsprecher seinen Namen. Der "Baron" entschied das Spiel mit einem späten Elfmetertor und musste unter Polizeischutz in die Kabine gebracht werden. In vielen Wuppertaler Restaurants und Kneipen wurde er nicht bedient, zweimal schlugen ihn WSV-Fans auf offener Straße zusammen.

Hochzeit mit Weinbrand

Nach dieser Spielzeit wechselte er zu Zweitligist Union Solingen und wurde der erste Profi, der aus dem Gefängnis zu den Spielen seines Clubs anreiste. Zu sechs Jahren Haft hatte ihn der Richter 1985 verurteilt. Doch schon im Herbst 1988 wurde er vorzeitig freigelassen. Im offenen Vollzug hatte Diericke eine Frau kennengelernt und geheiratet. Iris wartete in einem Golf GTI vor dem Gefängnis auf ihren Gatten. Mit Weinbrand stieß das Paar, das sich schon bald darauf wieder trennte, auf die Freiheit an.

Für Solingen lief der gelernte Stürmer in der Saison 1988/1989 27-mal auf - als Manndecker. Die Umschulung tat ihm gut, auch wenn sein Verein, finanziell und sportlich überfordert, am Ende der Spielzeit abstieg. Schalkes Trainer Peter Neururer zeigte sich interessiert an dem inzwischen 27-Jährigen. Im Heimspiel gegen Schalke am 30. Spieltag wollte sich Ralf von Diericke Neururer in Bestform präsentieren. Doch drei Spieltage vor dem großen Schaulaufen ließ er sich zu einer Tätlichkeit provozieren und saß gegen Schalke nur auf der Tribüne. Er vergab so seine letzte Chance, bei einem großen Club Fuß zu fassen.

2001 ließ er sich zum Versicherungsfachmann umschulen und eröffnete ein eigenes Büro in Kleve. Doch erst kürzlich teilte ihm sein Arbeitgeber mit, das man sein Büro schließen werde. Von Diericke, längst in einer neuen Beziehung und Vater von zwei Stieftöchtern, bewarb sich bei einem anderen Konzern. Als die Verträge bereits unterschriftsreif vorlagen, entdeckte man seinen Wikipedia-Eintrag - und sagte ihm ab.

So eine Lebenslage kann Menschen wütend machen, traurig oder verzweifelt. Manche lassen sich sogar zu Verzweiflungstaten hinreißen. Ralf von Diericke lässt solche Gedanken nicht an sich ran. Der "Baron" weiß ja, wo das alles endet.

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insgesamt 3 Beiträge
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to5824bo 12.06.2013
1. Fußball und Resozialisierung
Ein prima Artikel und spannend geschrieben, Kompliment! Und ein gutes Beispiel für einen wirklich resozialisierenden Strafvollzug, denn Herr von Diericke hat es ja auch nach seiner Spielerkarriere geschafft, keine weiteren Straftaten zu begehen. Ich wünsche ihm das Allerbeste! Der Umgang der Justiz mit Herrn von Diericke könnte ein Vorbild für deUmgang mit Breno sein, der laut einem gestrigen Bericht der "Bildzeitung" in Kürze in eines der wenigen Freigängerhäuser in Bayern verlegt werden soll und laut seines Anwalts gute Chancen haben soll, mit einem Halbstrafengesuch erfolgreich zu sein (wie offenbar damals auch Herr von Diericke). Es war auch die Rede davon, dass Breno für den Rest seiner Haft evtl. einen Job beim FC Bayern erhalten könne (im Fanshop oder als Zeugwart) und ganz vielleicht sogar mit trainieren und sich so fit halten könne. Ein Einsatz als Spieler wäre zwar nicht möglich, auch nicht in der 2. Mannschaft, weil er inzwischen wieder dem FC Sao Paulo angehört, aber immerhin. So die "Bildzeitung". Ich fände das großartig für den Jungen, wenn seine Karriere auf diese Weise noch einmal weitergehen könnte und übrigens auch eine großartige Geste von Seiten des FC Bayern.
gagazar 12.06.2013
2. häh?
man konnte bei ihm keine "erhebliche kriminelle Energie" feststellen? Obwohl er sich 2001 zum Versicherungsfachmann umschulen lässt. Na da muss der Psychologe wohl nen gebrauchten Tag erwischt haben
trucbac 13.06.2013
3.
Wunderbar unpathetisch geschriebene und gut recherchierte Fussballergeschichte. Danke und mehr davon!
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