Fanrandale bei 1860-Abstieg "Wir hatten Angst"

Die schweren Fankrawalle von München sorgen bundesweit für Entsetzen. Einzig eine Abmachung von Regensburgs Torwart mit dem Schiedsrichter verhinderte einen Spielabbruch. In der 1860-Führung herrscht Chaos.

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Von Florian Kinast, München


Torwart Philipp Pentke lachte wieder, eine knappe Stunde nach Abpfiff. Man spürte seine Freude über den Aufstieg mit Jahn Regensburg in die zweite Liga. Man spürte aber vor allem seine Erleichterung, diesen Abend gesund und unverletzt überstanden zu haben. Denn in den letzten Minuten des Spiels flogen ihm unentwegt Sitzschalen um die Ohren, die Löwen-Fans bewarfen ihn zudem mit Stangen und auch Metallgegenständen. "Wir sind alle unbeschadet geblieben", bilanzierte Pentke, "darum ist alles gut."

Alle Beteiligten blieben freilich nicht unbeschadet. Am späten Abend twitterte die Münchner Polizei, dass zehn Beamte durch Wurfgeschosse aus der Nordkurve leicht verletzt worden waren.

Die schlimmen Ausschreitungen überschatteten das Relegationsrückspiel zwischen dem TSV 1860 und Jahn Regensburg und letztlich auch den Jubel der Gäste über das verdiente 2:0 und den Aufstieg in die zweite Liga. So war das Traurigste an diesem Tag nicht die schwache Leistung der uninspiriert spielenden Löwen, sondern die Randale hasserfüllter Chaoten, die das Spiel an den Rand des Abbruchs brachten.

Dabei war die Atmosphäre anfangs noch grandios. 62.200 Zuschauer sorgten für eine ohrenbetäubende Atmosphäre, besser und lauter als bei den meisten Spielen des FC Bayern an gleicher Stelle. Doch nach dem 0:2-Rückstand kurz vor der Pause kippte die Stimmung - acht Minuten vor Ende eskalierte die Situation endgültig. Fans und Ultras aus der Nordkurve kletterten auf den Zaun, zerrissen das Fangnetz hinter dem Tor, warfen erste Stangen aufs Spielfeld. Im Eilschritt formierten sich gepanzerte Einsatzkräfte rund um das Regensburger Tor, Sitzschalen flogen aufs Feld. Auch auf der Haupttribüne rasteten einige Zuschauer aus, pöbelten und warfen mit Bierbechern.

Das Spiel stand kurz vor dem Abbruch

Eine Wiederaufnahme des Spiels schien erst undenkbar, Schiedsrichter Daniel Siebert entschied nach 15 Minuten aber dennoch, die letzten Minuten zu Ende spielen zu lassen - und zwar nach kurzer Unterredung mit Pentke, der wieder in das Tor vor der Nordkurve musste. Der Regensburger Torwart sagte später: "Wir hatten die Absprache, dass wir weiterspielen, solange ich nicht getroffen werde. Ein bisschen Risiko war schon dabei." Größer sei die Gefahr laut Pentke bei einem tatsächlichen Spielabbruch gewesen, dann wäre die Lage womöglich völlig aus dem Ruder gelaufen.

So spielten sich bizarre Bilder ab: Dutzende Sitzschalen und Stangen flogen permanent über den Polizei-Wall aufs Tor und in den Fünfmeterraum, Pentke war fast ausnahmslos nur noch damit beschäftigt, Gegenstände aus dem Weg zu räumen.

Und der aufgebrachte Mob war nicht mehr zu beruhigen. Vermummte Gestalten warfen Stangen aufs Feld, eine streifte den eingewechselten Regensburger Haris Hyseni leicht. Und auch nach Abpfiff wüteten einige Fans weiter, beschimpften Reporter Regensburger Lokalradios auf der Presstribüne und drohten ihnen Schläge an.

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1860-Abstieg: Fliegende Sitze aus der Löwen-Kurve

Ob er in den letzten Minuten nicht Angst gehabt habe, wurde der Torwart später gefragt: "Nee", sagte Penkte, der von 2009 bis 2015 beim Chemnitzer FC gespielt hat, und ergänzte grinsend: "Ich komme ja aus dem Osten, da bin ich solche Zustände fast gewohnt." Auch die fliegenden Sitzschalen in seinem Rücken hätten ihm keine Sorgen bereitet: "Immer wenn ein Raunen durchs Stadion ging, wusste ich, dass wieder eine geflogen kam."

Ganz so gefasst war Heiko Herrlich nicht, als er später über die bangen Minuten sprach. "Ich bin dankbar, dass nichts Schlimmes passiert ist", meinte der Jahn-Trainer sichtlich bewegt, "ich habe den vierten Offiziellen immer wieder gefragt, wann abgebrochen wird. Natürlich hatten wir alle Angst, dass unsere Spieler von Stangen oder Sitzen getroffen werden. Leider gibt es Leute, die nicht handeln, wie es sein sollte. Man muss doch auch in der Niederlage Haltung bewahren."

Sechzig steht vor einem Scherbenhaufen

Haltung zu bewahren glückte aber nicht einmal Vitor Pereira. Es klang verdächtig nach Abschied, als sich der Löwen-Trainer in der Pressekonferenz bei allen Mitarbeitern des Vereins und auch bei den Journalisten bedankte. Konkret aber wurde er nicht, verbat sich jedoch jegliche Nachfrage: "Dafür habe ich heute keinen Kopf." Dann stand er auf und ging, es war höchstwahrscheinlich sein letzter Auftritt in Diensten des Chaos-Klubs 1860, der nach 13 Jahren Zweitklassigkeit nun in die dritte Liga absteigt und schon am Abend des Abstiegs akute Auflösungserscheinungen zeigte.

Geschäftsführer Ian Ayre war gar nicht erst im Stadion gewesen, drei Stunden nach Spielende wurde sein Rücktritt offiziell, genau wie der von Präsident Peter Cassalette. Auch die meisten Spieler werden den Verein verlassen. Unklar ist auch, ob der jordanische Investor Hasan Ismaik noch Gefallen hat an dem Klub oder sich nun verabschiedet. Sicher ist nur, dass der TSV 1860 nach den Krawallen massive Konsequenzen seitens des DFB zu erwarten hat.

Die am späten Dienstagabend verlassene und demolierte Nordkurve war in jedem Fall ein Sinnbild für den Zustand des Deutschen Meisters von 1966. Der TSV 1860 ist aktuell nur noch ein einziger Trümmerhaufen.



insgesamt 93 Beiträge
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starsnake 31.05.2017
1. Relegation abschaffen
Man sollte die Relegation abschaffen. Sportlich hat sie praktisch keinen Wert. Nur unnötig hochgeputschte Emotionen, die den Sport zur Nebensache werden lassen.
ziooyong 31.05.2017
2. Meine
Meine Erinnerung an 60 München stammt aus dem Jahr 1963. 60 war zu einem Pokalspiel in unserer Stadt und vor Beginn des Spiels ging ein 60er Fan durch die Reihen und pöbelte die Leute an: suchst ein Streit, soll ich dir eine reinhauen. Das war das erste Mal, dass ich in unserem Städtchen so etwas erlebt habe, nicht mit heute zu vergleichen. Radi stand im Tor bzw weit vor seinem Tor und ich glaube die 60er haben knapp 1:0 gewonnen. O tempora o mores.
hoschi82 31.05.2017
3. Relegation
Spätestens mit dem Spiel der Münchner Löwen und der Reaktion der "Fans" hat sich gezeigt, dass die Relegation in der Form keinen Sinn macht und nur unnötige Polizei-und damit Steuer Kosten verursacht. Wer würde bei den Szenen der letzten beiden Tage noch ruhigen Gewissens mit seinen Kindern ins Stadion gehen wollen.
xardas79 31.05.2017
4. Unglaublich
Schade und Tschüss TSV Das ist das Ergebnis jahrelanger Vetternwirtschaft!
jallajalla 31.05.2017
5. Von Rechts wegen
gehören solche Veranstaltungen, die regelmäßig mit einer Gefährdung der Sicherheit und Ordnung einhergehen, schlicht und ergreifend verboten. Aber da es vordergründig um Fußball geht, traut sich da keiner ran. Da ist der gemeine Politikus ganz Proll. Zumindest die Sicherung innerhalb der Stadien gehört den Veranstaltern auferlegt, wie das beispielsweise bei Konzertveranstaltungen der Fall ist.
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