Rangers-Fans: Maulkorb für die Massen

Von Jörn Kruse, Glasgow

Früher war alles besser, sagen die Fans der Glasgow Rangers. Da durften sie noch im Ibrox Park ihre berüchtigten Schmählieder schmettern. Doch nicht nur die Wiederzulassung der Chants ist das Ziel. Die Anhänger wollen lieber stehen, erfuhr das Magazin "11 FREUNDE".

Der Union Jack bedeckt die komplette Gegengerade ("Govan Stand"). Und während die Flagge des britischen Empires gen Himmel gereckt wird, drehen die Zuschauer auf dem "Broomloan" und dem "Copland Road Stand" ihre Papptafeln um: Hinter den Toren kommen zwei überdimensionale schottische Flaggen zum Vorschein. Die tausend Mitglieder von "The Blue Order" haben wieder ganze Arbeit im Ibrox Park geleistet, wo die Glasgow Rangers ihre Heimspiele austragen.

Rangers-Profi Beasley (r.) und Celtic-Spieler McGeady: Immer ordentlich etwas los beim innerstädtischen Kräftemessen
REUTERS

Rangers-Profi Beasley (r.) und Celtic-Spieler McGeady: Immer ordentlich etwas los beim innerstädtischen Kräftemessen

Doch die Fans des schottischen Rekordmeisters (51 Titel) agieren zuweilen auch zerstörerisch. Zum Beispiel beim Spiel des FC Villareal im April vergangenen Jahres wurden die Scheiben des Gästebusses eingeworfen. Die Uefa verhängt gegen die Rangers eine Geldstrafe von 13.000 Pfund, auch weil die Anhänger wieder einmal Schmähgesänge skandiert hatten.

Seit jeher ist Glasgow eine Fußballstadt, und zwar eine, in der die Fans über der Stränge schlagen. Die Kneipenlandschaft ist in der schottischen Metropole dreigeteilt: Die Anhänger von Celtic (41 Meisterschaften, zuletzt aber deutlich erfolgreicher als die Rangers) treffen sich in den sogenannten "grünen Pubs", die Rangers in den "blauen". Und dann gibt es noch die neutralen, die mit einem "No colours"-Schild darauf aufmerksam machen, dass jeder rausfliegt, der sich als Anhänger eines der Glasgower Clubs zu erkennen gibt.

"Es gibt Zeiten und Orte, da zeigt man auf der Straße besser nicht, welcher Seite man angehört", sagt Werner Gailenkirchen, Mitinitiator des "German Rangers Network", einem losen Zusammenschluss von Rangers-Fans in Deutschland. Seit 20 Jahren hält der Kölner zum Club, der bis 1989 nur protestantische Spieler unter Vertrag nahm. Zu Celtic hielten seit der Gründung 1887 vorwiegend die katholischen Einwanderer aus Irland. Die Vereinsfarben (Grün-Weiß) verweisen auf die irische Landesflagge.

Die Rangers-Fans von "The Blue Order" machen keinen Hehl daraus, wo ihre Wurzeln sind. In ihrem "Mission Statement", einer Art Grundsatzprogramm, heißt es: "Rangers are scottish, british and proud". Allerdings wird im nächsten Absatz darauf hingewiesen, dass alle Nationalitäten und Überzeugungen im Club willkommen seien – sofern man sich seiner protestantischen Herkunft bewusst sei.

Scharfe Gesetze sollen den religiös motivierten Exzessen ein Ende setzen. Wer die traditionellen, inzwischen als sektiererisch eingestuften Gesänge nutzt, dem droht seit einigen Jahren eine Haftstrafe. So dürfen die Zuschauer im Ibrox Park (50.467 Plätze) eines ihrer berühmtesten Lieder nicht mehr singen: "Billy Boys". Ein Chant, dessen Ursprung auf eine protestantische Glasgower Straßengang zurückgeht, die sich in den zwanziger Jahren blutige Schlachten mit Katholiken lieferte. Gerade Zeilen wie "We're up to our knees in fenian blood, surrender or you'll die" ("Wir waten bis zu den Knien im Blut der verdammten Iren, gebt auf oder ihr werdet sterben") führten zu dem Gesangsverbot.

Gailenkirchen, selbst Katholik, findet das Verbot zu weitgehend und sieht seine Rangers benachteiligt: "Wenn wir einem Gesang den Zusatz 'Fuck the pope' anhängen, ist das diskriminierend, wenn die Celtics 'Fuck the queen' singen, ist es das nicht." Um nicht anzuecken singen die Rangers-Fans inzwischen "Feed the Penguins" statt "Fuck the Pope" oder einfach nur ein lang gezogenes "Schhhhhhhh". Jeder weiß dann, wofür die Platzhalter stehen.

Die Rangers-Fans stehen allerdings vor einem viel größeren Problem als dem verbotener Schlachtrufe. Die berühmte Ibrox-Stimmung leidet in dem reinen Sitzplatzstadion. Viele sagen, dass sie nur noch gegen Celtic, Aberdeen und an Europapokal-Abenden zu spüren sei. Für Gailenkirchen ist es diese Stimmung, die den Ibrox Park so einzigartig ausmacht: "Die Massen stehen absolut hinter der Mannschaft und verschmelzen zu einem Ganzen." Um sich im Stadion wieder mehr einbringen zu können, kämpft "The Blue Order" seit Jahren für eine "Singing Section", wo die Fans stehen, hüpfen und singen dürfen. Bislang vergeblich.

Dabei ist die Kreativität der Rangers-Fans legendär, wenngleich die Resultate oftmals von Außenstehenden als geschmacklos empfunden werden. So trällerten in den Siebzigern 40.000 Rangers beim Stadtderby "Nobody knows where poor Johnny died, but the lights went out this time". Der Hintergrund: Kurz zuvor hatte ein Celtic-Spieler versucht, die hauseigene Elektrik auf Vordermann zu bringen. Es endete zwar nicht mit dessen Ableben, aber einem Stromschlag, der ihn für das Derby ("Old Firm") außer Gefecht setzte.

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