Rangnick-Beurlaubung "Uns blieb nichts anderes übrig"

Die Abschiedsrunde von Ralf Rangnick ist nicht ohne Folgen geblieben: 48 Stunden später hat Schalke 04 den Trainer beurlaubt. Die Führungskräfte des Vereins versäumten bei der Verabschiedung des Trainers aber nicht, kräftig nachzutreten.


Gelsenkirchen - "Uns blieb nichts anderes übrig. Es waren Dissonanzen da, die nicht mehr zu beheben waren", sagte Manager Rudi Assauer. Damit zog der Verein die vorhersehbaren Konsequenzen aus Rangnicks Abschiedsrunde in der Veltins Arena vor dem Schalker Bundesligaspiel gegen Mainz 05 (1:0).

Teammanager Müller, Manager Assauer (v.): "Wir erwarten einen Platz zwischen eins und drei"
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Teammanager Müller, Manager Assauer (v.): "Wir erwarten einen Platz zwischen eins und drei"

Diese Abschiedsrunde, die Rangnick aber nicht so verstanden wissen wollte ("Die Fans haben ständig meinen Namen gerufen. Da war es für mich normal, dass ich hingehe und danke sage."), wurde auch bei den eigenen Spielern unterschiedlich interpretiert. So sagte Nationalspieler Gerald Asamoah: "Wir machen uns warm, und da siehst du den Trainer vor den Fans laufen. Da war ich schon irritiert." Kollege Kevin Kuranyi äußerte Verständnis für den Coach: "Er ist ein guter Trainer, er hat es richtig gemacht."

Die Kritk an seiner "Abschiedsrunde" ließ Rangnick aber nicht auf sich sitzen: "Wenn du 15 Monate immer wieder nur Prügel zwischen die Beine geworfen bekommst und dann die Fans plötzlich mit so viel Gespür reagieren, dann ist es vielleicht menschlich nachvollziehbar, dass du dich dann auf der Welle der Sympathie mitreißen lässt. Jetzt also so zu tun, als wäre das eine bewusste Provokation gewesen, ist unredlich", sagte der Schwabe der "Frankfurter Rundschau".

Einen Tag zuvor hatte Rangnick auf einer routinemäßigen Pressekonferenz überraschend seinen Abschied zum Saisonende verkündet und damit auf die Differenzen mit der Clubführung um die Verlängerung seines am 30. Juni 2006 auslaufenden Vertrages reagiert. Der 47-Jährige hatte am 28. September 2004 Jupp Heynckes abgelöst.

48 Stunden nach dem Spiel gegen Mainz bekam Rangnick von Teammanager Andreas Müller seine Beurlaubung mitgeteilt. "Er war sehr bedrückt. Es war ein kurzes Gespräch", sagte Müller. Der Trainer wird sich am Dienstag von der Mannschaft verabschieden, sein Gehalt aber bis zum Ende seines Vertrages am 30. Juni in voller Höhe bekommen.

Im Bundesligaspiel am Samstag beim VfB Stuttgart (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) wird Torwarttrainer Oliver Reck die Mannschaft betreuen. "Es ist nur für ein Spiel und eine Woche vorgesehen. Über einen Nachfolger haben wir noch nicht nachgedacht", sagte Müller. Die Mannschaft könne "eine Überbrückungsphase auch ohne Cheftrainer überstehen". Mögliche Kandidaten für Rangnicks Nachfolge sind Matthias Sammer (zuletzt VfB Stuttgart) und sogar Huub Stevens, der die "Königsblauen" 1997 zum Uefa-Cup Sieg geführt hatte und derzeit Roda JC Kerkrade in der holländischen ersten Liga betreut.

Die Statistik spricht für Rangnick

Die Schalker Führung verabschiedete den ehemaligen Trainer mit erstaunlich harschen Worten. So sagte Müller, dass er nicht glaube, "dass der Trainer das Recht hat, uns vorzuwerfen, unprofessionell zu sein. Das halte ich für starken Tobak. Wir haben nie öffentlich eine Trainerdiskussion geführt". Auch Assauer trat regelrecht nach. "Wenn ich den Kader sehe, erwarten wir einen Platz zwischen eins und drei." Und Müller schob nach: "Wir haben Rangnick jegliche Unterstützung gegeben und eine Mannschaft hingestellt, wie sie noch vor zwei Jahren undenkbar war."

Statistisch gesehen ist Rangnick der erfolgreichste der letzten sechs Schalker Trainer. Das Team Schalke steht derzeit mit zehn Punkten Rückstand auf Herstmeister Bayern München auf Rang vier der Tabelle. In der vergangenen Saison führte der Schwabe den Club von Rang 15 bei seinem Dienstantritt auf Platz zwei in der Bundesliga und ins Pokalfinale (1:2 gegen Bayern München). Außerdem holte der Fußballlehrer pro Pflichtspiel im Schnitt rund zwei Punkte. Klar dahinter folgen Frank Neubarth (1,5), Huub Stevens (1,47), Jupp Heynckes (1,39) und Marc Wilmots (1,25).

Rangnick musste als sechster Trainer der laufenden Saison nach Klaus Augenthaler (Leverkusen), Wolfgang Wolf (Nürnberg), Ewald Lienen (Hannover), Michael Henke (Kaiserslautern) und Norbert Meier (Duisburg) vorzeitig gehen. Es war die 290. Trainerentlassung seit Gründung der Bundesliga 1963.



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